Mit Selbstverständlichkeit Ziele anstreben

Interview27. Februar 2012, 10:04
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Frauen in Führungspositionen findet man in der Medizin wenig. Ingrid Federl hat es an die Spitze geschafft. Wie? Mit einer klaren Prioritätensetzung und großer Selbstverständlichkeit

STANDARD: In Oberösterreich gibt es 19 öffentliche Krankenhäuser, nur zwei werden von Frauen geführt. Sie sind als Ärztliche Direktorin des Krankenhauses Steyr eine von ihnen. Wie konnten Sie sich in dieser Männerdomäne behaupten?

Federl: Ich war 22 Jahre lang als Fachärztin für Innere Medizin in diesem Spital tätig, bevor ich die Leitung des Qualitätsmanagements übernommen habe und später Ärztliche Direktorin des Krankenhauses geworden bin. Ich habe mich früh sehr bewusst dazu entschieden, den Beruf ganz in den Mittelpunkt meines Lebens zu stellen, und daher alle meine Energien darauf verwendet.

STANDARD: Das heißt, Medizinerinnen mit Kindern ist es nicht oder nur schwer möglich, ihren Weg ähnlich erfolgreich zu gehen?

Federl: Natürlich ist es möglich. Allerdings tragen heute immer noch die Frauen die Hauptlast der Familienarbeit. Irgendwo muss man halt Abstriche machen. Ich habe in meiner Zeit als Internistin regelmäßig sechs Nachtdienste - natürlich auch am Wochenende - gemacht. Das ist mit Kindern nicht so leicht zu vereinbaren.

STANDARD: Was tut das Krankenhaus Steyr, um Ärztinnen mit Familie zu fördern?

Federl: Wir haben eine ganze Fülle von Teilzeitmodellen, und zwar nicht nur, wenn junge Mütter aus der Karenzzeit zurückkommen, sondern auch dann, wenn sie schon in Führungspositionen sind. Es gibt bei uns auch Oberärztinnen, die Teilzeit arbeiten. Nur auf Primariatsebene, da gab es dieses Ansuchen noch nie.

STANDARD: Wie viele Ärztinnen sind hier Leiterin einer medizinischen Abteilung?

Federl: Von 22 Primariaten sind vier mit Frauen besetzt.

STANDARD: Kein Fünftel ...

Federl: Ja, leider. Das Problem ist, es gibt kaum Frauen, die sich um diese Positionen bewerben. Das stellen wir immer wieder fest. Dabei werden Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt, so steht es auch in jeder Ausschreibung des Landes Oberösterreich.

STANDARD: Woran liegt es also?

Federl: Offenbar ist das Interesse von Frauen für diese Aufgaben in dieser Form nicht gegeben.

STANDARD: Wie sieht es mit den Ausbildungsmöglichkeiten aus?

Federl: Ausbildungstechnisch wird heute für den Bereich Gesundheitsmanagement vor allem an den Fachhochschulen sehr viel angeboten. Ich kann nur alle ermutigen, die Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen und über den Tellerrand der Medizin hinauszuschauen. Für die Karriere von Frauen ist aber noch etwas anderes ganz entscheidend.

STANDARD: Und zwar was?

Federl: Ziele mit einer großen Selbstverständlichkeit anzustreben! Man sollte sich fragen, ob die eigene Qualifikation gut ist, ob man sich nicht dort und da verbessern könnte. Das ja! Aber der Gedanke "Kann ich das als Frau überhaupt schaffen?" darf überhaupt nicht präsent sein, darf keine Rolle spielen, schon gar nicht für die Frauen selbst.

STANDARD: Mit diesen Zweifeln werden Sie wohl oft konfrontiert?

Federl: Ja, immer wieder. Frauen managen ihre Familien, meistern eine Vielzahl von Herausforderungen, sie haben allen Grund, selbstbewusst zu sein! (Judith Hecht/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.2.2012)

INGRID FEDERL (Jg. 1956) leitete als Fachärztin für Innere Medizin am KH Steyr von 2004 bis 2006 das Gespag-Qualitätsmanagement. Seit 2007 ist sie die Ärztliche Direktorin des KH Steyr.

  • Federl: "Es gibt kaum Frauen, die sich um diese Positionen bewerben. Dabei werden Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt, so steht es in jeder Ausschreibung des Landes."
    foto: federl

    Federl: "Es gibt kaum Frauen, die sich um diese Positionen bewerben. Dabei werden Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt, so steht es in jeder Ausschreibung des Landes."

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