Die Kommunisten kandidieren nicht mehr

27. Februar 2012, 11:23
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Zu finden ist Karl Marx nur noch in hinteren Landeswinkeln, der Arbeiterstolz hat sich längst verflüchtigt

Le Creusot liegt im tiefsten Burgund, unweit berühmter Weinberge. Doch die Weintouristen machen selten halt in dem Ort, der in seinem Wappen einen Schmiedehammer führt: Le Creusot ist nur bekannt für seine Stahlproduktion (Dampflokomotiven, Eisenbrücken, Bahnhofshallen), und seine Einwohner können sich die teuren Edeltropfen der Hautes Côtes de Nuit gar nicht leisten.

Fast 40 000 Arbeiter und ihre Familien zählte die Fabrikstadt vor knapp einem Jahrhundert. Heute sind es noch die Hälfte, und die Tendenz ist abnehmend. Einige Weltkonzerne wie Alstom, General Electric oder ArcelorMittal unterhalten dort noch kleinere Werkstätten, aber der Arbeiterstolz hat sich längst verflüchtigt. Im Stadtzentrum zeugt nur noch ein Schaufenster von der ruhmvollen Vergangenheit: Der Parti Communiste Français, der in Le Creusot schon immer ein Heimspiel hatte, behält als einzige Partei und gut sichtbar ein Empfangsbüro. 

 

Unter den dicken roten Lettern "PCF" prangen ein Konterfei von Karl Marx und ein handschriftliches Zitat des kommunistischen Romanciers Gérard Mordillat: "Die ‚Entrüsteten' von heute sind die Erben der Revolutionäre von 1789, von 1848 und der Kommune", heißt es darin unter anderem.

Eine andere, etwas traurigere Revolution verschweigt das offensichtlich seit längerem geschlossene KP-Büro in der Rue Jean-Jaurès, der Hauptstraße von Le Creusot. Erstmals in der Geschichte der Fünften Republik tritt der PCF bei einer Präsidentschaftswahl nicht mit einem eigenen Kandidaten an. Illustre Vorgänger wie Jacques Duclos oder Georges Marchais waren selbstverständlich immer angetreten und hatten zum Teil über 20 Prozent Stimmen erzielt. Der PCF selbst erzielte nach dem Krieg in nationalen Wahlen bis zu 30 Prozent Stimmen. Lange Zeit bildete er zusammen mit den Gaullisten das zweite Standbein der französischen Politik.

Aber heute sterben die Arbeiter aus oder laufen zum Front National über. 2007 erzielte PCF-Kandidatin Marie-George Buffet nicht einmal 2 Prozent der Stimmen. Um eine ähnliches Erniedrigung zu vermeiden, musste sich PCF im Hinblick auf die Wahl 2012 mit dem "Front de gauche" (bestehend vor allem aus der französischen Linkspartei) zusammenschließen; nun unterstützt er deren Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, einen abtrünnigen Sozialisten.

Auch François Hollande, der Spitzenkandidat der Sozialisten, das heißt der Erzfeinde der KP, meinte im Guardian wie zum Hohn, die Engländer müssten in Frankreich keine Angst mehr vor Streiks und Revolutionen haben, denn es gebe dort "keine Kommunisten mehr". Freundlicherweise fügte er noch an: "Oder nicht mehr viele".

Ja, die Ära der einst stärksten Partei Frankreichs geht zu Ende. Ihr Niedergang geht einher mit der Krise, der man in Le Creusot auf Schritt und Tritt begegnet: Gleich neben dem KPF-Kontor machen die Läden derzeit gleich reihenweise dicht. In der Rue Jean-Jaurès sieht man viele alte Leute am Stock, dazu ein paar junge Maghrebiner mit Orangina-Dose.

Der größte, legendäre Schmiedehammer von Le Creusot steht heute als Denkmal an einer Straßenkreuzung. 

 

Die wenigen US-Touristen, die sich auf einer Weintour nach Le Creusot verirren, verwechseln das Monument der Industrieära gerne mit dem Eiffelturm (für den der Ort nur Eisenteile geliefert hatte). Die roten Lettern "PCF" fallen den Reisenden kaum auf. Dabei sollte man das Büro des Parti Communiste in Le Creusot auch unter Denkmalschutz stellen. (Stefan Brändle, derStandard.at, 27.2.2012)

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