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Nicht die Herkunft ist wichtig, sondern die Sprache, in der man sich ausdrückt: Olga Grjasnowa.
Wien - In ihrem Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt thematisiert die Schriftstellerin Olga Grjasnowa Freundschaften, posttraumatische Belastungsstörungen, das entwurzelte Leben zwischen Kriegsgebieten und wie man das alles als junge Frau mit sich tragen kann.
Wie Grjasnowa selbst stammt auch ihre Ich-Erzählerin Mascha Kogan aus Aserbaidschan - es ist die einzige Gemeinsamkeit, wie Grjasnowa beteuert. Doch beide haben häufig ihre Wohnorte gewechselt und sind polyglott. Grjasnowa kam als Kontingentflüchtling nach Deutschland, genau wie ihre Heldin. Beide weisen Auslandsaufenthalte in Israel auf und haben weit verstreute Verwandte. Grjasnowa hat in Moskau, in Warschau und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Literatur studiert und beherrscht mehrere Sprachen, Mascha Kogan ist Übersetzerin. Die Protagonistin des Romans ist anpassungsfähig, selbstbewusst, will für die Uno dolmetschen und ist immer auf dem Sprung. Sie ist "nicht zu fassen", wie Elmar Kerkeler in der Einleitung feststellt.
Hinter der quirligen Art verbirgt sich jedoch die Unsicherheit eines jungen Mädchens, das in den Pogromen von Bergkarabach traumatisiert wurde. Als ihr Freund Elias - er ist Fotograf und von Maschas Freunden der einzige, der in Deutschland geboren wurde - an den Folgen eines an sich harmlosen Beinbruchs stirbt, fällt sie in tiefe Verzweiflung, und das Trauma in ihrem Leben verdoppelt sich. Sie flüchtet sich in andere Welten, Sprachräume und Betten. Zur Ruhe kommt sie dadurch nicht.
Grjasnowa schreibt schnörkellos und sprunghaft - es wirkt, als ob die Geschichte sich von selbst fortträgt. Trotzdem gibt es karg-poetische Momente, auch kühle Ironie blitzt auf. Es ist ein hartes, couragiertes Buch, das beachtenswert und zu empfehlen ist. Wer sich allerdings etwas erwartet, was andere "Migrationsliteratur" nennen, wird enttäuscht sein.
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Standard: Wo liegen die Unterschiede zwischen Autorin und Romanfigur?
Grjasnowa: Sie kennen mich jetzt fünf Minuten, aber meine Protagonistin kennen Sie ganz gut. Ich habe nichts davon erlebt. Die einzige Gemeinsamkeit ist: Die Romanfigur kommt wie ich aus Aserbaidschan.
Standard: Mascha ist Jüdin, Aserbaidschanerin, Russin, Deutsche: eigentlich eine klassische Bewohnerin des globalen Dorfes?
Grjasnowa: Sie nimmt, was ihr gerade in den Kram passt und für ihre Karriere sinnvoll ist. Und das spielt sie dann aus. In Israel ist es praktisch, dass sie Jüdin ist, aber in den besetzten Gebieten würde sie das eher nicht erwähnen.
Standard: Stellen Sie sich die Frage nach nationaler Identität?
Grjasnowa: Ich bin Deutsche, wie wär's damit? Für mich hat das nichts mit Herkunft zu tun, sondern es ist viel eher die Sprache, in der man sich ausdrückt. Auch die lokalen Dialekte spielen eine Rolle. Oder die Ausbildung. Es prägt einen eher, ob man jetzt Medizin, Jura oder Kunst studiert hat, als wo man herkommt.
Standard: Wenn kein Staat Heimat sein kann, ist dann die Literatur ein Ort, an dem man wohnen kann?
Grjasnowa: Schön wär's. Gute Bücher bilden natürlich ein Zuhause für eine gewisse Zeitspanne. Ich glaube aber, wenn das Leben gerade auseinanderfällt oder eine Beziehung zu Ende geht, dann hilft das nichts. Es ist aber kein therapeutisches Buch, es ist hoffentlich Belletristik. Das Schreiben ist für mich eine ganz gute Anleitung zu denken. Mit dem Stift in der Hand kann ich Sachen klarer sehen und formulieren.
Standard: Warum ist Ihre Protagonistin so ruhelos, immer auf der Suche nach Halt?
Grjasnowa: Das posttraumatische Drama bringt mit sich, dass man das Leben mehr oder weniger aufgibt. Zuerst steht das Trauma eher im Hintergrund, sie hat viel Lebenskraft, dann werden aber ihre Panikattacken immer stärker und bestimmen ihren Alltag. Erst am Schluss bittet sie das erste Mal um Hilfe: Alles scheint ihr aussichtslos, sie weiß nicht, wo sie ist. Jedes Mal, wenn sie glaubt, Elias zu sehen, kommen die Erinnerungen an die Pogrome in Baku zurück. Sie kann die Dinge nicht mehr auseinanderhalten, das ist Teil der posttraumatischen Belastungsstörung. Um die Erinnerung an Elias wachzuhalten, schläft sie mit vielen Menschen, mit Männern wie Frauen.
Standard: Ihre Hauptfigur ist Übersetzerin. Bei Translationen geht oft die Besonderheit eines literarischen Werkes verloren, aber andererseits ist das Übersetzen für den Austausch notwendig. Wie beurteilen Sie dieses Dilemma?
Grjasnowa: Es gibt Konnotationen, die verlorengehen. Aber es können sich neue Räume aufmachen. Die russische Lyrik ist teilweise entsetzlich ins Deutsche übersetzt, teilweise aber auch ganz gut. Mir ist trotzdem eine Übersetzung lieber als ein Original, in dem ich nur die Hälfte verstehe. Aber das ist eher persönliche Bequemlichkeit.
Standard: "Hinter den Fenstern eines klimatisierten, kugelsicheren Jeeps war die Westbank schön": Kann man den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in Mitteleuropa überhaupt rational verstehen?
Grjasnowa: Ich denke, nicht einmal die Leute, die involviert sind, verstehen ihn rational. Er wird mit allen möglichen religiösen Gefühlen gefüllt. Es gibt, glaube ich, niemanden, der kein religiöses Interesse an Jerusalem und an den besetzten Gebieten hätte. Rational würde sich niemand für eine Stadt mit so vielen Problemen begeistern. (Timon Mikocki, DER STANDARD/Printausgabe 27.2.2012)
Olga Grjasnowa, 1984 in Baku (Aserbaidschan) geboren, lebt in Berlin und studiert dort Tanzwissenschaften.
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