"Chávez ist umgeben von loyalen Jasagern"

Interview26. Februar 2012, 18:19
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Die Historikerin Margarita López Maya über eine mögliche Nachfolge Chávez'

Nach einer mehrstündigen Rede machte sich Venezuelas Präsident Hugo Chávez vergangene Woche auf zu seiner Krebs-OP nach Kuba.

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Standard: Jetzt, wo die Erkrankung des Präsidenten offenbar doch ernster ist als ursprünglich zugegeben, müsste doch langsam die Frage der Nachfolge aufkommen.

López Maya: Das ist ein Tabuthema in der Sozialistischen Einheitspartei, was aber nicht heißt, dass hinter vorgehaltener Hand nicht doch alle darüber reden. Chávez' Regierungsstil ist absolut personalistisch, in den letzten Jahren hat er sich zum Übermenschen aufgeschwungen, und ich vermute, dass er in eine Art Machtdelirium geriet und sich für unsterblich hielt. Diesen Rückschluss ziehe ich jedenfalls aus seinem jüngsten Eingeständnis, auch er sei sterblich. Trotzdem heißt das nicht, dass er die Nachfolgerdebatte erlaubt. 2007 kam das Thema schon einmal auf, nachdem Chávez das Wiederwahlreferendum verloren hat. Doch das war dann schnell vom Tisch, als er 2009 die unbegrenzte Wiederwahl per Kongressvotum durchsetzen konnte.

Standard: Ist denn in den 13 Jahren unter Chávez kein möglicher Nachfolger herangewachsen?

López Maya: Doch, aber alle möglichen Rivalen wurden ausgebootet. Das ist übrigens nicht neu in der Geschichte Venezuelas. Sogar in der Demokratie blieb der Personalismus stets ein bestimmendes Merkmal, etwa unter den Präsidenten Rafael Caldera, Rómulo Betancourt und Carlos Andrés Pérez. Auch sie haben durch ihr Ego keinen Nachfolger heranwachsen lassen. Chávez hat eine lange Liste von Aspiranten, die in Ungnade fielen, angefangen beim ehemaligen Bildungsminister Aristóbulo Istúriz, der erst als Thronfolger galt, aber dann ersetzt wurde durch den Bruder des Präsidenten, Adán, und den ehemaligen Vizepräsidenten Jorge Rodríguez. Bis auch sie in Ungnade fielen.

Standard: Das hört sich sehr monarchistisch an. Wie funktioniert denn Chávez' innerer Zirkel?

López Maya: Der Präsident rotiert fast alle Schlüsselposten ständig und vertraut niemandem außer den Kubanern. Er hat nur wenige venezolanische Berater, die alle schon sehr betagt sind und ihm damit keine Konkurrenz machen, darunter seinen ehemaligen Vizepräsidenten José Vicente Rangel (83), den kürzlich verstorbenen General Müller Rojas, den Direktor der Zeitung Últimas Noticias, Eleazar Díaz Rangel, der auch schon über 70 ist oder Alí Rodríguez, den 74-jährigen Ex-Guerillero und ehemaligen Direktor der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA. Ihren Rat hat er in Krisensituationen immer wieder gesucht. Ansonsten hat er in seinem Umfeld niemand groß werden lassen, sondern sich mit mittelmäßigen, loyalen Jasagern umgeben.

Standard: Und wie steht es um die Militärs, denen Chávez als Ex-Militär ja immer mehr vertraut hat als den Zivilisten?

López Maya: Diosdado Cabello ist eine Brücke zu den Militärs, die der wichtigste Machtfaktor sind. Der Leutnant ist seit dem gescheiterten Putsch von 1992 ein Weggenosse des Präsidenten. 2008 verlor er die Wahl um den Gouverneursposten im Bundesstaat Miranda gegen Henrique Capriles Radonski, der jetzt Einheitskandidat der Opposition gegen Chávez ist. Dann fiel er in Ungnade wegen Korruption, wurde jüngst aber wieder befördert zum Parlamentspräsidenten und Vize-Parteichef. Die Militärs sind nicht marxistisch oder sozialistisch, sondern sie sehen Chávez als Garant eines nationalistischen Staatsprojekts. Wenn es brenzlig wurde für Chávez, haben sie ihm stets aus der Patsche geholfen, daher vertraut der Präsident ihnen. Aber im heutigen politischen Kontext Lateinamerikas ist es praktisch ausgeschlossen, dass die Militärs dauerhaft an der Macht bleiben.

Standard: Und was sagt die Verfassung zur Nachfolge?

López Maya: Laut Verfassung wird er bei Abwesenheit durch Vizepräsident Elías Jaua ersetzt. Er gehört zum ideolgisch radikalen Flügel der Partei und zu den Befürwortern der Enteignungen und der Volksräte. Aber Chávez hat ihm diesmal nicht offiziell die Amtsgeschäfte übergeben. Auch das ist symptomatisch. Er braucht das Gefühl der Macht, selbst noch am Krankenbett. (Sandra Weiss, DER STANDARD, Printausgabe, 27. Februar 2012)

  • MARGARITA LÓPEZ MAYA (60) ist Sozialhistorikerin an der Zentraluniversität in Caracas. Bei der Parlamentswahl am 26. September 2010 kandidierte sie erfolglos um ein Parlamentsmandat.
    foto: der standard

    MARGARITA LÓPEZ MAYA (60) ist Sozialhistorikerin an der Zentraluniversität in Caracas. Bei der Parlamentswahl am 26. September 2010 kandidierte sie erfolglos um ein Parlamentsmandat.

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