Vom Underdog zum Favoriten der Rechten

Reportage26. Februar 2012, 18:08
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Rick Santorum hat bei den republikanischen Vorwahlen bereits einige Male abgeräumt. Bei den kommenden Primaries in Michigan und Arizona und dem folgenden Super Tuesday soll der Höhenflug weitergehen

Wenn Rick Santorum eine Bühne betritt, darf sein Pullunder nicht fehlen. Die Hollywood-Diva Scarlett Johansson macht ihre Späße darüber. Falls es nicht ironisch gemeint sei, sagt sie, "trägt man so was doch höchstens für Familienfotos oder beim Dinner mit Großeltern". Und doch streift der Wahlkämpfer seine Weste jedes Mal über, bevor er ins Scheinwerferlicht tritt. Sie ist Erkennungszeichen eines Kandidaten, der sich in der Rolle des hemdsärmeligen Kumpels gefällt, mit dem man gern ein Bier trinken möchte.

Kein Zweifel, auf wessen Spuren er wandelt. 2000 gewann George W. Bush das Duell ums Weiße Haus, weil ihn die Wähler für einen netten Kerl hielten und ihm eklatante weltpolitische Wissenslücken verziehen. Santorum gibt den Arbeiterbuben aus dem Steel Valley, dem Tal der Stahlschmelzen bei Pittsburgh, wo zwar keine Schlote mehr rauchen, aber raue, herzliche Sitten bis heute an die Ära von Erz und Kohle erinnern. Kein Auftritt, bei dem er nicht von den schwieligen Händen seines Großvaters erzählt, eines italienischen Einwanderers, der in einem Bergwerk schuftete. Keine Rede, in der er nicht auf die Eliten schimpft, die Besserwisser an der Ost- und der Westküste, die den Rest Amerikas weder kennen noch verstehen. Es geht um den Kontrast zu Mitt Romney, dem kühlen Investmentbanker aus Boston, dem Wall-Street-Mann.

Santorum hat Erfolg mit diesem Part. Vor den nächsten Vorwahlen, in Arizona und Michigan, liegt er in den Umfragen vor Romney oder zumindest gleichauf mit ihm (s. Artikel rechts). Sollte er beide gewinnen, ginge er mit viel Schwung in den Ausscheid am Super-Tuesday, am 6. März, wenn die republikanische Basis gleich in zehn Bundesstaaten abstimmt. Doch der unerwartete Höhenflug hat eine Kehrseite. Er lässt den Außenseiter selbstbewusstere, polemischere Töne anschlagen. Beim Auftakt in Iowa war er noch der rastlose Fleißarbeiter, dem man Respekt zollte, weil er monatelang einsam durch die Prärie gefahren war, um selbst dann noch in Imbissbuden zu sprechen, wenn ihm nur drei Leute zuhörten. Heute profiliert er sich als Spitzenmann der Religiösen, je deutlicher, umso angriffslustiger.

Obamas falsche Theologie

Barack Obama, sagte Santorum vor evangelikalen Christen in Ohio, folge " irgendwelchen faulen Idealen, irgendeiner faulen Theologie, nicht einer Theologie, die auf der Bibel beruht". Es war der Versuch, den Präsidenten zum Fremdkörper zu stempeln. Ähnlich, wie es die "birthers" tun, jene Verschwörungstheoretiker, die gegen alle Fakten behaupten, Obama sei gar nicht auf amerikanischem Boden geboren und sitze daher zu Unrecht im Oval Office.

Nicht weniger giftig sind Santorums Angriffe auf das staatliche Bildungssystem. Die älteren seiner sieben Kinder ließ der frühere Rechtsanwalt daheim unterrichten, auch, damit sie im Biologieunterricht nichts über Darwins Evolutionstheorie lernen. Nun münzt er seine private Entscheidung in eine Pauschalkritik um, die klingt, als sollten sich die USA wieder am vorindustriellen Zeitalter orientieren. "Als die Menschen von ihren Gehöften in diese großen Fabriken zogen, beschlossen wir, ähnliche Fabriken zu bauen. Fabriken, die sich öffentliche Schulen nannten."

Dass Schwangere per Ultraschall untersucht werden, lehnt der strenggläubige Katholik ab, denn in der Folge würden Embryos mit erkennbaren Behinderungen fast zwangsläufig abgetrieben. Zwar sind die meisten Konservativen gegen Abtreibungen, aber Santorum geht noch einen Schritt weiter. Nicht einmal bei Vergewaltigung will er Ausnahmen zulassen. Die Pille hält er für eine "Lizenz, im Reich des Sexuellen Dinge zu tun, die allem widersprechen, wie es sein sollte". Homosexuelle nennt er Sodomiten, und als Schwulensprecher vor Jahren Kritik an seiner beleidigenden Wortwahl übten, warf er ihnen vor, einen Jihad, einen Heiligen Krieg, gegen ihn zu führen.

Das alles schien für eine Weile vergessen, da war der Mann mit der Weste in erster Linie Underdog. Jetzt sorgen seine Thesen erneut für Furore, zumal die Themen der Religiösen wieder nach vorn rücken. Finanzkrise und Rekordarbeitslosigkeit hatten den Streit um Abtreibungsrecht oder Schwulenehe in den Hintergrund treten lassen. In dem Maße, wie die US-Wirtschaft an Fahrt aufnimmt, ändert sich das. Und in ihrer Abneigung gegen Obama hat auch die Tea Party ihren Frieden mit Santorum geschlossen, obwohl er bis 2007 im Senat genau das tat, was die Rebellen mit ihren Sparforderungen so vehement kritisieren. Er lotste Millionen an Bundesmitteln in seinen Heimatstaat Pennsylvania. Als er aus dem Parlament ausschied, fing er bei einem Klinikbetreiber an, für dessen Interessen er sich als Senator energisch eingesetzt hatte. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 27. Februar 2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Kandidat und sein unvermeidlicher Pullunder: Im Bild signiert Rick Santorum in Michigan einem Anhänger jenes Markenzeichen, das besondere Leutseligkeit signalisieren soll.

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