Eingangsgespräche als Drop-out-Falle für Frauen?

27. Februar 2012, 18:59
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Zahl der Studienanfängerinnen an der TU Wien im Semester-Vergleich um 30 Prozent gesunken - Dekan erwidert: Frauenanteil konstant

Prävention heißt das aktuelle Zauberwort in vielen gesellschaftlichen Bereichen, so auch in der Bildungspolitik. Um die Zahl der StudienabbrecherInnen beim Informatik-Studium zu verringern, gibt es seit Sommersemester 2011 sogenannte Studieneingangsgespräche, die verhindern sollen, dass diese überhaupt erst das "falsche Studium" wählen.

Vorgehensweise

Bei einem circa 20-minütigen Gespräch treffen dabei Interessierte des Bachelor-Studiums mit zufällig zugeteilten Lehrenden der Fakultät zusammen. Inhalt des Gesprächs sind die Erwartungen an das Studium, der/die Lehrende gibt wiederum Feedback zum Motivationsschreiben, das inzwischen bei der Bewerbung zum Studium vorgeschrieben ist.

Zahl der Studienanfängerinnen gesunken

Jetzt, nach einem Jahr zeigt sich, dass die Zahl der Inskribierten tatsächlich gesunken ist, doch einen gewaltigen Haken gibt es dabei: Während es bei den Männern im Vergleich von Sommersemester 2010 zu Sommersemester 2011 zehn Prozent weniger sind, liegt der Rückgang bei den Frauen bei satten 30 Prozent.

Dieser Gender-Gap tut besonders weh, da die Studentinnen seit jeher beim Informatik-Studium in der Minderzahl sind. Im Wintersemester 2011 belief sich der Frauenanteil in allen Informatik-Studienrichtungen bei 16,4 Prozent (gesamt, nicht nur Studienanfängerinnen).

Unterschiedliche Berechnungen

Der Dekan der Informatik-Fakultät, Gerald Steinhardt, kann die Aufregung nicht verstehen. Der Grund: er führt ein anderes Rechenmodell an, wonach sich der Frauenanteil bei den Informatik-Studiengängen nicht wesentlich verändert hat. Hierfür vergleicht er das gesamte Studienjahr 2009/2010 (WS und SS) mit dem Studienjahr 2010/2011. Der Frauenanteil bei den StudienanfängerInnen erhöht sich nach dieser Rechnung sogar noch von 20,6 auf 22,5 Prozent. Der Abfall beim Frauenanteil im Sommersemester 2011 auf 15 Prozent, als die Gespräche eingeführt wurden, bezeichnet er als statistischen "Ausreißer", an dem noch kein Trend festgemacht werden könne. Er erinnert daran, dass der Frauenanteil bereits im Wintersemester 2011 wieder auf 20,9 Prozent angestiegen sei.

Die TU habe die Eingangsgespräche eingeführt, weil die Informatik an der TU Wien das einzige Massenstudium im MINT-Bereich sei. "Wir haben uns nach internationalem Vorbild darum bemüht, für unsere Studierenden den Einstieg persönlich zu gestalten und eine bessere Entscheidungsgrundlage für ihre Studienwahl zu schaffen." International und auch an den anderen Informatik-Standorten in Österreich sei die Zahl der Informatik-Studierenden schon länger rückläufig gewesen. Möglicherweise treffe dieser Trend jetzt auch die TU Wien. Am Rückgang der Studierenden-Zahl habe er persönlich keine Freude, da die AbsolventInnen in Wirtschaft, Industrie und Verwaltung stark nachgefragt werden. Mehr als die Hälfte aller Informatik-StudienanfängerInnen Österreichs auszubilden wie in den letzten Jahren, bedürfe allerdings an der Informatik-Fakultät der TU Wien wesentlich mehr Ressourcen als derzeit zur Verfügung stehen.

Hampl: "Unseriöse Rechnungsweise"

Rupert Hampl von den Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS) an der TU Wien bezeichnet die Rechnungsweise von Dekan Steinhardt hingegen als "höchst unseriös": "Will man die Auswirkungen der Gespräche beobachten, müssen die Studienjahre, in denen es sie gab, mit jenen verglichen werden, in denen es sie noch nicht gab. Das ist aber bei der Rechnung von Dekan Steinhardt nicht der Fall. In den beiden Studienjahren wurde erst im Sommersemester 2011 Eingangsgespräche durchgeführt."

Seine Fraktion fordert eine Untersuchung, warum die Eingangsgespräche für Frauen scheinbar abschreckendere Wirkung haben. "Laut der aktuellen Faktenlage müssen wir davon ausgehen," warnt er. Werden die interessierten Frauen bei diesen persönlichen Gesprächen womöglich anders behandelt als ihre Kollegen?

Gespräche als Hemmschwelle

Patricia Pospisil, Studienvertreterin der Informatik, kann diesen Verdacht nicht bestätigen. Als Studienvertreterin darf sie den Eingangsgesprächen als Beobachterin beiwohnen. Eine ablehnende oder gar feindliche Gesprächsatmosphäre von Seiten der Lehrenden konnte sie bei den Gesprächen, denen sie persönlich beiwohnte, nicht feststellen. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass es vielleicht gar nicht die Gespräche an sich sind, die Frauen abschrecken, sondern allein die Tatsache, dass sie vorgeschrieben sind. "Für manche ist das sicher eine Hemmschwelle, über die sie sich nicht drüber trauen", so Pospisil gegenüber dieStandard.at. Die Inskriptionszahlen für das Sommersemester 2012 werden zeigen, wie sich der Frauenanteil an den Informatik-Studienrichtungen weiter entwickelt. (red, dieStandard.at, 27.2.2012)

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