Kosovarische Abgründe und Hoffnungsträger

26. Februar 2012, 18:01
posten

Zehnter Teil der Serie "Die Besten aus dem Osten"

Wien - Mit dem Kosovo präsentierte Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg am Wochenende ein in zweifacher Hinsicht junges Gastland für den zehnten Teil der Reihe Die Besten aus dem Osten. Zum einen feierte der Staat am 17. Februar seinen erst vierten Geburtstag, zum anderen ist auch die Bevölkerung des Kosovo jung. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist unter 25 Jahre alt.

Doppelt spannend somit der Einblick, der in der Spielstätte am Hundsturm in die Theater- und Literaturszene des kleinen Landes gewährt wurde. Neben Lesungen der Lyrikerin Ervina Halili sowie des Schriftstellers und Journalisten Beqë Cufaj stand das Schaffen des 1977 geborenen Theatermachers Jeton Neziraj im Zentrum der kosovarischen Rundschau. Sein Stück Krieg in Zeiten der Liebe wurde mit Schauspielern des Volkstheaters in einer szenischen Lesung präsentiert (Regie: Katrin Hiller), Höhepunkt der beiden Abende war jedoch die Uraufführung von Nezirajs Yue Medlin Yue (Übersetzung: Andrea Grill).

Mit reduzierten Requisiten erzählt das Ensemble des Qendra Multimedia von einer Roma-Familie, die aus Deutschland in den Kosovo zurückgeschickt wird und sich dort mit Anfeindungen in einem erst langsam zu einem funktionierenden Alltag findenden Land konfrontiert sieht. Während das lokale Fernsehen den schlechten Zustand der Straßen mit einer Wahl zur Miss Grube lächerlich macht, wird das kleine Roma-Mädchen Madeleine durch den Sturz in eines dieser Löcher schwer verletzt. Kosovarische Behörden und die deutsche Botschaft halten sich mit Hilfeleistungen zurück, das Kind stirbt und lässt eine zerstörte Familie zurück.

Blerta Neziraj inszeniert diese tragische Geschichte mit sechs Darstellern und zwei Musikern als temporeiche Nummernrevue. Die Aufführung ist voller Humor zwischen kindlicher Ausgelassenheit und bitterböser Satire, wobei, was ihr hoch anzurechnen ist, Mitgefühl und Poesie nie auf der Strecke bleiben. Für etwaige Nörgeleien schickte der Autor dennoch eine Anmerkung voraus: Beschwerden zum Stück mögen nicht an den Verfasser, sondern an die Botschaften Deutschlands und des Kosovo adressiert werden. (Dorian Waller, DER STANDARD/Printausgabe 27.2.2012)

Share if you care.