Furcht vor Chaos und Anarchie

Analyse27. Februar 2012, 18:55
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Putin profitiert von den Ängsten eines durch Revolutionen traumatisierten Volks

Bei aller Skepsis, die man Analysen und Prognosen Kreml-naher Institute und Meinungsforscher entgegenbringen muss, ist eines klar: Die Protestbewegung, die sich nach den offensichtlich gefälschten Duma-Wahlen im Dezember formierte, bleibt weitestgehend auf Moskau und St. Petersburg beschränkt. Politischen Charakter hat sie insofern, als sie wachsendes öffentliches Bewusstsein einer bisher überwiegend apolitischen Mittelschicht ausdrückt; faktische politische Relevanz wird sie vorerst bestenfalls indirekt haben, weil eine anerkannte Führungspersönlichkeit fehlt und auch nicht ansatzweise in Sicht ist.

Davon profitiert letztlich wieder Wladimir Putin - mangels einer glaubwürdigen Alternative. Nach der Prognose des (regierungsnahen) Demoskopieinstituts WZIOM vom 20. Februar kann der Premier am 4. März landesweit mit 58,6 Prozent der Stimmen rechnen; in Moskau allerdings nur mit 43,7, in St. Petersburg mit 46,7 Prozent. In den beiden Metropolen werden dem Oligarchen Michail Prochorow dafür deutliche höhere Ergebnisse als landesweit (8,7 Prozent) prognostiziert: in Moskau 17,2, in der alten Hauptstadt 16 Prozent.

Falls hinter Prochorows Kandidatur, wie viele glauben, tatsächlich die Kreml-Taktik steht, liberale Mittelschichtwähler zu ködern, scheint sie aufzugehen. Und dies, obwohl der Multimilliardär eingestandenermaßen nicht gegen das Establishment antritt - bietet er sich dem künftigen Präsidenten Putin doch als Premierminister an.

Betrachtet man die wichtigsten Erwartungen, die die Russinnen und Russen in einen Präsidenten ihrer Wahl setzen, dann erscheinen sowohl die Schwerpunkte in Putins Wahlprogramm und Kampagnen als auch Russlands Außenpolitik (etwa im Fall Syrien) noch schlüssiger: Wiederherstellung der Großmachtrolle Russlands; Stärkung von Gesetz und Ordnung; gerechte Einkommensverteilung.

Offenbar lässt auch die Warnung vor einer neuen Revolution viele Unschlüssige wieder in das Putin-Lager einschwenken. Dort hat man die Situation nach den ersten Massenprotesten bewusst dramatisiert - in Kenntnis der historisch bedingten, tief verwurzelten Angst der Russen vor Chaos und Anarchie.

Staat als einzige Klammer

In seinem phänomenalen Werk "Die Tragödie eines Volkes" (Berlin Verlag), das auch ein Schlüssel zum Verständnis des heutigen Russland ist, schreibt der britische Historiker Orlando Figes: "Wenn mit dem Jahr 1917 etwas bewiesen wurde, dann dies, dass die russische Gesellschaft weder stark genug war noch genügend inneren Zusammenhalt besaß, um eine demokratische Revolution durchzustehen. Abgesehen vom Staat selbst gab es nichts, was Russland zusammengehalten hätte."

Wie es scheint, hat sich daran auch 95 Jahre später noch nichts Entscheidendes geändert. Mit der Betonung auf noch. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2012)

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