"Kinder sind ab einer Einkommensgrenze finanzieller Nachteil"

Interview
24. Februar 2012, 18:37
  • Prettenthaler ist "Erfinder" der Transparenzdatenbank.
    foto: standard/newald

    Prettenthaler ist "Erfinder" der Transparenzdatenbank.

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit
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    DER STANDARD-
    Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit

Laut Prettenthaler benachteiligen hohe Grenzsteuersätze und wegfallende Transfers den Mittelstand mit Kindern

Standard: Zahlt sich Kinderkriegen in Österreich aus?

Prettenthaler: Das hängt vom Einkommen ab. Es geht dabei um die Frage der horizontalen Gerechtigkeit, also: Wie geht es einem Paar mit Kindern gegenüber einem ohne Kinder. Da viele Transferzahlungen, insbesondere jene der Bundesländer, einkommensabhängig sind, gibt es eine Grenze, ab der Kinder zu haben finanziell nachteilig ist.

Standard: Wo liegt diese Schwelle?

Prettenthaler: Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden und hängt zudem von der Verteilung des Haushaltseinkommens und dem Alter der Kinder ab. Ein Beispiel aus Wien, für einen Haushalt mit einem Kind, bei dem Frau und Mann gleich viel verdienen: Hier kippt die Situation ab einem Bruttoeinkommen von 2800 Euro. Ab diesem Wert ist man also netto ökonomisch mit einem Kind schlechter gestellt als ohne. Beim zweiten Kind liegt diese Schwelle noch tiefer, nämlich bei 1800 Euro.

Standard: Wie groß ist der Zusammenhang zwischen finanziellen Anreizen und Geburtenrate?

Prettenthaler: Es gibt eine starke Korrelation, das Einkommen dürfte aber nur eine Ursache sein. In Wien haben die ärmsten 20 Prozent der Haushalte die meisten Kinder. Ab dem Medianeinkommen geht es steil bergab. Erst das reichste Hundertstel hat wieder deutlich mehr Nachwuchs. Im urbanen Gebieten hängt das stark mit den hohen Wohnkosten zusammen, am Land ist die Kurve deutlich flacher. Besserverdiener können sich ein drittes Kind erst leisten, wenn sie eine Villa in Döbling haben. Wer ohnehin schon prekär wohnt, braucht das dritte Kind, um ein höheres Einkommen zu erzielen.

Standard: Die ÖVP will Familien entlasten, die SPÖ bessere Kinderbetreuung: Wo stehen Sie?

Prettenthaler: Wir brauchen beides. Kurzfristig muss man steuerlich etwas machen, weil die Familien zu stark belastet werden. Die Betreuungspflichten beeinträchtigen die Erwerbsfähigkeit, weshalb Haushalte mit Kindern weniger Steuern zahlen sollten.

Standard: Aber könnte man nicht sagen, Kinder sind Privatsache, über Transferzahlungen für sozial Schwache hinaus braucht der Staat das nicht zu begünstigen?

Prettenthaler: Das verbietet der Gleichheitsgrundsatz. Wenn der Staat Transfers für Kinder zahlt, dann muss er es über alle Einkommensbereiche tun. Derzeit werden Familien ab einem gewissen Einkommen bestraft. Wenn es um Gerechtigkeit geht, dann müsste man die relativen Kompensationen ziemlich konstant halten.

Standard: Das hieße, dass Kinder von Reichen, in absoluten Beträgen ausgedrückt, mehr wert sind.

Prettenthaler: Das würde ich so nicht sagen. Auch jetzt werden Kinderkosten nach dem Alter, beim Karenzgeld auch nach der Höhe des Einkommens, unterschiedlich kompensiert. Der Einkommensverlust durch Kinder ist eben unterschiedlich hoch. Es geht nicht um die Reichen, sondern um den Mittelstand. Die Familien, die sich kein drittes Kind leisten können, weil sie gleich viel Steuern zahlen wie Kinderlose, die sind ja nicht reich.

