Auf dem Weg zum "Working Poor"

Leserkommentar27. Februar 2012, 09:54
78 Postings

Arbeiten, nur um die Sozialversicherungsbeiträge bezahlen zu können

Immer mehr Selbstständige leiden unter der extrem hohen Last ihrer Sozialversicherungsbeiträge. Gerade geringverdienende Ein-Personen-Unternehmer (EPUs) werden vom System der gewerblichen Sozialversicherung (SVA) überproportional belastet.

Selbstbehalte und Mindestbeitragsgrundlage

Je weniger ein Selbstständiger verdient, desto höher fallen seine anteilsmäßigen Sozialversicherungskosten gemessen am Einkommen aus. So zahlt ein Selbstständiger mit 5.000 Euro Jahreseinkommen 47 Prozent an Sozialversicherungsbeiträgen, während ein Gutverdiener bei 100.000 Euro Jahreseinkommen nur 16 Prozent seines Einkommens an Sozialversicherungsausgaben leisten muss. Dies ist deshalb möglich, weil es bei der SVA eine hoch angesetzte fiktive Mindestbeitragsgrundlage und eine Höchstbeitragsgrundlage gibt. Selbstständige müssen meist auch einen 20-prozentigen Selbstbehalt bezahlen, der sie noch zusätzlich belastet.

Im Normalfall sind Selbstständige weder arbeitslosen- noch krankengeldversichert. Diese beiden Zusatzversicherungen sind für Geringverdiener kaum leistbar. Selbstständige haben kein 13. und 14. Einkommen, keine bezahlten Urlaubs- und Feiertage.

In die Selbstständigkeit gedrängt

Gut gemeinte steuerliche Absetzbeträge kommen nicht zum Tragen, weil die meisten Selbstständigen (EPUs) wegen ihres geringen Einkommens ohnehin nicht einkommensteuerpflichtig sind und sogar viele unter dem Existenzminimum leben. Leider werden immer mehr Personen in die Selbstständigkeit gedrängt, um sie aus der Arbeitslosenstatistik herauszubekommen. Angeködert mit scheinbar günstigen Sozialversicherungsbeiträgen in den Anfangsjahren, werden viele in die Selbstständigkeit gelockt. Das schlimme Erwachen kommt aber spätestens dann, wenn die SVA beginnt, die nur gestundeten Sozialversicherungsbeiträge der Anfangsjahre im Rahmen einer Nachbemessung wieder einzukassieren.

Nachzahlungen und Vorschreibung

Erst dann wird den meisten bewusst, dass die Jungunternehmerförderung großteils nur in Form von gestundeten Sozialversicherungsbeiträgen stattgefunden hat. Die Sozialversicherungsbeiträge der Folgejahre setzen sich dann aus Nachzahlungen und Vorschreibungen zusammen, die so hoch sind, dass sie den kleinen Unternehmern den Wind für das Wachstum aus den Segeln nehmen, ja sogar jegliches Wachstum abwürgen, wenn man es bis dahin nicht geschafft hat, über die Mindestbeitragsgrundlage hinaus zu verdienen. Man arbeitet dann nur noch, um die Sozialversicherungsbeiträge bezahlen zu können, die wie in meinem Fall 75 Prozent des gesamten Vorjahreseinkommens ausmachen können. Statt ein bisserl mehr Netto vom Brutto in der Geldtasche zu haben, bleibt dann immer weniger vom Brutto übrig. (Leserkommentar, Fritz Reisenauer, derStandard.at, 27.2.2012)

Autor

Fritz Reisenauer ist Gewerbetreibender und lebt im Salzkammergut.

Share if you care.