Arzt Adelsmayr: "Anzeige, um mich mundtot zu machen"

Interview
  • Eugen Adelsmayr: "Die ganze Anklage basiert auf einem bewiesenermaßen gefälschten 
Dokument. Bisher hat es darauf keine Reaktion gegeben, die Fälscher sind
 nicht dafür belangt worden. Ich bezweifle mittlerweile, ob mir die 
Aufdeckung der Manipulation überhaupt geholfen hat."
    foto: apa/gindl

    Eugen Adelsmayr: "Die ganze Anklage basiert auf einem bewiesenermaßen gefälschten Dokument. Bisher hat es darauf keine Reaktion gegeben, die Fälscher sind nicht dafür belangt worden. Ich bezweifle mittlerweile, ob mir die Aufdeckung der Manipulation überhaupt geholfen hat."

Mediziner Eugen Adelsmayr steht in Dubai unter Mordanklage

Bad Ischl - Der 52-jährige oberösterreichische Arzt Eugen Adelsmayr steht in Dubai unter Mordanklage. Ihm und einem indischen Kollegen wird der Tod eines Patienten im Februar 2009 durch unterlassene Hilfeleistung und eine hohe Dosis Opiate zur Last gelegt. Der Mediziner soll damals eine Order ausgegeben haben, dass der Kranke im Falle eines Herzstillstands nicht wiederbelebt werden soll. Der Strafrahmen beträgt drei Jahre Haft bis hin zur Todesstrafe.

APA: Was hat Sie vor mittlerweile sieben Jahren dazu bewogen, in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zu gehen?

Adelsmayr: Ich habe vorher fast 15 Jahre in Tirol gearbeitet. Eines Abends habe ich interessehalber im Internet nach Jobangeboten gesucht und bin auf ein Inserat für eine vierwöchige Urlaubsvertretung in Abu Dhabi gestoßen. Ich habe mir Urlaub genommen und bin für einen Monat nach Abu Dhabi gegangen. Es hat mir dort sehr gut gefallen. Zurück in Österreich, Monate später, habe ich mit meiner Familie entschieden, dass ich mich in Tirol ein Jahr karenzieren lasse und nach Abu Dhabi gehe.

Am Ende dieses Jahres habe ich dann ein Jobangebot aus Dubai erhalten - die Leitung einer neuen, großen Intensivstation am Rashid Hospital. Das war ein toller Karriereschritt. Zuerst habe ich einen Zweijahresvertrag unterschrieben und dann immer wieder verlängert. Anfang April 2009 habe ich dann beim Al Ain Hospital in Abu Dhabi begonnen zu arbeiten.

APA: Was ist das Besondere an den VAE?

Adelsmayr: Am beeindruckendsten ist, wie Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen miteinander arbeiten. Auch die hohe Qualität dieser Arbeit. Ich habe auch wahnsinnig viel dabei gelernt.

APA: Wie hat Ihre Familie es aufgenommen, dass aus einem Jahr schließlich sieben geworden sind?

Adelsmayr: Das hat sich einfach so entwickelt. Die Kinder waren damals noch in der Schule, daher gab es auch keine Diskussion, ob die Familie mitgeht. Ich bin anfangs noch viel heimgeflogen, die Familie hat mich oft besucht, es hat sich gut eingespielt. Später waren die Kinder keine Kinder mehr, sondern junge Erwachsene, die irgendwann ihre eigenen Wege gehen. Meine Frau ist natürlich öfter - ungefähr alle drei Monate - nach Dubai gekommen. Es war für das Familienleben nicht ideal, aber hat ganz gut funktioniert.

APA: Am 17. Juli 2011 wurde schließlich der Prozess gegen Sie eröffnet. Wie hat Ihre Familie reagiert?

Adelsmayr: Es war schrecklich. Für meine Familie war dies ein schwerer Schlag. Ich habe zuvor nicht darüber gesprochen, wollte niemanden aufregen und belasten. Es war bis zu dem Zeitpunkt, als die Medien darüber berichteten, niemandem klar, was genau eigentlich los war.

APA: Ebenfalls im Juli 2011 wurde die schwere Krankheit Ihrer Frau bekannt.

Adelsmayr: Sie hat das einfach zu lange für sich behalten. Bis der Zeitpunkt da war, dass es zu spät war, die Krankheit noch effizient zu behandeln. Es war eine fürchterliche Situation. Ich war mehrere 1.000 Kilometer weg, im Land eingesperrt, und meine Frau sterbenskrank.

APA:  Haben Sie und Ihre Frau aus Rücksicht aufeinander Ihre jeweiligen Probleme verschwiegen?

Adelsmayr: Ja. Wir waren uns da beide sehr ähnlich.

APA: Was ist das Motiv der Behörden beim Prozess gegen Sie?