Standard: Würde eine stärkere Kompensation die Geburtenrate beeinflussen?

Prettenthaler: Das Beispiel Frankreich zeigt, dass die höhere Fertilitätsrate mit der Förderung des dritten Kindes durch Steuerfreibeträge zusammenhängt. Die Fertilitätsrate einer Gesellschaft wird generell von der Zahl der Drei-Kind-Familien geprägt.

Standard: Viele Experten begründen die hohe Geburtenrate in Frankreich aber eher mit dem massiven Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen.

Prettenthaler: Ich habe selbst zwei Jahre in Frankreich gelebt und gerade auf einem Symposium mit französischen Wissenschaftlern diskutiert. Natürlich gibt es beide Effekte. Es ist in Österreich aber nicht so, dass die Familien umso mehr Kinderbetreuung nachfragen, als Angebot da ist. Das würde sich ändern, wenn Familien mehr Erwerbseinkommen hätten.

Standard: Wie sehen Sie das Zusammenwirken von Abgaben und Transfers in Bezug auf die Leistungsfähigkeit?

Prettenthaler: In Wien ist man zwischen 1300 Euro und 2600 Euro in der Armutsfalle, weil von einer Brutto-Lohnsteigerung netto nichts übrig bleibt. Ein anderer Vergleich zeigt, dass bis zu 65 Prozent der Haushaltstypen unter einem Bruttoeinkommen von 4000 Euro einen Grenzsteuersatz von mehr als 50 Prozent bezahlen. Im unteren Einkommensbereich ist man wesentlich großzügiger, hohe Grenzsteuersätze abzuverlangen. Diese Belastungen ergeben sich vor allem aus dem Wegfall von Transferleistungen. Ein Grenzsteuersatz von mehr als 50 Prozent ist ungerecht. Absolut unmoralisch wird es, wenn der Grenzsteuersatz über 100 Prozent liegt, das Einkommen bei einer Lohnerhöhung also sinkt. Das ist immerhin bei 13 Prozent der Fälle im unteren Einkommensbereich, die wir berechnet haben, so. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2012)

FRANZ PRETTENTHALER, Ökonom und Philosoph, Erfinder der Transparenzdatenbank, leitet eine Forschungsgruppe am Grazer Joanneum. Seine Schwerpunkte: Finanzen, Umwelt und Regionalpolitik.

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Mein sohn hat auch 2 kinder...

Sie verdienen knapp 2.000 euro. Wohnung inkl. Bk. 850 euro, auto 400 euro, essen 400 euro, vericherungen ect. 150 euro, …locker kommen sie nicht über die runden…ein drittes kind undenkbar, die kinder müssen auf viel verzichten… Urlaube, musikinstrument(e) ect…

Dann sterbt halt aus

wenn ihr meint, euch keine Kinder mehr leisten zu können.

Alternativ könnte man auch mal auf viel Schmarrn verzichten, zB Plastikwindeln, Babyphon, Medikamente bei jedem Schnupfen, jede Woche eine neue Wohnzimmerdekoration oder Schuhe für die Frau Mama.

Meine Familie empfängt keine Beihilfen, wir haben mit den Kindern heftige Einkommenseinbussen und kommen trotzdem locker durch. Und das mit zwei Halbtagsjobs, und sogar noch einigen Boni, die sich andere nicht leisten können. Alles nur eine Frage des Wirtschaftens.

...gratuliere und respekt....

Sie sind für gutverdienende, finanziell selbständige Frauen kein Nachteil, sondern beruflicher Selbstmord, der oft in Altersarmut endet.

Hätte ich nicht auf das frz. Schulsystem zurückgreifen können und mir vorher leisten können, Betreuung privat zu organisieren, würde ich jetzt auf bestem Wege dorthin sein. Vor allem weil man zu meiner Zeit jungen Müttern auch Arbeitslosengeld und Sozialhilfe nachgeschmissen hat.

