Lagerzeitung "The Refugee": Eine Stimme für 500.000 Flüchtlinge

Reportage26. Februar 2012, 20:09
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Junge Flüchtlinge in Dadaab berichten in "The Refugee" selbst über die katastrophalen Lebensumstände im größten Flüchtlingslager der Welt

Aden Hassan Farah beugt sich noch etwas tiefer, um die alte Frau besser verstehen zu können. Sie ist so erschöpft, dass sie nur noch flüstern, nicht mehr aufstehen kann. Elf Tage floh sie zu Fuß aus dem Süden Somalias. Jetzt ist sie in Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt, angekommen. In "The Refugee" (Der Flüchtling) wird Farah ihre Geschichte erzählen.

Der 25-jährige Somalier ist Nachrichtenchef der Zeitung von Flüchtlingen für Flüchtlinge. In den nächsten Tagen erscheint in Dadaab die sechste Ausgabe."Ich bin selbst aus Somalia geflohen. Ich kann mir vorstellen, was die Frau durchgemacht hat", sagt Farah. Der Journalist war gerade mal fünf Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Mogadischu nach Dadaab kam. Sein Vater war bis 1991 Minister unter Siad Barre.

Als Warlords den somalischen Diktator stürzten, floh Farah mit seinen Eltern und Geschwistern in Geländewagen nach Dadaab. Schwerbewaffnete Leibwächter beschützten sie. 21 Jahre später schreibt Farah über seine eigenen Erfahrungen und das Schicksal von fast 500.000 Somaliern, die vor dem Bürgerkrieg ins Lager nach Kenia flohen.

Unter Beschuss

Abdi Abdullahi ist erst 27 Jahre alt und schon Chefredakteur des Blattes. Als er sieben Jahre alt war, geriet das Haus seiner Familie in der Hafenstadt Kismayo unter Granatenbeschuss des Warlords Aidid. "Mein Vater, meine Mutter und zwei meiner Geschwister wurden von der Granate zerfetzt. Ich war mit meinen beiden jüngeren Schwestern in einem anderen Raum. Wir blieben unverletzt und rannten los. Nach Dadaab", sagt der Journalist.

Abdullahi hat seine Geschichte oft erzählt, vor über einem Jahr schrieb er sie in einem Essay-Wettbewerb der in Dadaab tätigen amerikanischen Hilfsorganisation FilmAid International das erste Mal auf. Es war der Beginn seiner journalistischen Karriere. Ibrahim Hirsi, ein ehemaliger somalischer Flüchtling, der mittlerweile in den USA Journalismus studiert, führte Abdullahi und sein Team in das Schreiben von Reportagen, Kommentaren und Nachrichten ein, zeigte ihnen, wie man ein Interview führt, wie man mit einer Digitalkamera, einem Diktiergerät und einem Computer umgeht. Kurz darauf erschien die erste Ausgabe von The Refugee.

"Die Leute vertrauen uns"

"Meine Redakteure und ich haben oft als Begleiter und Übersetzer für ausländische Journalisten gearbeitet. Irgendwann haben wir uns gedacht: Wir leben hier, wir kennen hier jedes Problem, wir brauchen keine Übersetzer, die Leute vertrauen uns. Was die ausländischen Journalisten können, die auf der Suche nach einer Story durch das Lager hetzen, können wir auch. Vielleicht sogar besser", sagt Abdullahi.

Ein Redaktionsbüro haben er und seine sechs männlichen und zwei weiblichen Kollegen nicht. Sie sind meist zu Fuß im Flüchtlingslager unterwegs, schreiben ihre Artikel handschriftlich vor, tippen sie dann im Büro von FilmAid International ab oder schreiben sie in ihren Hütten auf dem einzigen Redaktions-Laptop. Mithilfe eines kenianischen Journalisten layouten sie die acht Seiten starke Zeitung und schicken die fertige Datei per Mail nach Nairobi. Dort wird The Refugee gedruckt und mit einem mit Hilfslieferungen beladenen Lastwagen in das 500 Kilometer entfernte Flüchtlingscamp gebracht - die letzten drei Stunden mit Polizeischutz über eine staubige Piste.

Vorleser und Übersetzer

"The Refugee gibt uns Flüchtlingen eine Stimme. Wir erfahren, wo wir im Lager Hilfe bekommen, wir lesen von Flüchtlingen, die es geschafft haben, Dadaab zu verlassen, und uns so Mut machen", erzählt Flüchtling Idriss, der die Zeitung im Schatten eines Baumes laut vorliest. Rund 20 Menschen hören ihm gebannt zu, die meisten von ihnen können nicht lesen. Idriss übersetzt auch für jene, die kein Englisch verstehen. In der aktuellen Ausgabe berichten die Redakteure unter anderem von einem Mädchen, das in Dadaab nicht zur Schule gehen kann, weil es im Lager keine Damenbinden kaufen kann, und von einem Flüchtling, der nach Salt Lake City in den USA zieht.

The Refugee gibt nicht nur den Leben der jungen Redakteure, die von Karrieren bei CNN oder Al Jazeera träumen, in der Monotonie des Lagers einen Sinn, es hilft auch den Lesern. Nach einem Bericht über einen Flüchtling mit einem kürbisgroßen Tumor im Gesicht sammelten die Bewohner Spenden, finanzierten so die lebensrettende Operation in Nairobi. Nach einer Reportage über Albinos im Lager begriffen die Bewohner, dass die weißen Somalier keineswegs verhext sind, sondern ihnen nur Pigmente fehlen. Die Diskriminierung ließ nach. Mit einem Gedicht protestierte die 17-jährige Redakteurin Asan Warsame gegen die übliche Zwangsverheiratung junger Mädchen.

Gewalt im Lager

Eines der immer wiederkehrenden Themen ist die Gewalt im überfüllten Lager. Morde, Raubüberfälle und Vergewaltigungen sind in der Zeltstadt keine Seltenheit. Chefredakteur Abdi Abdullahi ist selbst unmittelbar betroffen. Nach dem tödlichen Granatenangriff auf das Haus seiner Eltern erreichte er nach tagelanger Flucht mit seinen beiden jüngeren Schwestern Dadaab. "Als wir ankamen, dachten wir, wir hätten es geschafft. Aber Sharifo, meine jüngste Schwester, wurde im Lager so oft vergewaltigt, dass sie schließlich an den Folgen starb." Über Sharifo berichtete keiner der ausländischen Korrespondenten. Für CNN, BBC, Reuters und die New York Times war die zu Tode vergewaltigte kleine Schwester des Refugee-Chefredakteurs keine große Story. (Philipp Hedemann aus Dadaab, DER STANDARD, Printausgabe, 27.2.2012)

  • Mit Block, Stift und Diktiergerät sind die Reporter von "The Refugee" im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia unterwegs. Die gedruckte Zeitung wird unter Polizeischutz ins Lager gebracht.
    foto: philipp hedemann

    Mit Block, Stift und Diktiergerät sind die Reporter von "The Refugee" im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia unterwegs. Die gedruckte Zeitung wird unter Polizeischutz ins Lager gebracht.

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