Ein Lawinen-Schutzengel mit orangen Flügeln

26. Februar 2012, 20:34
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Bergführer Edi Koblmüller wurde in den Abruzzen von einer Lawine verschüttet. Dank ABS-Rucksack hat er überlebt - und seine Lehren aus dem Unfall gezogen

Linz/Wien - Es gibt Erfahrungen, die man dem schlimmsten Feind nicht wünscht. Und die man nie mehr aus dem Kopf bekommt: "Jedes Mal, wenn ich von Prinz Friso höre", sagt Edi Koblmüller, "denke ich: Ich könnte seit fünf Jahren im Koma liegen. So wie er."

Vor fast genau fünf Jahren wurde der Bergführer und Chef eines oberösterreichischen Bergreisebüros selbst verschüttet: Ende Februar 2005 führte Koblmüller eine Gruppe auf den Gran Sasso in den Abruzzen. Das Wetter war schlecht. Die Sicht miserabel. "Ich ließ die Gruppe unter einer Felswand warten - und sah mir das letzte Steilstück an", erinnert sich der heute 65-Jährige. 25 Meter noch, danach: "Ein Spaziergang." Doch dann: "Ich machte nur einen Schritt. Und das war einer zu viel." Der Hang riss ab. Alles rutschte. "Es ist, als würde ein Teppich unter den Füßen weggezogen."

Mitgerissen

Koblmüller löste seinen ABS-Rucksack aus. Hörte, wie die Luft in die Polster schoss, und wurde mitgerissen. "Für Angst war keine Zeit. Dafür sorgt das Adrenalin." Stattdessen war der Bergführer "empört. Weil es mich nach unten zog, trotz ABS." Der Grund: Ski wirken in Lawinen wie Anker - und in der Aufstiegsposition öffnen sich Tourenbindungen nicht. Doch die Luftsäcke hielten Koblmüller oben: Als die Lawine stand, "war ich einbetoniert". Mit freiem Blick auf das, was nun kam - und wovor auch die ABS-Hersteller warnen: nachrutschendem Schnee. Der begrub den Skifahrer binnen Sekunden. Koblmüller erinnert sich. "Ich verlor rasch das Bewusstsein." Ohne Atemhöhle erstickt man am ausgeatmeten CO2. "Ich höre immer noch dieses schreckliche Geräusch: Ich ringe um Luft, nur ist da keine." Dennoch: "Für Angst oder Panik ging alles zu schnell: Ich war weg."

Funktionieren aus Übung

Schnell ging es auch an der Oberfläche: "Du hast keine Zeit, zu denken, du funktionierst einfach", erklärt Thomas Neuhold. Der STANDARD-Redakteur war in Koblmüllers Gruppe: "Wir taten, was wir 1000-fach geübt hatten." Suchen, sondieren, schaufeln: Zum Drill der Lawinenkurse gehört auch, den Helfern einzubläuen, dass Tempo alles ist: Wessen Kopf binnen 15 Minuten frei ist, der hat gute Chancen, ohne Folgeschäden zu überleben. Danach sinken die Chancen sehr schnell.

Dank des Airbags lag Koblmüller nur 40 Zentimeter tief, erinnert sich Neuhold. "Wir wussten ziemlich genau, wo. Trotzdem dauerte es zehn Minuten." Als der Hubschrauber eintraf, war Koblmüller schon wieder ansprechbar. Die Analyse kam erst später: "Dort hätte jeder umgedreht", sagt Koblmüller heute. Wieso er es 2005, nach über 1000 Touren, nicht tat? "Es gibt nur eine Antwort: Menschen machen Fehler."

Üben für den Ernstfall

Das "Fazit" laute: stetes Üben für den Ernstfall. Auch aus einer anderen Lawine, die ihn 21 Jahre zuvor verschüttet hatte, habe ihn der professionelle Umgang eines Kameraden mit dem "Pieps" gerettet. Koblmüller war damals in den Pyrenäen von einer Lawine überrascht worden, "die keiner je vorhergesehen hätte: Das war das berühmte Restrisiko." Vorbereitung, die bestmögliche Ausrüstung ("ohne den ABS hätte man mich in den Abruzzen nie rechtzeitig geborgen") und der richtige Umgang damit seien der einzige Weg, dieses zu minimieren.

Freilich: Daraus eine Antwort auf die Frage abzuleiten, ob der Unfall des niederländischen Prinzen in Lech vor zehn Tagen vermeidbar gewesen wäre oder anders hätte enden können, dagegen verwahrt sich der Bergführer: "Fernanalysen kommen immer nur von Menschen, die keine Ahnung von der Materie haben." Das wären auch jene, die fragen, wieso Überlebende wieder ins Gelände gehen: "Es gibt überall im Leben Risiken. Nur wollen wir das nicht wahrhaben." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 27.2.2012)

  • Bergführer Koblmüller (Mi.) 2005, Minuten nach seiner Bergung aus der Lawine: Die Luftpolster des Airbags ermöglichten seinen Rettern (li. STANDARD-Redakteur Neuhold), den Verunglückten innerhalb von 15 Minuten auszugraben.
    foto: bergspechte.at

    Bergführer Koblmüller (Mi.) 2005, Minuten nach seiner Bergung aus der Lawine: Die Luftpolster des Airbags ermöglichten seinen Rettern (li. STANDARD-Redakteur Neuhold), den Verunglückten innerhalb von 15 Minuten auszugraben.

  • Edi Koblmüller heute: "Es gibt überall im Leben Risiken. Nur wollen wir das nicht wahrhaben."
    foto: bergspechte.at

    Edi Koblmüller heute: "Es gibt überall im Leben Risiken. Nur wollen wir das nicht wahrhaben."

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