Das Kleingeld der seelischen Armut

24. Februar 2012, 19:33
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Mit einer wortreichen "Übermalung" von Molières "Der Geizige" von PeterLicht erzählt das Wiener Schauspielhaus mit einigem Können, aber mit wenig Fortune von der Langeweile der Wohlhabenden

Wien - Geiz hat ein absolut bemerkenswertes Comeback gefeiert: nicht als Spareinlagegesinnung, sondern als zynische Überprüfung des eigenen Mitteleinsatzes. Das Wiener Schauspielhaus hat mit seiner Neubetrachtung von Molières Geizigem den Zaster gleich ganz jugendfrisch angepackt. Der deutsche Indie-Popkünstler PeterLicht (als gut verkäufliches Namensschild echt nur ohne Abstand!) verausgabt reichlich Poesie an einen Zustand, den das Konsumzeitalter gar nicht mehr kennt, sondern dem es zynisch hinterherweint.

PeterLicht hat Molières folgenreiche Kennzeichnung eines Sozialcharakters frisch übermalt: Sein Stück heißt Der Geizige - ein Familiengemälde. Ihn interessiert nicht das Für und das Wider der Maßhaltung. Er nimmt Molières Typen jeweils beim Charakterwort. Papa Harpagon (Johannes Zeiler) hortet "die Asche" in einem merkwürdig luftnah gebauten Safe: Hinter dem Familiensteckbild öffnet sich die Klappe in den Geldschrank, der nach außen aufschwingt. Bürger Harpagon gönnt sich in verschwiegenen Augenblicken die Lust, seine Kohle zu verräumen. Er muss auf Peter Baurs Bühnenkletterturm einen Kunstwebpelz tragen; obendrein hat ihm die Regie (Bastian Kraft) die Glatze des reifen Louis de Funès verpasst.

Planerische Meisterschaft

Das Dilemma dieser vor allem gut gemeinten Erstaufführung steckt in ihrer Penetranz: Sie zeigt sich in geradezu niederschmetterndem Ausmaß wohlinformiert.

Sie verbaut den Komödientypen mit planerischer Meisterschaft alle Entfaltungsmöglichkeiten. Sie verbannt Harpagons Familie inklusive Gesinde in ein Puppenhaus, dessen Anlage an einen Flachbildschirm erinnert. Man muss sich die Harpagons am ehesten als Vertikalbild der Verliererfamilie Al Bundys vorstellen: Die Barockmusik perlt. Das Töchterchen (Veronika Glatzner) schwingt am Luster, das geldgierige Söhnchen Cléante (Vincent Glander) hängt an der Stiege fest. Am Küchentisch bedient der Herr Papa den Rechenschieber: Regisseur Kraft weiß nicht recht, was er sich - und dem Publikum - eigentlich zu soufflieren wünscht. Denn für tieferreichende Auslotungen des Geizes ist sein Theater allzu üppig aufgestellt.

Heutige Geldmittelinhaber sind mindestens seelisch Armutsbetroffene. PeterLicht übernimmt ein bisschen Komödientechnik, um das Getriebe der wechselseitigen Verschuldung außer Kraft zu setzen. Sein Impuls gilt dem Ausschaltknopf: Jede Figur darf der Reihe nach ein Solo spielen. Hernach hebt im Termitenbau der Harpagons stets dasselbe Treiben an: Leere Geschäftigkeit obwaltet, das wunderbare Schauspielhaus-Ensemble gerät ins Lufttreten und Zeilenschinden.

Der Kapitalismus wäre die schlechte Ewigkeit: Cléante sähe es gerne, wenn die "Pennunse" ins "floaten und morphen" geriete. Sein durch nichts zum Erweichen zu bringender Herr Papa hält wacker dagegen: Ab einem gewissen Zeitpunkt habe das gute Geld den Schmutz der Herkunft von sich abgestreift! Es solle gefälligst bei seinem Herrn bleiben!

Zeiler, der zum Niederknien großartige Titelheld in Alexander Sokurows Faust-Film, kann nichts für PeterLichts Ignoranz. Dessen Text tut ja schließlich so, als hätte Georg Simmel nicht sein großartiges Geld-Buch geschrieben, als gäbe es keinen Marx, keinen Pierre Klossowski. Als Monologkünstler läuft er heillos überfordert in das Kraft-Acting eines Max Mayer (Valère). Das Positive an diesem Abend ist rasch erzählt: Er hat sich bemüht, aber nicht verausgabt. Er geizt nicht mit Späßchen, ist aber reizarm. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 25./26. Februar 2012)

  • Den Harpagons beim Sparen zusehen (v. li.): V. Glander, M. Mayer, J. 
Zeiler, V. Glatzner und K. Jung.
    foto: alexi pelekanos

    Den Harpagons beim Sparen zusehen (v. li.): V. Glander, M. Mayer, J. Zeiler, V. Glatzner und K. Jung.

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