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Gastkommentar27. Februar 2012, 09:12
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Über die Kluft zwischen Angestellten und Ein-Personen-Unternehmen - Von Andrea Fritz-Pinggera

Die Kluft zwischen Angestellten (insbesondere dem Sonderfall öffentlicher Dienst) und EPUs wird immer größer. Fest Angestellte sudern bei Kaffee und Zigarette über ihr schlimmes Los und sehen das 13. und 14. Gehalt als persönliche Errungenschaft ...

Unterschiede bei Versicherungsleistungen

Angestellte gehen meist "sorglos" zum Arzt. Sie benötigen meist kein langwieriges und zeitfressendes Per-Rechnung-Zahlen und müssen kein langwieriges Refundierungsprozedere durchziehen. (Der Zeitverlust ärgert mich beinahe mehr als das Fakt des Selbstbehalts - schließlich gilt bei mir "Zeit ist Geld", ich habe keine Stempeluhr, die das unter "Arztgang" oder sonst etwas verbucht.) Und: Geht die EPU in Karenz, nagt sie mit ca. 28 Euro pro Tag beinahe am Hungertuch.

Wann beginnt, wann endet die Arbeit für EPUs?

Die einen verlassen sich aufs Lebenseinkommen - als könnte das heutzutage jemand überhaupt noch berechnen ... Die anderen (EPUs) sind - meiner Erfahrung nach - weit mehr als 50 Stunden pro Woche beschäftigt, um Aufträge zu akquirieren, den Umsatz zu erzielen und neben dem Alltagsgeschäft in der Nacht die Umsatzsteuer, SVA und die Einkommensteuer abzurechnen und zeitversetzt ordentlich abzuliefern.

EPU - manchmal die einzige Chance?

Die vom Chef bezahlten Kaffeezeiten, Rauchpausen, Suderantenminuten, Krankenstände, Leerläufe, Plauscherlzeiten sind bei einigen einfach im Angestelltenlohn "inkludiert". Wer als EPU nicht permanent hochproduktiv ist, darf sich keine Leerzeiten leisten und muss Anbahnungsgespräche und Infogespräche wieder ummünzen. Oder eben so wenig verdienen, dass die Existenz gefährdet ist. Denn wie viele tägliche Arbeitsstunden sind je nach Branche verrechenbar? Gerade im Kreativbereich zahlt niemand Anfahrtskosten oder Fahrtkostenpauschalen wie bei Handwerkern. Notfalls wird sogar die Leistung in Frage gestellt, weil man die Grafik oder den Text "ja eventuell doch selber hingekriegt hätte" ... Viele EPUs schaffen sich ihren eigenen Arbeitsplatz, denn zwischen 45 und 55 ist man "zu alt und zu teuer" für ein Angestelltenverhältnis, das der Erfahrung und dem Können entspricht.

Aussitzen als sportlicher Wettbewerb

Am größten ist die Diskrepanz zwischen EPUs und Angestellten im öffentlichen Dienst. Von wegen "leichtere Versetzbarkeit der Beamten" - dass ich nicht lache. Nicht einmal ein einfacher Vertragsbediensteter in einer Gemeinde wird auf einen anderen Platz versetzt, teils mit Hinweis auf das starke Gemeindebedienstetengesetz oder weil es "nicht machbar" sei. Aussitzen - und sei es bis zu 20 Jahre lang - ist dort durchaus möglich, konkretes Hinarbeiten auf die Frühpensionierung bei einigen ein sportlicher Wettbewerb.

Leerzeiten befüllen, Ablaufoptimierung verweigern, fatalistisches Achselzucken ... So habe ich vieles beobachtet. Manch eine/r legt es darauf an: Wie kann man sich schnell aus der Erwerbstätigkeit in den Frühpensionistenstatus bringen? Das ist ein beliebtes österreichisches Spielchen und steht in völligem Widerspruch zu jenen, die täglich Aufträge reinfahren, ihre eigenen Buchhalter und Manager sind, termintreu und auch über die Nacht oder das Wochenende liefern, wenn nötig. Von der Schneiderin zum Grafiker, von der Fotografin bis zum Masseur ...

Arbeit als Bereicherung

Fünf Wochen Urlaub kann sich der normale EPU auch nicht leisten. Im öffentlichen Dienst steigt der Urlaub mit dem Alter an, sechs Wochen hat's dort schnell. Ich persönlich komme auf zwei Wochen, maximal - aber es fehlt mir nichts, weil ich meine Arbeit für ungemein bereichernd halte und nie mehr tauschen würde.

Lobby für EPUs

Abschließend: EPUs haben keine Lobby, weil sie tagtäglich mit Geldverdienen beschäftigt sind. Es wird Zeit, sich zusammenzuschließen und zu besinnen und Gleichberechtigung halbwegs herzustellen. Ob beim Einkommen, beim Kranksein oder im Hinblick auf die bald wohl noch ärger schrumpfenden Pensionen. Bei den "Amici delle SVA" auf Facebook wird bereits intensiv daran gearbeitet. Ich rechne damit, bis mindestens 70 arbeiten zu müssen. Meine massierende Kollegin wird das nicht schaffen ... (Andrea Fritz-Pinggera, derStandard.at, 27.2.2012)

Autorin

Andrea Fritz-Pinggera, wortwerk.cc, Amici delle SVA, http://www.facebook.com/groups/167636979964425/

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