Adelsmayr: Als mir bei der ersten Untersuchung durch die "Dubai Health Authority" die Lizenz entzogen wurde (Dezember 2009, Anm.), habe ich ein Berufungsverfahren angestrengt. Dabei habe ich illegale Praktiken des Rashid-Hospitals aufgedeckt. Es hat dort eine Do-Not-Resuscitate-Order (DNR-Order, nicht wiederbeleben, Anm.) gegeben. Damit wurden praktisch Patienten getötet - obwohl das in den Emiraten verboten ist und als Mord geahndet wird. Das habe ich in meiner Verteidigungsschrift erwähnt.

Völlig unerwartet wurde mein Berufungsverfahren schließlich vom "Higher Committee for Medical Liability" (HCML) - der höchsten Instanz für medizinische Fragen in den VAE - akzeptiert. In diesem Moment musste die "Dubai Health Authority" befürchten, dass die illegalen Machenschaften im Rashid-Krankenhaus publik und untersucht werden. Daher die polizeiliche Anzeige gegen mich - um mich mundtot zu machen.

APA: Ende September 2011 durften Sie erstmals ausreisen. Hatten Sie damit gerechnet?

Adelsmayr: Nein. Von Insidern meines Falls wurde das so interpretiert, dass es den Verantwortlichen in Dubai am liebsten gewesen wäre, wenn ich nicht mehr zurückgekommen wäre. Dann hätte sich das Problem erledigt, die Fälschung des Gutachtens wäre nie aufgedeckt worden. (Das Gutachten des staatlichen Krankenhausträgers - der "Dubai Health Authoritiy" - soll manipuliert worden sein. Bei der Übersetzung aus der Originalsprache Englisch ins Arabische fehlten plötzlich 19 Seiten, Anm.) Meine Ausreise hätte als Schuldeingeständnis interpretiert werden können - Fall geschlossen.

APA: Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, dass Sie immer wieder nach Dubai geflogen sind?

Adelsmayr: Großteils mit Unverständnis. Am ehesten hat mich meine schwer kranke Frau unterstützt und gesagt, ich soll das Verfahren zu einem ordentlichen Abschluss bringen. Mittlerweile hat eigentlich niemand mehr - weder in meiner Familie noch im engeren Freundeskreis - Verständnis dafür, dass ich weiterkämpfe. Das Verfahren hat meiner Familie viel Kummer und Leid bereitet, mein Leben schwer beeinträchtigt. Es herrscht die Tendenz vor: Genug ist genug, ein Schlussstrich und ein Neuanfang müssen her. Verständnis und Unterstützung bröckeln.

APA:  Wie geht es weiter?

Adelsmayr: Es gibt für mich nichts mehr zu beweisen. Mittlerweile liegen drei Gutachten vor, die meine Unschuld beweisen - einschließlich des Originalgutachtens der anzeigenden Partei, der "Dubai Health Authority". Das zählt für mich am meisten. Die ganze Anklage basiert auf einem bewiesenermaßen gefälschten Dokument. Bisher hat es darauf keine Reaktion gegeben, die Fälscher sind nicht dafür belangt worden. Ich bezweifle mittlerweile, ob mir die Aufdeckung der Manipulation überhaupt geholfen hat.

APA: Am 22. Februar fand die bisher letzte Verhandlung statt, Sie waren erstmals nicht in Dubai. Warum?

Adelsmayr: Ausschlaggebend war der entschiedene Widerstand meiner Familie und meiner Freunde. Auch hätte ich in dieser Phase nichts mehr zum Prozess beitragen können. Ich habe aber auch bei den vorherigen Verhandlungen nie den Mund aufmachen dürfen.

APA: Vergangenen Mittwoch wurde die Verteidigung Ihres Mitangeklagten erstmals tätig und machte legte ein Dokument vor, das den indischen Mediziner entlasten und einen Pfleger belasten soll. Warum?

Adelsmayr: Der indische Mediziner wurde erst im Laufe des Verfahrens zum Mitangeklagten, zuvor war er Zeuge der Anklage. Ihm wird vorgeworfen, meine vermeintliche Anweisung (Patienten im Falle eines Herzstillstands nicht wiederzubeleben, Anm.) befolgt zu haben. Jetzt will die "Dubai Health Authority" ihn schützen, denn wenn er als Vollstrecker freikommt, kann ich schlecht als Anstifter verurteilt werden.

Es wird versucht, den indischen Kollegen aus der Schusslinie zu bringen und als Bauernopfer den pakistanischen Pfleger anzubieten. Dieser war vor Ort, als der Patient gestorben ist. Der Pfleger ist zudem noch pakistanischer Christ, kann sich kaum einen Anwalt leisten - das ideale Opfer. In einer schwächeren Position kann man nicht sein. Er hat - obwohl als Zeuge der Anklage geladen - im Prozess auch für mich ausgesagt. Er tut mir leid, er ist ein ganz ein netter und anständiger Mann.

APA: Wie ist Ihr Verhältnis zum mitangeklagten indischen Kollegen?

Adelsmayr: Beim Prozess stehen wir nebeneinander vor der Anklagebank. Ich habe nie zu ihm hingesehen. Immer wenn ich ihn vor den Verhandlungen gesehen habe, habe ich ihn gegrüßt - er hat nie zurückgegrüßt. Er hat immer alles brav nachgeplappert, was man ihm vorgesagt hat, irgendwie ist er in den Fall reingeschlittert und plötzlich als Mittäter dagestanden.

