Kein Pardon bei der Schulpflicht in Wien

27. Februar 2012, 18:51
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Andere Bundesländer ermöglichen Kindern, die in der Entwicklung verzögert sind, im Kindergarten zu bleiben

Wien - Elisabeth W. ist mit dem Gemeindekindergarten, den ihr Sohn in Wien besucht, stets zufrieden gewesen. "Die Betreuung ist ideal, und er fühlt sich total wohl dort", erzählt die Wienerin. Der Fünfjährige war ein extremes Frühchen, hat bis heute Defizite in seiner motorischen und sozialen Entwicklung, seit kurzem leidet er auch an epileptischen Anfällen. Seine Mutter möchte ihn deswegen im Herbst noch nicht in die Schule geben, sondern ihn ein weiteres Jahr im Kindergarten lassen. "Mein Sohn bräuchte einfach noch diese Zeit in einer ihm vertrauten Umgebung", sagt Frau W.

Wie bereits vom Standard berichtet, müssen in Wien Eltern, deren Kinder zwar bereits das Schulalter erreicht haben, die aber von ihrer Entwicklung noch nicht schulreif oder schulfähig sind, ihre Kinder einschulen. So sieht es das Gesetz auch vor, allerdings wurde bis vor rund eineinhalb Jahren meist nach einer individuellen Lösung gesucht. Im Büro von Stadtrat Christian Oxonitsch (SP) hieß es, dass der Stadtschulrat und nicht die MA10 (Kindergärten) zuständig sei.

Die einzige Möglichkeit, die es laut Stadtschulrat derzeit noch gibt: Das Kind wird zum häuslichen Unterricht angemeldet und dieser findet eben im Kindergarten statt. Für Kinder, die in privaten Einrichtungen betreut werden, besteht so immerhin eine Chance, dass sie ein weiteres Jahr in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können - auch wenn die Eltern für das Extra-Kindergartenjahr zahlen müssen.

Attest eingeholt

"Diese Lösung ist in Wien in einem öffentlichen Kindergarten schlicht nicht mehr möglich", sagt Elisabeth W., die sogar ein Attest von der Entwicklungsambulanz im AKH eingeholt hat, das bestätigt, dass ihr Bub noch nicht schulreif sei. "Ich hätte sogar eingesehen, wenn das weitere Jahr kostenpflichtig gewesen wäre." Von der Sonderkindergärtnerin habe sie erfahren, dass ihr Sohn, der im Sommer sechs Jahre alt wird, ab Herbst in die Schule muss. Freunde, erzählt Frau W., hätten ihr sogar geraten, dass sie doch in ein anderes Bundesland ziehen solle, wo es noch möglich ist, Kinder ein weiteres Jahr im Kindergarten zu lassen. "Aber ich möchte meinen Sohn eben nicht aus seinem vertrauten Umfeld reißen", sagt sie.

In Oberösterreich werden derzeit 27 Kinder ein weiteres Jahr im Kindergarten belassen, wie ein Sprecher von Landesrätin Doris Hummer (VP) auf Nachfrage des Standard bestätigt. In Einzelfällen sei dies möglich, wenn ein Kind noch nicht schulfähig ist. Die Rückstellung erfolgt über den Bezirksschulinspektor. Haben Gemeindekindergärten oder private Träger noch freie Plätze zur Verfügung, kann das Kind im Kindergarten bleiben. Im benachbarten Niederösterreich betont eine Sprecherin von Landesrätin Barbara Schwarz (VP), dass man sich natürlich an die Gesetze halte. Aber: "Wenn es in Einzelfällen dem Wohl des Kindes dient, finden wir auch Wege."

Elisabeth W. versteht nicht, warum dies in Wien nicht mehr möglich sein soll. Auch wenn ihr Kind bestens betreut wurde, "hätte ich gewusst, dass es nicht möglich ist, meinen Sohn ein Jahr länger im Gemeindekindergarten zu lassen, hätte ich ihn gleich in einen Privatkindergarten gegeben". (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2012)

  • Ist für ein Kind, das in seiner Entwicklung noch bei weitem nicht 
reif für die Schule ist, der Kindergarten oder die Vorschule der beste 
Platz? Eltern in Wien hätten gern die Wahlmöglichkeit.
    foto: der standard/hendrich

    Ist für ein Kind, das in seiner Entwicklung noch bei weitem nicht reif für die Schule ist, der Kindergarten oder die Vorschule der beste Platz? Eltern in Wien hätten gern die Wahlmöglichkeit.

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