Vergeudete Kreativität

Kommentar27. Februar 2012, 18:52
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Putins Kreativität zum eigenen Machterhalt ist unbegrenzt, jene Russland effizient zu gestalten aber praktisch nicht vorhanden

Ein Favorit, der dem Wahltag gelassen entgegensieht: Diesen Eindruck vermittelt Wladimir Putin nicht. Den spontanen Massenprotesten nach der manipulierten Duma-Wahl im Dezember folgten: trotzige Abwehrreaktion, gepaart mit Warnungen vor einer neuen Revolution mit Chaos und Anarchie; dann vage Reformankündigungen; dann die Mobilisierung angeblich Putin-begeisterter Massen (nach Aussagen vieler Beteiligter teils mit Druck in den Betrieben, teils mit Bezahlung); dann die Hochstilisierung der Präsidentschaftswahl zur Entscheidung zwischen Russland und seinen Feinden.

Und, wie der Zufall so spielt, sechs Tage vor der Wahl die Meldung von einem angeblichen Attentatsplan gegen Putin. Dass tschetschenische Extremisten dem mächtigsten Mann Russlands nach dem Leben trachten, ist durchaus plausibel. Weniger schlüssig ist, warum das russische Staatsfernsehen gerade jetzt von einer Explosion beim Bombenbasteln im fernen Odessa vor einigen Wochen berichtet, von der die Behörden auf Anfrage nichts wissen.

Die Kreativität der russischen Staatsmacht zu ihrer eigenen Absicherung hat sich seit Putins erstem Amtsantritt im Jahr 2000 virtuos entfaltet; umgekehrt proportional dazu allerdings ihre Effizienz, wie das Erwachen der Bürgergesellschaft zeigt. Warum also das schöpferische Potenzial des Kremls nicht gleich in die Entwicklung einer echten Demokratie zum Wohle Russlands investieren?(DER STANDARD Printausgabe, 28.2.2012)

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