Das Schaltjahr bringt der Wirtschaft viel Geld

28. Februar 2012, 06:15
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Rein rechnerisch bringt der 29. Februar hunderte Millionen Euro. Reicher wird Österreich dadurch aber nicht, es funktioniert nicht wie eine Hühnerfarm

Das Jahr 2012 lässt Handel, Produktion und Tourismus auf mehr Umsätze hoffen. Alle vier Jahre hat der Februar nämlich 29 statt 28 Tage. Ein Tag mehr zum Arbeiten und Konsumieren und damit mehr Wohlstand, könnte man meinen. Experten beziffern im heurigen Jahr die positiven Effekte für Österreich mit 0,6 bis 1,2 Milliarden Euro. Grundlage für diese Prognosen bildet das durch den Schalttag gewonnene Plus an Arbeitstagen, das ganze 0,4 Prozent beträgt. 1,2 Milliarden Euro oder 0,4 Prozent – gemessen an der österreichischen Wirtschaftsleistung (BIP) von rund 300 Milliarden Euro - bilden dabei die rechnerische Obergrenze für Wertsteigerungen, die daraus hervorgehen.

"Das ist eindeutig zu hoch", sagt Marcus Scheiblecker vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) zu derStandard.at. Was im mathematischen Modell gut aussehe, müsse noch lange nicht Wirklichkeit werden. Nicht jeder Wirtschaftszweig profitiere von einem Mehr an Tagen. Er nennt hier die Hotellerie und den öffentlich-rechtlichen Bereich. Die Menschen würden lange Wochenenden gerne für einen Ausflug ins Ausland nutzen, was den Interessen der heimischen Hotels und Thermen zuwiderliefe. Auch ein Tag mehr Polizei oder Landesverteidigung hätte keinerlei Effekt.

Gut für Industrie und Landwirtschaft

Andere Bereiche würden aber sehr wohl davon profitieren, vor allem die Landwirtschaft und die Industrie. "Eine Henne legt jeden Tag ein Ei. Ein Tag mehr, ein Ei mehr", erklärt der Ökonom. Gleiches gelte für eine Papierfabrik, die 24 Stunden am Tag laufe. Den positiven Lenkungseffekt beziffert Scheiblecker insgesamt - über alle Wirtschaftszweige hinweg - auf 0,2 bis 0,3 Prozent. Das entspricht 600 bis 900 Millionen Euro. Friedrich Schneider, Ökonom an der Linzer Johannes-Kepler-Universität, geht von 1,2 Milliarden Euro aus, wie er dem "Wirtschaftsblatt" vorrechnete. Allerdings seien Kosten in der Höhe von bis zu 150 Millionen Euro an Unfällen, Stress und Krankenständen abzuziehen.

Reichtum kommt von Produktivität

So weit, so gut. "Unser Reichtum steigt dadurch aber überhaupt nicht", ist WIFO-Experte Scheiblecker überzeugt. Mehr Wohlstand bedinge mehr Produktivität, und die hänge sich nicht an Zeiträumen auf. Das Schaltjahr hat für ihn einen netten statistischen Effekt, nicht mehr. Gäbe es im nächsten Jahr plötzlich 400 Jahrestage, dann wäre die Statistik ganze zehn Prozent im Plus, betont der Ökonom mit einem Schmunzeln.

Interessanter für die Wirtschaftsforscher sind die absoluten Arbeitstage. Da heuer viele Feiertage unter der Woche stattfinden, wird an weniger Tagen gearbeitet. "Das Arbeitsjahr fällt recht günstig, trotz Schalttag gibt es 2012 zwei Arbeitstage weniger", so Scheiblecker. Auf die Wirtschaftsleistung wirke sich das naturgemäß schlecht aus. Insgesamt kommt das WIFO auf 247,5 Arbeitstage. Karfreitag (fällt heuer auf den 6. April), Heiligabend und Silvester werden als Halbtage geführt. Die Arbeiterkammer geht von 249 Tagen aus. 2011 waren es noch 249,5 bzw. 250 Tage.

Das Schaltjahr macht die Österreicher also nicht reicher. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit kann man den statistischen Blumenschmuck aber durchaus brauchen. (sos, derStandard.at, 28.2.2012)

Wissen

Ein Schaltjahr gleicht die Differenz zwischen einem Kalenderjahr und dem Sonnenjahr aus. Das Sonnenjahr, in der Fachsprache tropisches Jahr genannt, dauert ungefähr 365 Tage, fünf Stunden und 48 Minuten. Das Kalenderjahr ist also um einen Vierteltag zu kurz. Dadurch wird alle vier Jahre ein Schalttag eingefügt, der diesen Unterschied ausgleicht.

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    WIFO-Ökonom Scheiblecker: "Ein Tag, ein Ei".

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