Im Fegefeuer der Lebens­lügen

26. Februar 2012, 18:32
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Werner Schneyders Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Das weite Land" bleibt zu oberflächlich

Salzburg - Der österreichische Dramatiker Arthur Schnitzler wäre heuer 150 Jahre alt geworden. Für viele deutschsprachige Bühnen Anlass, seine Stücke neu zu inszenieren. Die vor rund hundert Jahren uraufgeführte Tragikomödie Das weite Land war Schnitzlers größter Theatererfolg. Hier sticht er hinein in die Seelenlandschaft des Wiener Großbürgertums um 1900, entlarvt ihre Lebenslügen und entwirft ein subtiles Spiel um gekränkte Eitelkeiten, das auch heute noch aktuell ist. Die Inszenierung des Fünfakters am Salzburger Landestheater wurde diesem Ansinnen nicht gerecht.

Regisseur Werner Schneyder lässt den Reigen um Ehebruch, heimliche Liebschaften und Lebenskrise als leichte komödiantische Unterhaltung dahinplätschern. Weiße Korbsessel und ein runder Tisch sind die wesentlichen Requisiten. Hier wird parliert, gelogen und getäuscht. Eine Eifersuchtsmaschinerie setzt sich in Gang. Doch das Spannungsfeld zwischen den Schauspielern wird mit wenig Volt geladen. Die zwischenmenschlichen Konflikte, ausgelöst durch erotische Verirrungen, werden eher verharmlost und dürfen sich kaum entwickeln. Zu sympathisch wirkt etwa die Hauptfigur, der Glühbirnenfabrikant und notorische Fremdgeher Friedrich Hofreiter. Sascha Oskar Weis agiert viel zu smart für diese vielschichtige Bühnenfigur, die zwischen Selbstüberschätzung und Angst vor dem Alter hin und her pendelt. Zudem lässt ihn die Regie zu monoton plaudern, als lese er den Text aus einem Skript ab. Etwas mehr Verruchtheit hätte diesem "Macho"-Typ gutgetan. Selbst am Ende, als Hofreiter im Duell den Liebhaber seiner Frau Genia tötet, wirkt Weis wie ein unschuldiger Lausbub, dem das alles zufällig passiert ist. Franziska Becker mimt diese Genia zu abgeklärt und beiläufig. Auch nach dem Selbstmord ihres Verehrers Korsakow, der sich im Hotel erschoss. Wo bleibt hier die Verwirrung des Herzens, wie sie Schnitzler gezeichnet hat?

Gerade im Nichtausgesprochenen liegt die Kraft bei Schnitzlers Dialogen. Davon ist wenig zu spüren. Regisseur Schneyder lässt das Ensemble meist emotionslos und blass agieren. Lediglich Britta Bayer als Frau Wahl und Werner Friedl als Dichter Rohn vermitteln so etwas wie Leidenschaft und Galgenhumor, manchmal auch Betroffenheit.

"Die Seele ist ein weites Land" so der berühmte Satz im dritten Akt, den Karlheinz Hackl in der Rolle des Hoteldirektors Aigner ausspricht. An diesem Abend wirkt der Burgschauspieler, der für sein Schaffen vielfach ausgezeichnet wurde, allerdings sehr zurückgenommen. Mit schwacher Stimme und Textlücken steht er müde und ausgebrannt auf der Bühne - er, der selbst einst den Fabrikanten Hofreiter spielte. Nach zweieinhalb Stunden gab es schließlich höflichen Applaus des Publikums für ein Stück, das man vor gar nicht so langer Zeit bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Andrea Breth wesentlich intensiver erlebt hat. (Christian Weingartner, DER STANDARD/Printausgabe 27.2.2012)

Nächster Termin 28. 2.

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    Ausflug in die Dolomiten: Sascha Oskar Weis und Karlheinz Hackl (re.) in Schnitzlers "Das weite Land".

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