APA: Was erwarten Sie sich von der nächsten Verhandlung am 18. März? Werden Sie dabei sein?

Adelsmayr: Schwer zu sagen. Es kann sein, dass der Richter die Beweismittel vom Mitangeklagten würdigen wird. Das würde den Prozess um Monate verzögern. Der Richter kann aber auch nicht auf die Beweise eingehen. Dann könnte am 18. März das Urteil verkündet werden. Ob ich nach Dubai fliegen werde, weiß ich noch nicht.

APA: Was passiert, wenn Sie in Ihrer Abwesenheit verurteilt werden?

Adelsmayr: Es besteht die Möglichkeit, dass die Emirate einen internationalen Haftbefehl herausgeben und ich dann auf der Interpol-Fahndungsliste stehe. Die direkte Konsequenz wäre eine Einschränkung meiner Reisefreiheit. Viel interessanter wäre aber ein Freispruch. Die Staatsanwaltschaft beruft in den Emiraten routinemäßig immer, wenn das von ihr geforderte Strafausmaß nicht angewandt wird. Ich muss also davon ausgehen, dass sich der Prozess dann über weitere zwei oder drei Jahre zieht.

APA: Haben Sie Angst, dass im Falle eines Schuldspruchs die Todesstrafe vollstreckt wird?

Adelsmayr: Durch die Aufmerksamkeit, die mein Fall erregt - in der Öffentlichkeit und bei den österreichischen Behörden -, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Todesstrafe vollstreckt werden würde.

APA: Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?

Adelsmayr: Es gibt von meinen österreichischen Kollegen und Freunden immer wieder Hinweise und Angebote, dass ich dort oder da anfangen könnte. Zwei Sachen machen das schwierig: Einerseits die psychische Belastung der Verhandlung. Bevor das Verfahren nicht abgeschlossen ist, habe ich den Kopf nicht richtig frei, um vernünftig in die Zukunft zu blicken.

Zum anderen glaube ich, dass mir mein Bekanntheitsgrad beruflich nichts nützt, sondern eher schadet. Ein Krankenhaus muss ruhig funktionieren. Würde ich wo anfangen zu arbeiten, würde mich jeder nach Dubai fragen. Das lenkt ab und bringt Unruhe in einen Betrieb. Und das ist letztendlich von einem Dienstgeber nicht wirklich erwünscht.

APA: Ihr älterer Sohn, Gabriel, hat auch Medizin studiert und arbeitet mittlerweile am AKH in Wien. Würden Sie ihm davon abraten, in einem arabischen Land zu arbeiten?

Adelsmayr: Momentan schon, aber das steht bei ihm auch nicht zur Diskussion. Aber nicht unbedingt wegen meiner negativen Erfahrungen. Es hat sich auch die politische Situation verändert. Der Mittlere Osten war immer schon ein Unruhegebiet - durch den arabischen Frühling ist es noch viel unberechenbarer geworden.

Er wird auch vor den letzten Bastionen von autoritären Regimen - wie die Emirate, Kuwait, Oman - nicht haltmachen. Früher oder später kommt es auch dort zu Umbrüchen. Auch wenn die Bevölkerung dort verhältnismäßig viel Geld hat, ist sie nicht restlos zufrieden, da sie keine Mitspracherecht hat. Es gibt auch in den Emiraten oppositionelle Stimmen.

APA: Beim Prozess werden Sie von einem Team - dem Inhaber einer Rechtsanwaltskanzlei und seiner Tochter - verteidigt. Die Hauptverteidigung erledigt die Frau. Ist das ein Nachteil?

Adelsmayr: Nein. Ein bisschen mitentscheidend war für mich der Grund, dass es für Frauen in den Emiraten schwieriger ist. Sie müssen wesentlich härter arbeiten, sind in der Regel wesentlich besser ausgebildet und auch mutiger als die Männer. Denen wiederum wird es relativ leicht gemacht, die Emirate sind eine sehr männerdominierte Gesellschaft. Eine Frau muss wesentlich tüchtiger sein, um etwas zu erreichen. Bis jetzt bin ich mit dieser Entscheidung richtig gelegen, meine Anwältin arbeitet sehr, sehr gut.

APA: Wenn jetzt noch einmal 2005 wäre - würden Sie wieder in die VAE gehen?

Adelsmayr: Ja. Das ganze Umfeld mit Familie, Beruf und Karriere hat in der damaligen Situation gepasst. Dass die letzten zwei Jahre so katastrophal waren, macht die Entscheidung vorher nicht unrichtig. Ich habe auch keine Garantie, dass alles besser wäre, wenn ich hiergeblieben wäre. Vielleicht hätte ich in Österreich einen Autounfall gehabt oder etwas Ähnliches wäre passiert - man weiß ja nie. (APA/Angelika Kreiner)

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