Vogelgezwitscher als Urheberrechtsverletzung

27. Februar 2012, 11:08
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Wie ein Rechteverwerter einen Berg-Hippie vergrault - Ceci n'est pas un oiseau

Eeplox, nach Eigenbezeichnung ein "Beschützer der Erde", ist keine Figur aus Douglas Adams' "Hitchhiker's Guide". Es handelt sich vielmehr um den Nickname eines Mannes, der auf rohe, vegane Nahrung setzt und sogar auf Salz verzichtet. Er lebt mit Hund und Katz in den Bergen Zyperns in einem umgebauten Schiffscontainer mit einer Kompost-Toilette. Eeplox hegt seinen Garten und sammelt auf Wanderungen essbare Pflanzenteile. "Das ist, wie es gemeint war, dass Menschen leben: wandernd, auf der Nahrungssuche", erklärt er in einem seiner YouTube-Videos zum Thema "Simple Living".

Linux

Er filmt sich selbst mit einem ausrangierten Nokia-Handy, editiert die Videos auf einem Linux-Computer und stellt sie über ein freies, kommunales WLAN online. Er gibt Tipps zum anstrengenden, einsamen Leben unter weitgehendem Konsumverzicht. Auf Soundtracks verzichtet er bei seinen Videos ganz bewusst, "wegen all der Horrorgeschichten, die ich über Rumblefish höre, wie sie Urheberrechtsansprüche für gemeinfreie Musik stellen".

Das jüngste Video zeigt Eeplox, wie er, begleitet von Vogelgezwitscher, Grünzeug einsammelt, zu einem Salat mischt und sich schließlich zu dessen Lobpreisung durchringt. YouTube-Dutzendware.

"Ich fühle mich dadurch verletzt. Eine mysteriöses Wesen beansprucht mein eigenes Werk und profitiert offenbar davon durch Werbung."

Doch dann schlägt das berüchtigte Content-ID-System an und meldet urheberrechtlich geschützte Inhalte. Flugs wird Werbung rund um das YouTube-Videos platziert, aus deren Erlös die "Rechteinhaber" "entschädigt" werden. Kommerzielle Werbung liegt nun aber gar nicht in der Natur des Berg-Hippies: "Ich fühle mich dadurch verletzt. Eine mysteriöses Wesen beansprucht mein eigenes Werk und profitiert offenbar davon durch Werbung." Also bestreitet Eeplox die Urheberrechtsansprüche.

Nur einen Tag später kommt schon die Antwort: "Alle Eigentümer der Inhalte haben Ihr Video begutachtet und ihre Ansprüche an Teilen oder dem gesamten Inhalt bestätigt. Entität: Rumblefish. Art des Inhalts: Musikalische Komposition." Ende der Diskussion. Einen US-Anwalt kann sich der Subsistenz-Verfechter nicht leisten.

Erst als die Geschichte die Runde macht und sich die Zahl der Kommentare und Bewertungen des Videos in kurzer Zeit vervielfacht, wird der Hinweis auf das angeblich fremde Eigentum entfernt. Das Ausmaß der Werbung wird reduziert, die Singvögel sind wieder frei zu zwitschern.

Stellungnahme von Rumblefish

Rumblefish sprach gegenüber dem WebStandard von einem Fehler des YouTube-Content-ID-Systems. Der Vogelgesang sei irrtümlich als Musik eines von Rumblefish vertretenen Künstlers oder Labels erkannt worden. Nach Eeplox' Einspruch habe ein Rumblefish-Mitarbeiter den Urheberrechtsanspruch irrtümlich bestätigt. Sonntagabend sei man darauf aufmerksam geworden und habe das Problem korrigiert.

Jetzt wollen wir noch wissen, wessen Musik YouTube für Vogelgezwitscher hält. :-) (Daniel AJ Sokolov)

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