Eine vergoldete Speerspitze und ein morscher Stab

27. Februar 2012, 18:38
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Ista-Milliarde: Innsbrucker Forscher-Elite kritisiert "dramatische Schieflage" im Forschungsbereich

Wien/Innsbruck - Man kann es elitären Luxus nennen oder eine Absurdität der Extraklasse: Rudolf Grimm, der Leiter des Schwerpunkts Physik an der Universität Innsbruck und Direktor des renommierten Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), hat so viele exzellente Wissenschafter um sich, dass er ambitionierte Forschungsideen mittlerweile sogar prophylaktisch ablehnen muss, weil er, falls sie einen ERC-Grant - hochdotierte Förderprogramme des Europäischen Forschungsrats - gewinnen würden, gar keinen Laborraum zur Verfügung stellen könnte.

Das ist die Realität an einem der Top-Forschungsinstitute, wo in Österreich unzweifelhaft "Elite" beheimatet ist. Fünf ERC-Grants in nur einem Jahr und - vom Wissenschaftsfonds FWF in international evaluierten Verfahren vergeben - zwei Wittgensteinpreise (quasi der "Nobelpreis" für Wissenschafter) und viele START-Preise. - Aber "kein Platz". Oder: "Gute Idee, aber geht leider nicht, weil ich dich nicht mehr unterbringen kann", erzählt Grimm im Gespräch mit dem STANDARD.

Es sind diese Zustände, die die 13 Professoren der Innsbrucker Physik veranlassten, die "dramatische Schieflage" in der österreichischen Forschungslandschaft zu kritisieren, nachdem das Institute of Science and Technology Austria (Ista) in Klosterneuburg von der Regierung eine langfristige Finanzierungszusage über eine Milliarde Euro für 2017 bis 2026 (plus rund 400 Millionen vom Land Niederösterreich) erhalten hat. Heute, Dienstag, soll die Ista-Milliarde im Ministerrat von ÖVP und SPÖ beschlossen werden.

Dabei stößt sich Wittgensteinpreisträger Grimm nicht prinzipiell an der Förderung des Ista (acht ERC-Grants seit Ende 2009), die sei "an sich gerechtfertigt - über die Höhe kann man diskutieren." Zumal gelte: "Wir leben in einer ganz anderen Situation."

Seine "Situation" sieht so aus: Als geschäftsführender Direktor des ÖAW-Instituts IQOQI hat er momentan überhaupt nur "eine Planungssicherheit von einem Vierteljahr", bis der endgültige Budgetbrief der unter Sparzwängen leidenden ÖAW kommt.

Uni-Institute wiederum haben die dreijährige Budgetsicherheit der Unis. Das Argument "Planungssicherheit", das für das Ista ins Treffen geführt wurde, sei aber auch für ihn wichtig, wenn es darum gehe, "ob ich Stellen überhaupt wiederbesetzen kann", erklärt Rudolf Grimm seine Problemlage: "Wir kriegen die Probleme der Unis und der ÖAW mit voller Wucht zu spüren."

So sei für das dringend benötigte "Haus der Physik" in Innsbruck "kein tragfähiges Finanzierungskonzept zustande gekommen". Dann sei es auch verständlich, dass eine Milliarde für das Ista, das von der Politik als "Speerspitze" gedacht gewesen sei, für Irritationen sorge. "Was hat das für einen Sinn, eine vergoldete Speerspitze zu schaffen, und hinten ist ein morscher Stab", fragt Grimm. "Das ganze Konzept passt nicht zusammen." Es gebe einfach "unerträgliche Missverhältnisse" im Forschungssystem.

Was tun? Grimm, Experte für ultrakalte Atome, plädiert fürs Erste einmal für ein Auftauen der aus Budgetgründen auf Eis gelegten Exzellenzinitiative des FWF. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. Februar 2012)

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