Großhirn-Ausfall bedeutet Pflegebedürftigkeit

Interview25. Februar 2012, 15:40
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Wenn ein Mensch so wie der niederländische Prinz Friso ins Koma fällt, sind die Prognosen meist düster

Berlin - Bei einer schweren Schädigung des Großhirns durch Sauerstoffmangel bleibe ein Patient häufig ein Pflegefall, sagte Hans-Christian Koennecke, Neurologe und Chefarzt am Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain.

Was bedeutet es, wenn Mediziner sich nicht sicher sind, ob ein Patienten wieder aus einem Koma erwacht?

Koennecke: "Die Ärzte müssen sich nach ihren Untersuchungen sehr sicher sein, dass er einen ganz schweren Hirnschaden durch Sauerstoffmangel davongetragen hat. Das ist leider eine der häufigeren Formen, die wir auf Intensivstationen bei Patienten sehen, die zum Beispiel einen Herzstillstand hatten: Die Großhirnrinde ist durch Sauerstoffmangel zerstört. Sie macht uns aber zum Menschen - im Großhirn entstehen Sprache, Bewusstsein, Gefühle oder Bewegung."

Was bedeutet der Ausfall des Großhirns für einen Patienten?

Koennecke: "Es gibt ja noch den Hirnstamm, der zum Beispiel Atmung, Verdauung und Kreislauf reguliert. Dieser Teil des Gehirns ist etwas weniger empfindlich gegenüber Sauerstoffmangel und kann erhalten bleiben. Dann entsteht häufig ein sogenanntes appallisches Syndrom. Das heißt Wachkoma, auch wenn dieses Wort ein Widerspruch in sich ist. Der Begriff kommt daher, dass diese Patienten die Augen öffnen. Sie atmen selbst und gucken an die Decke, aber ihre Augen konzentrieren sich auf nichts, sie fixieren nicht. Amerikanische Mediziner sagen zu diesem Zustand: "Die Lichter sind an, aber niemand ist zu Hause." Wenn die Diagnose stimmt, bekommen solche Patienten bewusst nichts mehr mit."

Weiß man das ganz genau?

Koennecke: "Das ist in der Tat nicht immer eindeutig zu klären. Es gibt viele Untersuchungen, um herauszufinden, ob und wie solche Patienten reagieren. Manchmal stößt man dabei sogar noch auf eine Reaktionsfähigkeit des Großhirns. Es ist dann aber oft nicht eindeutig zu sagen, ob das bewusste Wahrnehmungen sind oder Reflexe."

Wie helfen Ärzte bei einem apallischen Syndrom?

Koennecke: "Es ist nicht selten ein vorübergehender Zustand - aber damit ist das Problem nicht gebannt. Manchmal finden sich nach Tagen oder Wochen erste Hinweise darauf, dass jemand wieder anfängt zu reagieren. Aber wenn er längere Zeit im Wachkoma war, wird er nicht plötzlich aufwachen und fragen: "Wo bin ich?" Patienten, die aus dem Wachkoma wieder "auftauchen", sind fast immer weit davon entfernt, wieder normal zu werden. Sie können meist nur eingeschränkt kommunizieren, können sich nicht allein ernähren, nicht laufen, sind also äußerst pflegebedürftig. Mit einer solchen Hirnschädigung bleibt ein Mensch ein Schwerstpflegefall."

Und wer entscheidet, wie lange ein Mensch so lebt? Der Patient kann es ja nicht.

Koennecke: "Das ist eine Zwickmühle, in der wir häufig sind. Sehr viele Menschen sorgen heute glücklicherweise mit Patientenverfügungen vor oder sprechen in ihren Familien für einen solchen Fall über ihren Willen. Wenn jemand nicht mit einer schwersten Behinderung und Pflegebedürftigkeit überleben will, dann kann man sich frühzeitig für ein Zurückfahren der therapeutischen Leistungen entscheiden - indem man zum Beispiel Infekte nicht mehr behandelt oder die künstliche Ernährung einstellt."

Und wenn es keine Patientenverfügung gibt?

Koennecke: "Dann ist es schwierig. Es hängt ein bisschen von der Ursache und vom Alter des Patienten ab. Ein 80-Jähriger würde wahrscheinlich nicht lange mit einem apallischen Syndrom überleben - jüngere Menschen können das aber. Da ist man häufig zurückhaltend, die Therapie frühzeitig einzustellen, auch wenn die Prognose sehr ungünstig ist. Es ist oft zu früh zu sagen: Das wird gar nichts mehr. Eine solche Situation ist eine schwierige Gratwanderung, nicht nur für Ärzte, auch ganz besonders für die Angehörigen." (APA)

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