Die Angst der Academy vor erfundenen Diktatoren

24. Februar 2012, 20:06
7 Postings

Gala-Koch Wolfgang Puck präsentiert 3-D-Desserts, und Komiker Sacha Baron Cohen streitet mit der Academy über sein Outfit

Wie ein zufriedener Landgastwirt steht Wolfgang Puck hinter seinen Tellern. Klein, ein wenig gedrungen, das ergrauende Haar stoppelkurz geschnitten. Einer wie er würde nicht weiter auffallen in Hollywood, könnte er nicht so raffiniert kochen.

Seit 17 Jahren ist der Österreicher der Mann, der auftischt beim Governors Ball, dem Festmahl der Stars nach der Oscar-Verleihung. Und weil sich hier alles um Reklame und Schlagzeilen dreht, stellt er sich zwei Stunden lang hinter zwölf kleine, eckige Teller, auf denen er Köstlichkeiten wie Hummersalat, chinesisches Lamm an Koriander-Minze-Vinaigrette oder Lachsschnittchen mit Kaviar präsentiert, letztere zu kleinen Oscars zurechtgeschnitten. Um ihn herum an die 200 Reporter, die sich einer nach dem anderen durch dichtes Gewühl an den Meister heranarbeiten.

Ob auch Vegetarier satt bei ihm werden, will die Los Angeles Times wissen. "Ja sicher, alles da, Trüffel, Tortellini, Pasta, alles." Ob auch lateinamerikanische Kochkunst angemessen berücksichtigt sei, bohrt das mexikanische Fernsehen. "Natürlich, denken Sie nur an die Tacos." Und das Dessert mit dreierlei Schokolade im Waffelbecher, zu viele Kalorien für figurbewusste Schauspielerinnen? "Ach was, die meisten waren zwei Wochen auf Diät, damit sie zur Show in ihre Kleider hineinpassen. Hinterher wollen sie endlich mal richtig essen." Irgendwann setzt er sich eine 3-D-Brille auf, damit die Kameraleute auf ihre Kosten kommen. Immer neue Gags müssen her, auch an der Tafel. Zum Nachtisch wird ein dreidimensionaler Oscar gereicht, am Ende einer zuckersüßen Treppe thronend, in all seinen Feinheiten zu erkennen nur mit Hilfe einer Spezialbrille. Das passt zu einem der Favoritenfilme, Martin Scorseses Hugo Cabret, mit seinen dreidimensionalen Effekten.

Kleine Insel des Glamours

Wer Hollywood mit den Augen eines Neulings sieht, wird überrascht sein, wie klein die Insel des Glamours ist, umgeben von schäbigem Touristennepp. Der rote Teppich, mit grauen Absperrgittern umstellt, misst nur ungefähr hundert Meter. Ein paar Schritte weiter Grauman's Chinese Theatre, davor die Abdrücke, die die Hände und Füße der Mimen im Zement hinterlassen haben, das wars auch schon.

Warum die Filmritter so heißen, dazu gibt es mindestens drei verschiedene Versionen. Nach der ersten soll die Leinwanddiva Bette Davis an das Hinterteil ihres Gatten gedacht haben, als man ihr 1935 die Statuette überreichte. Der Mann hieß Harmon Oscar Nelson. Nach der zweiten fühlte sich Margaret Herrick, die erste Bibliothekarin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, bei dem Anblick an einen Onkel namens Oscar Pierce erinnert. Nach der dritten rühmt sich der Kinokolumnist Sidney Skolsky, die Auszeichnung der Akademie erstmals auf bedrucktem Papier Oscar genannt zu haben, exakt am 18. März 1934. Hollywood lebt von solchen Geschichten.

Diesmal glänzt Sacha Baron Cohen, der britische Komödiant, der schon deshalb dabei sein darf, weil er in Hugo Cabret mitwirkte. Nur möchte Cohen zu Werbezwecken in der Uniform eines nahöstlichen Fantasiediktators in den Zuschauerreihen sitzen, mit Sonnenbrille, schwarzem Vollbart und opulenter Ordensbrust. Sein nächster Streifen, The Dictator, soll davon profitieren, die Akademie protestierte gegen den Auftritt im Vorfeld. "Du musst entweder genial sein oder völlig verrückt, sonst kannst du es hier nicht schaffen", sagt Pablo Crawford. Wer nicht heraussticht, bleibt chancenlos, hat der Rapper gelernt. Entweder ist man brillant wie George Clooney oder stellt sich blöd wie Jessica Simpson, die Thunfisch für eine Hühnerart hielt und dadurch von sich reden machte - so sieht es Crawford. 2003 kam er aus Jamaika, um sein Glück in Hollywood zu versuchen. Statt über den roten Teppich zu schreiten, mixt er in Nachtbars Getränke und spricht entnervt von "Fake City". Vor ein paar Monaten hat er seine Ersparnisse zusammengekratzt, um eine CD zu produzieren. Damit steht er mittags am Hollywood Boulevard und hofft. Eines Tages, macht Crawford sich Mut, wird einer wie Clooney vorbeikommen, seine Musik hören und ihn weiterempfehlen. (Frank Herrmann, DER STANDARD - Printausgabe, 25./26. Februar 2012)

  • Die Nachspeise bei der Oscar-Gala: 
Goldbestäubte Schokolade-Oscars und ein 3-D-Bild 
der Statue am Ende einer essbaren Treppe - eine Hommage an den aktuellen 
Lieblingseffekt des Kinos.
    foto: epa/paul buck

    Die Nachspeise bei der Oscar-Gala: Goldbestäubte Schokolade-Oscars und ein 3-D-Bild der Statue am Ende einer essbaren Treppe - eine Hommage an den aktuellen Lieblingseffekt des Kinos.

Share if you care.