Zu Besuch bei den Salafisten im Gazastreifen

Blog26. Februar 2012, 12:10
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Im Rafah-Flüchtlingslager finden Islamisten mit sozialer Agenda breite Unterstützung

Das Rafah-Flüchtlingslager im südlichen Gazastreifen ist einer jener verarmten Orte, in denen Islamisten mit sozialer Agenda breite Unterstützung finden.

An der Tür zu einem kleinen Geschäft lehnen ein paar palästinensische Jugendliche und schlagen die Zeit an diesem Samstag tot. Zwei Häuser weiter schaut ein Mann mit schwarzem Vollbart von seiner Wohnung herab, und winkt mit der Hand durch die Gitterstäbe vor seinem Fenster.

Der Herr heißt Sabri Abdel Latif und ist ein Salafist. Als solcher verfolgt er eine extrem konservative Auslegung des sunnitischen Islam, die den ursprünglichen Lebensweg des Propheten Mohamed und der drei nachfolgenden Generationen anstrebt. Um einem ausländischen Journalisten seine Sicht der Dinge zu erklären, hat er sich an diesem Tag Zeit genommen.

Durch ein enges und schäbiges Treppenhaus führt die Stiege zu seiner Wohnung im dritten Stock hinauf. Sabris Blick ist warm und freundlich. Mit der Hand weist er zur Polsterlandschaft im Eck des Wohnzimmers, wo ein zweiter Mann im langen Vollbart rastet. "Khalid Suleiman Abdallah", stellt er sich vor. "Andreas Hackl", sage ich. "Danke für das Treffen."

"Wer Unzucht treibt, wird ausgepeitscht"

Khalid Suleiman Abdallah trägt dunkle Sonnenbrillen und hat ein rot-weißes Palästinensertuch locker über den Kopf geworfen. Beim Sprechen nuschelt er etwas. Fast so, als ob er betrunken wäre. Sabri ist ein einfacher Bauarbeiter und überlässt das Beantworten der Fragen lieber dem etwas älteren Khalid, der als Imam einer Moschee vorsteht.

"Es ist unsere religiöse Pflicht alle Menschen auf den rechten Weg zu leiten", sagt Khalid. "Dawa", die Predigt und Erklärung des Islam, ist sein Beruf und seine Leidenschaft.

Als Salafist unterscheide er sich von "gewöhnlichen" Muslimen. "Viele Ziele und Ideen sind zwar gleich. Aber in der Umsetzung sind wir anders." Der salafistische Islam solle in jedem Lebensbereich umgesetzt werden. So etwa auch "die Strafen aus der Zeit Mohameds. Wer Unzucht treibt, wird ausgepeitscht", erklärt Khalid.
Die Muslimbrüder in Ägypten, deren Partei aus den jüngsten Parlamentswahlen als stärkste Kraft hervorging, kritisiert er als zu moderat in der praktischen Umsetzung des Islam.

"Die Muslimbrüder wollen zuerst die Wirtschaft fördern und den Leuten etwas zu essen geben, jedoch erst danach schrittweise die Sharia (das islamische Recht) umsetzen. Wir wollen das sofort und in jedem Lebensbereich tun", erklärt er.

Mit dem Islam zum Wohlstand

Als politisches Vorbild nennt er Saudi Arabien. "Warum gibt es dort so viel Öl?", fragt Khalid. "Weil sie die religiösen Gesetze befolgen. Dafür wurden sie mit Reichtum beschenkt." So sei das auch zu Zeiten Mohameds gewesen, der aus Steinwüsten Oasen des Wohlstands gemacht habe.

Wohl auch um ähnliches im verarmten Gazastreifen zu bewirken, möchten die Salafisten dort bald ihre eigene Partei gründen. "Wir sind die al-Nour Partei des Gazastreifens", sagt Abdallah in Anlehnung an den jüngsten beachtlichen Wahlgewinn der salafistischen al-Nour Partei in Ägypten.

Mitten im Gespräch schmiert sich Khalid Suleiman Abdallah mit einem Parfum eine Duftspur auf die Hand. Mit einer höflichen Geste gibt er das Fläschchen durch die Runde. "Zur Erfrischung", sagt er.

Sein Redefluss wird plötzlich unterbrochen, als die Wohnungstür aufspringt. Komplett im schwarzen Gewand verhüllt treten zwei Frauen ein. Sie huschen jedoch sofort in einen anderen Raum und verschließen die Tür hinter sich. Sabri und Khalid werden etwas unruhig.

Auch ich werde nervös, biete ihm an zu gehen. "Nein, nein. Kein Problem", sagt Khalid. Nach ausschweifenden Ausführungen über den Islam und den Koran, der vor ihm auf einem Holzständer liegt, und aus dem er immer wieder halb singend zitiert, verwandelt sich der geduldige Interviewpartner plötzlich in die Gestalt eines bekehrenden Berufspredigers.

"Haben Sie nicht vor, sich den Islam genauer anzuschauen?", sagt er zu Ende der Unterhaltung. In ein paar Tagen gebe es ein Salafistentreffen in Rafah. Ich solle vorbeikommen, und mir den Eintritt in den Islam überlegen. (derStandard.at, 26.02.2012)

  • Khalid Suleiman Abdallah vor einem aufgeschlagenen Koran, aus dem er immer wieder zum Thema passende Verse zitiert.
    foto: andreas hackl

    Khalid Suleiman Abdallah vor einem aufgeschlagenen Koran, aus dem er immer wieder zum Thema passende Verse zitiert.

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