Oscarkrise

27. Februar 2012, 16:27
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Wer ist Shailene Woodley? Schauspieler, die mir beim Durchklicken bekannt vorkamen, waren schon berühmt, als ich jung war - Kolumne von Heidi List

Ausgestattet mit einem lebensgierigen Kind, war es heute wieder einmal 5.30 Uhr beim Aufstehen. Just die Minute, als sich alle Fernsehsender nach der rauschenden Oscar-Nacht von ihren Zuschauern verabschiedeten, davon habe ich also gar nichts mitgekriegt. Trotzdem, das Kind bekommt den Auftrag, mehrere Bauernhöfe mit allen Tieren dieser Welt zu zeichnen, ja, gerne mit Draculazähnen und, ja, gerne wohnhaft in Raketen oder was sonst noch cool ist.

Und dann klickt man sich durch die Red-Carpet-Fotos in den Onlineforen. Wer war dort, wer waren die Sieger, wer die Verlierer, worum geht's in den Filmen überhaupt? Wieso kann ein Film aus Frankreich namens "The Artist" gewinnen, der zwar ein Stummfilm ist, aber doch trotzdem eher zur Liste aus dem Ausland müsste, oder? Hab ich immer noch nicht herausgefunden, was es damit auf sich hat. Bzw. wurde ich abgelenkt von einer kleiner persönlichen Krise.

Beim Durchsehen der Prachtfotos stellte ich fest, dass
1.) die Schauspieler, die mir bekannt vorkamen, alle schon berühmt waren, als ich jung war,
2.) ich aber ansonsten kein Schwein mehr kenne
3.) und daher also anscheinend vollkommen und letztgültig den Anschluss verpasst habe.

Ich bin da bei Antonio Banderas und Melanie Griffith stehen geblieben und habe mich nicht mehr weiterentwickelt. Dem Douglas-Clan sieht man seit Jahren zu, wie sie alt und immer älter werden. Und Meryl Streep gewinnt eh immer. Aber man kümmert sich anscheinend zu wenig um die neu herangewachsenen Stars.

Seitenlange Listen von Leuten, die man nicht kennt

Da gibt es Namen wie Shailene Woodley, geboren 1991, also gestern, die auf imdb.com eine seitenlange Liste stehen hat, was sie alles schon gedreht hat. Nie von der gehört, ich. Früher hatte man die Filme, Protagonisten, Regisseure und wenn möglich auch die Produzenten im kleinen Finger. Man warf mit Namen um sich, begeisterte andere für filmische Neuentdeckungen, ließ sich in abstruse Kinos in Filme in Originalversionen entführen, bei denen man weder die Sprache der Schauspieler noch die der Untertitel verstand, und zog trotzdem ein cineastisches Vergnügen daraus.

So, und was ist jetzt? Weil nicht so viel Kohle vorhanden ist, dass man Entlohnung für den Babysitter in der Höhe eines Kleinautos spendieren kann, und man omamäßig auch unterversorgt ist, geht Kino nur mehr zwei- oder dreimal im Jahr. Das sind dann aber die Blockbuster. Ansonsten geht man eher in Konzerte, weil Musik einem noch ein bisserl näher ist als Kino. Das Unrechtsbewusstsein in Bezug auf Internet-Downloads ist natürlich da, daher tut man so was natürlich nicht. Kann aber auch daran liegen, dass man die technische Obernull ist.

Weiters ist man Serienjunkie und muss sich daheim "Breaking Bad", Teil eins bis 1.000 ansehen, sowie "Mad Men", "The Wire" und Co. Das ist zeitaufwendig. Schlaf muss auch irgendwann sein, weil man hat ja das 5.30-Uhr-Kind. So weit die Ausreden.

Praktisch ist es so, dass den Faden verlieren eine Alterserscheinung ist und ich spätestens seit der heutigen Erkenntnis meiner totalen Filmbranchenunkenntnis zum alten Eisen gehöre. Ich ende also so wie eine Dame in meiner näheren Verwandtschaft, die sich vor zehn Jahren eine John-Wayne-DVD-Kollektion angeschafft hat und seitdem nichts anderes mehr schaut. Nicht mal die Nachrichten. Sie sei so in guten Händen, habe also nichts zu verlieren und muss sich nicht mehr um neuen Input kümmern. Altern hat kein bestimmtes Datum. Ich habe gerade rückgefragt, mein Vater kennt Shailene Woodley. Damn. (derStandard.at, 27.2.2012)

Hinweis: Urlaubsbedingt entfällt die Kolumne am 5. März

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Shailene Woodley.

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