Balance auf einem Hochseil ohne Netz

27. Februar 2012, 17:04
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Dietrich Henschel als Liedsänger und Rezitator im Ehrbar-Saal: Ein Gespräch

Wien - "Es braucht dringend neue Impulse." Bei seiner Diagnose über den Zustand der klassischen Musikwelt liefert Bariton Dietrich Henschel im selben Atemzug gleich das Rezept mit, um den "Funken der Begeisterung", wie er es nennt, inmitten eingefahrener Sichtweisen und routinierter Betriebsamkeit neu zu entfachen.

Einen langen Atem hat der 45-Jährige ebenso wie unzählige Projektideen: Soeben hat er den Film Irrsal - Triptychon einer verbotenen Liebe auf Basis von Orchesterliedern von Hugo Wolf abgedreht, und neben seinen Auftritten bei großen Veranstaltern und Festivals findet er ebenso regelmäßig Zeit, um ungewöhnliche Veranstaltungen jenseits des üblichen Konzertformats und auch an abgelegenen Orten zu realisieren.

Vergnügt sitzt Henschel beim Termin mit dem Standard neben Clemens Horvat, dem Gründer des Ein-Mann-Projekts "Stadtinitiative Wien", der unbeirrbar von allen Geboten der Vernunft und Machbarkeit seit Jahren seine oft eigenwilligen Veranstaltungen in die Tat umsetzt.

"Genau solche Verrückte braucht es, und jeder Künstler und Kulturmanager sollte sich etwas von dieser Verrücktheit bewahren", meint Henschel, der bei Horvat bereits Stammgast ist. Auch diesmal kommt der Sänger wieder in den Ehrbar-Saal, um sein Konzept der Kombination von Liederabend und Lesung weiterzuverfolgen.

Seine Begeisterung über diesen Ansatz spricht aus jedem seiner Worte. Henschel: "Bei Liedern hat man es meist mit Gedichten zu tun, die heute aktuell lesbar sind. Natürlich sind Texte für einen Sänger immer die Grundlage seiner Arbeit, aber durch die musikalische Umsetzung durch den Komponisten ist auch schon sehr viel Interpretation vorhanden."

Im Gegensatz zu einer solchen Festlegung schätzt der Künstler, der seit einiger Zeit auch als Dirigent tätig ist, die gestalterischen Möglichkeiten bei gelesenen Texten: "Rezitieren heißt, direkt an der primären Materie des Textes zu arbeiten, weniger vorgegebene Parameter zu haben - und eine viel größere Freiheit in der Auswahl der eingesetzten Mittel. Allerdings ist es auch ein Balanceakt auf einem Hochseil ohne Netz - oder mit einem Netz, das viel weiter unten hängt als bei einem reinen Liederabend."

Ganz abgeschworenen hat Henschel dem "normalen" Konzert aber nicht, auch wenn er durch die Intensität seines vokalen Einsatzes und seiner Darstellung ohnehin nie Gefahr läuft, dem Publikum ein gemütliches Zurücklehnen zu ermöglichen. So gestaltet er bei der Stadtinitiative zunächst einen Abend mit Wunderhornliedern von Gustav Mahler: "Das ist eine Thematik, die einen schlicht umhaut. Mahlers Musik ist wie ein Abgesang auf eine Epoche. Sie blickt stark nach vorn, etwa dort, wo der kriegspositive Zeitgeist seiner Zeit komplett denunziert wird."

Am zweiten Abend konfrontiert Henschel dann gemeinsam mit dem Pianisten Markus Bellheim Klavieretüden von György Ligeti mit dem Märchen von Eros und Fabel von Novalis: "Das ist eine unglaublich bilderreiche Sprache, sich in Symbolen verschlingend, die für mich die Stimmung von Fantasyfilmen vorwegnimmt: Ein unglaublich weit vorausweisendes Stück Literatur." (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe 28.2.2012)

28. 2. (Mahler) und 1. 3. (Novalis/Ligeti), 19.30, Ehrbar-Saal, Mühlg. 30, 1040 Wien

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