"Die menschliche Würde ist der Kern des Ganzen"

Interview24. Februar 2012, 19:20
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Albie Sachs, Opfer eines Bombenanschlags und Apartheid-Gegner, plädiert dafür, Gerechtigkeit nicht auf Strafe zu reduzieren

Der südafrikanische Jurist Albie Sachs war als Apartheid-Gegner 20 Jahre im Exil und überdies Opfer eines Bombenanschlags. Mit Julia Raabe sprach er über Vergeltung, Rache und Rechtsstaatlichkeit.

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Standard: Sie haben als Anti-Apartheid-Aktivist einen ähnlichen Umbruch erlebt wie heute die Menschen in der arabischen Welt. Südafrika wählte mit einer Wahrheitskommission den Weg der Versöhnung. Wie wichtig ist die strafrechtliche Aufarbeitung von Verbrechen für den Aufbau einer neuen Gesellschaft?

Sachs: Ich war in Ägypten und in Tunesien, um über die südafrikanische Erfahrung zu sprechen. Die Wahrheitskommission hat nicht einfach die Verbrechen der Vergangenheit für vergessen erklärt. Jeder Einzelne musste vor die Wahrheitskommission treten und ein Geständnis ablegen. Nur dem, der die Wahrheit sagte, wurde Amnestie gewährt. Ich fand das viel produktiver als zu versuchen, Beweise gegen einige Verdächtige zu sammeln und Leute ins Gefängnis zu stecken.

Standard: Beweise gab es genug.

Sachs: Ja, aber es war wichtiger, die Ursprünge und Gründe zu verstehen, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht. Die wahre Frage war, wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie am tiefsten verankert werden konnten - und nicht, wie man die eine oder andere Person bestraft. Gerechtigkeit einfach auf Strafe zu reduzieren, wenn ein ganzes System auf Unrecht basierte, würde Gerechtigkeit auf ein sehr instrumentelles Verständnis beschränken.

Standard: Sie haben den Mann getroffen, der 1988 den Anschlag auf Sie organisierte ...

Sachs: Ja. Sein Name war Henri. Ich habe es sehr geschätzt, dass er den Mut hatte, mich aufzusuchen. Es war eine komische Begegnung. Als ich ihm die Tür öffnete, schaute ich ihn an und dachte: Das ist der Mann, der versucht hat, mich umzubringen. Wir redeten lange, er erklärte die Umstände. Wir hatten nie einen Konflikt gehabt, nie um etwas gekämpft, aber er war auf der einen Seite und ich auf der anderen. Irgendwann sagte ich: Ich kann dir nicht die Hand schütteln, aber gehe zur Wahrheitskommission, erzähle, was du weißt - und vielleicht, eines Tages, werde ich es können.

Ich habe nicht mehr an ihn gedacht, bis ich neun Monate später auf einer Party auf einmal meinen Namen hörte. Plötzlich stand Henri vor mir, strahlend. Er erzählte, dass er vor der Wahrheitskommission gewesen war und die Leute getroffen hatte, die damals mit mir im Exil waren und die auch Opfer der Bombe hätten werden können. Und da sagte ich: Ich sehe es nur an deinem Gesicht, aber ich weiß, dass du die Wahrheit sagst. Und ich streckte ihm meinen linken Arm hin und schüttelte seine Hand. Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen, aber er ging strahlend davon. Später erfuhr ich, dass er nach Hause gefahren ist und zwei Wochen lang geweint hat. Das hat mich sehr berührt. Da ist er zu einem Menschen geworden, einem Bürger unseres Landes.

Standard: Hatten Sie wirklich überhaupt keine Rachegedanken?

Sachs: Ich nenne es meine "sanfte Vergeltung", dass wir Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erreicht haben. Wenn mir Leute sagten, "Albie, wir werden dich rächen", habe ich mich immer gefragt, was sie damit meinen. Anderen die Arme abzuhacken und sie halb blind zu machen? Was würde mir das helfen? Sanfte Vergeltung heißt, ihnen nicht das anzutun, was sie dir angetan haben - sondern das Land so zu verändern, dass die Dinge nie wieder passieren. Aber mit der moralischen Beteiligung der Täter.

Standard: In Ägypten wird Expräsident Mubarak der Prozess gemacht, auch Tunesien will Ben Ali, der im Exil weilt, auf der Anklagebank sehen. Wie sehen Sie diese Prozesse in diesem Kontext?

Sachs: Mubarak hatte das Recht auf Verteidigung und die Möglichkeit, seine Argumente vorzutragen. Insofern ist es ein richtiger Prozess. Fairness und Objektivität werden hier zum Test für die Justiz. Die Menschen, die unter Mubarak gelitten haben, scheinen sehr darauf erpicht, ihn verurteilt und bestraft zu sehen. Bevor das nicht passiert ist, wird es schwierig für sie, nach vorn zu schauen. Das verursacht großen Druck auf die Richter. Ich bin sehr gegen die Todesstrafe. Sie mag in diesem Fall rechtlich möglich sein, aber sie ist nicht vereinbar mit der Art von Gesellschaft, die man versucht aufzubauen.

Standard: Aber hilft der Prozess beim Aufbau eben einer solchen Gesellschaft?

