Der N…brot-Aufstand

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In manchem Wiener Zuckerlgeschäft wird darauf beharrt, Erdnussschokolade weiter N..brot zu nennen - Nun wurde die Gleichbehandlungsanwaltschaft eingeschaltet

Gar Seltsames wird in diesen Wochen aus Wiener Zuckerlgeschäften berichtet. Zwischen Trüffelkugeln und bestreuten Pastillen, Nougatwürfeln und anderen süßen bis picksüßen Naschereien formiert sich dort, wo bisher wenig bis gar keine Politik betrieben wurde, offenbar eine Art Schoko-Widerstandsbewegung, die auf einem Wortgebrauch beharrt, der vielfach als rassistisch kritisiert wird.

Es geht ums "Negerbrot", jene Schokoladesorte mit Erdnüssen, die unter reger PosterInnen-Teilnahme in diesem Blog schon mehrfach besprochen worden ist. Weil diese Bezeichnung das so genannte N-Wort beinhaltet: eine Bezeichnung für schwarze Menschen, die von diesen - und vielen anderen - als abschätzig empfunden wird. Antidiskriminierungsexperten wie Wolfgang Zimmer von der Antirassismusorganisation Zara kritisieren den Gebrauch des N-Worts, weil es aus einer kolonialen Vergangenheit stammt, die mit Gewalt und Ausbeutung Schwarzer durch Weiße einherging. Gebraucht man es, schwingt diese Aggression mit. Auch wenn es "nur" um den Namen einer traditionellen Wiener Süßigkeit geht.

Unhöflich

Würde man nun in besagten Zuckerlgeschäften Wert auf Höflichkeit legen, so könnte man das N...brot ganz einfach umtaufen. Wie das geht, haben bereits vor einigen Jahren große Handelsketten vorgemacht, die seither "Erdnussschokolade" oder auch "Schokotraum Erdnuss" verkaufen. Doch daran dachten weder die Verkäuferin noch ein anderer Kunde in jenem Bonbonladen, in den es vor wenigen Wochen die Grünen-Bezirksrätin in Wien-Alsergrund, Negar Roubani, verschlagen hatte. Im Gegenteil: Als sie kritisch fragte, warum schon in der Auslage N...Brot in zwei Sorten (hell und dunkel) angepriesen werde, erntete sie von der Verkäuferin Abwehr - „"Da müssen'S die Chefin fragen, I waaß nix" - und vom Mitkunden Hohn: "Das ist ja auch wirklich ein ganz, ganz schlimmes Problem!".

Ähnlich die Reaktion in zwei weiteren, vom STANDARD in der Folge angerufenen Geschäften: N...brot bleibe N...brot, Schluss, aus. "Umbenannt wird nix, das ist eine Wiener Tradition", hieß es in einem Laden. Und als Grünen-Integrationssprecher Senol Akkilic in einer Aussendung das Verschwinden von Rassismus aus Wiens Auslagen forderte, reagierte die Wiener FPÖ. Titel ihrer Aussendung: "Die grüne Sprachpolizei schlägt wieder zu." Beharrungsparolen um eine umstrittene Schokoladensortenbezeichnung, Verächtlichmachung antirassistischer Kritik.

Scheinbare Kleinigkeit

Warum das so ist, kann auch Roubani nur vermuten: Das Thema Alltagsrassismus sei den meisten ÖsterreicherInnen offenbar immer noch derart fern, dass Kritik an scheinbaren Kleinigkeiten wie dem N...brot mehrheitlich als lächerlich empfunden werde, meint sie.

Umso wichtiger erscheint angesichts dessen, was die Gleichbehandlungsanwaltschaft des Bundes zu der Angelegenheit zu sagen hat: Dort nimmt Gleichbehandlungsanwältin Ulrike Salinger die Kritik am N...brot durchaus ernst. Derlei könne durchaus ein Verstoß gegen das Gebot sein, niemanden aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit zu diskriminieren, erläutert sie. Entschädigung in diesem Fall: 1000 Euro wegen Belästigung. Ein Brief der Gleichbehandlungsanwaltschaft an die Inhaber von Zuckerlgeschäft Nummer eins mit dem Vorschlag einer außergerichtlichen Einigung sei auf dem Weg. (Irene Brickner/derStandard.at, 25.2.2012)

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