Sachs: Die Unterdrückung hat in Ägypten über Jahrzehnte angedauert. Irgendjemand hat (während der Revolution 2011, Anm.) den Befehl erteilt, in die Menge zu schießen. Es scheint klar, dass die Mubarak-Familie ein riesiges Vermögen angesammelt hat, auf Grundlage seiner Rolle als Präsident. Wer genau im Einzelnen dafür verantwortlich war - darüber muss von Fall zu Fall entschieden werden. Man kann niemanden verurteilen, um die Bevölkerung zufriedenzustellen - aber man kann Beweise auch nicht kleiner machen, als sie sind. Es ist gut, dass er vor Gericht gestellt wurde. Im Fall Gaddafi (der libysche Exmachthaber war vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt, wurde aber bei seiner Gefangennahme getötet, Anm.) gab es gar keinen Prozess. Ich habe von Libyern erfahren, dass die Wut einfach so groß war, dass die Bevölkerung nicht hätte weitermachen können, ohne eine Art von sofortiger Zerstörung seines Lebens. Es ist sehr traurig, so etwas zu hören.

Standard: Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?

Sachs: Es gibt Gerechtigkeit im Sinne einer gerechten Gesellschaft, einer fairen Behandlung von Menschen. Und es gibt Gerechtigkeit durch die Gerichte, durch Urteile. Beide Begriffe hängen miteinander zusammen, aber sie sind nicht dasselbe. Die generelle Gerechtigkeit entsteht durch ethische Werte, Verhaltensweisen, soziale Billigung oder Missbilligung von Verhalten. Bei den Gerichten geht es weniger darum, Gerechtigkeit zu schaffen, sondern Ungerechtigkeit zu beseitigen, nach vorher festgelegten Standards und Regeln.

Standard: Gerechtigkeit ist für Sie also etwas Relatives, das jede Gesellschaft selbst definieren kann - oder gibt es trotzdem so etwas wie absolute Gerechtigkeit?

Sachs: Ich glaube nicht, dass Gerechtigkeit etwas Absolutes ist. Aber ihre Horizonte entwickeln sich ständig weiter. Das können wir bei den Strafen sehen. Folter und grausame Hinrichtungsmethoden waren lange Zeit ziemlich normal. Heute hat die Gesellschaft Folter als legitimes Instrument abgeschafft. Die meisten Länder, die ich bewundere, haben die Todesstrafe abgeschafft. Oder schauen Sie sich die Rechte von Frauen an, von Arbeitern, die Abschaffung der Sklaverei. Es ist nicht so, dass man nichts ändern kann. Ungleichheit und Respektlosigkeit sind einer modernen, offenen Gesellschaft nicht würdig.

Standard: Argumentieren Sie nicht doch für eine Art Gerechtigkeitsideal, auf das wir uns hinbewegen?

Sachs: Nein, ich sage nicht, dass es ein Ideal gibt, das wir anstreben. Ich sage, dass wir Ungerechtigkeiten beseitigen - eine nach der anderen. Die menschliche Würde ist der Kern des Ganzen.

Wie sehr sich Gesellschaften in dieser Hinsicht entwickeln, lässt sich an der ökologischen Gerechtigkeit ablesen, die ein großes Thema ist. Da geht es um ganz neue Prinzipien, die mit einem neuen Bewusstsein einhergehen. Menschen übernehmen Verantwortung über Grenzen und Nationen hinweg. In gewissem Sinne ist die Debatte über den Klimawandel nicht nur wichtig für das Überleben der Erde. Sie schafft eine neue Vision von einer Welt, in der Menschen voneinander abhängen und einander respektieren. Sie hilft, mit der Idee einer gierigen Welt aufzuräumen, in der jeder tun und lassen kann, was er will. (DER STANDARD Printausgabe, 25.2.2012)

  • DER STANDARD - Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit
    foto: standard

    DER STANDARD - Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit

  • Zur Person
Albie Sachs (77) ist südafrikanischer Jurist, Anti-Apartheid-Aktivist und Buchautor. Mehr als 20 Jahre verbrachte er wegen des Apartheid-Regimes im Exil, zunächst in London, dann in Südafrikas Nachbarland Mosambik. Dort platzierten südafrikanische Agenten im April 1988 eine Bombe in seinem Auto. Den Anschlag überlebte er nur knapp, er verlor seinen rechten Arm und wurde auf einem Auge blind. Nach Südafrika kehrte er 1990 nach der Zulassung des _Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) und der Freilassung von Nelson Mandela zurück. Er schrieb die neue Verfassung mit und wurde 1994 als Richter ans Verfassungsgericht berufen. Heute lehrt er an Universitäten und schreibt Bücher. Für "The Strange Alchemy of Life and Law" erhielt er 2010 den Alan Paton Award.
    foto: standard/david levene

    Zur Person

    Albie Sachs (77) ist südafrikanischer Jurist, Anti-Apartheid-Aktivist und Buchautor. Mehr als 20 Jahre verbrachte er wegen des Apartheid-Regimes im Exil, zunächst in London, dann in Südafrikas Nachbarland Mosambik. Dort platzierten südafrikanische Agenten im April 1988 eine Bombe in seinem Auto. Den Anschlag überlebte er nur knapp, er verlor seinen rechten Arm und wurde auf einem Auge blind. Nach Südafrika kehrte er 1990 nach der Zulassung des _Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) und der Freilassung von Nelson Mandela zurück. Er schrieb die neue Verfassung mit und wurde 1994 als Richter ans Verfassungsgericht berufen. Heute lehrt er an Universitäten und schreibt Bücher. Für "The Strange Alchemy of Life and Law" erhielt er 2010 den Alan Paton Award.

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