Traurig aber wahr......

weil manche es noch nicht verstanden haben:

Wer ein mittleres Einkommen hat, für den sind Kinder derzeit mit den größten Einbußen an Lebensstandard (im Sinne von geldwerten Gütern) verbunden.

Wer wenig verdient, der verliert beim jetzigen System nämlich wenig. Er bekommt aus den verschiedenen Töpfen (Kindergeld, Familienbeihilfe, Absetzbetrag, Sonderunterstützungen, Befreiungen) so viel, dass ihm beinahe genausoviel bleibt wie vorher. Große Urlaube hat er ohnehin nie gemacht. Essen gegangen ist er nie.

Wer wirklich reich ist, für den fallen die Kosten eines Kindes, das ein Zimmer der Villa mitbezieht und auf der Yacht mitfährt nicht ins Gewicht.

Durch die Finger schaut der Mittelstand: für den heißt es dann Nudeln zu Hause statt Schnitzel beim Wirten.

So einen Unsinn habe ich noch nie gelesen

und wir haben drei Kinder groß gezogen, von denen eines noch studiert.

Auch bei noch so bescheidenem Leben reichen Familienbeihilfe und sonstigen Transfers niemals aus, die direkten Kinderkosten zu decken, von den indirekten durch Einkommensverlust und späterem Pensionsverlust zu schweigen.

Daher muss jedes Paar, das Kinder hat, aus dem Familieneinkommen, über das Kinderlose voll verfügen können, die zusätzlichen Kosten der Kinder abdecken.

Mehrere Kinder zu haben, ist ein Armutsrisiko, das belegen alle Armutsstatistiken.

Kompleter Schwachsinn

Natürlich Kosten Kinder Geld - und Menschen mit einem Einkommen über 2800 Euro sagen, sie finden ein Kind ist zu teuer, there effing problem. Warum soll hier der Staat eingreifen?

Es war immer so das die Mittelschicht weniger Kinder hat also alle andern - mit oder ohne Transferleistungen. Und es gibt keine einzige Steuerklasse wo man beim dritten Kind genausoviele Steuern zahlt wie ohne - könnte ein Interviewpartner sich die Zahlen mal anschauen...Die Industriestaaten mit den höchsten Geburtenraten sind entweder sehr katholisch (irland, polen) oder haben extrem gute betreuung (schweden, frankreich). Da geht es nicht um Geldleistungen - was für A...loch rechnet auf den Cent ob sich ein kind auszahlt?

Ihr Wort in ÖVP's Ohr.

Stimmt vollkommen - abgesehen davon, der finanzielle Ruin, wenn eine Beziehung schief geht oder noch schlimmer zB der Mann stirbt und eine minderversorgte Frau mit Kindern hinterlässt.

uneingeschränkte zustimmung.

Digitale Zeugung

Möglicherweise hängt das Kinderproblem in Österreich damit zusammen, dass beim Zeugen der Kleinen digital in Prozenten, Förderungen und Steuerbegünstigungen gedacht wird, anstatt sich den Emotionen des Sich-eins Fühlens hinzugeben und sich darüber zu freuen, dass man der eigenen Sterblichkeit vermutlich noch einmal eins auswischen konnte.

Kann mir jemand erklären

wie der Grenzsteuersatz in Ö auf über 50% (und sogar auf 100%) kommen kann?

Ebenso wie 65% der Haushalte unter 4000 einen Grenzsteuersatz von über 50% haben können?

Haben da ich und Wiki einfach eine andere Definition des Begriffes?

Wie kann man bei mehr Einkommen Netto weniger bekommen? (Wenn man jetzt vom Verlust von Förderungen oder dem Wechsel von Geringfügigkeit in Vollanstellung wegläßt)

kalte progression

ist wohl gemeint.

also der kennt bei den gehaltszetteln sicher besser aus, als die meisten hier bei den eigenen.

klar, wenn man in eine höhere stufe fällt gilt das für das zusätzliche einkommen ....
von den DG Beiträgen reden wir da noch gar nicht.

Es geht eben genau um den Wegfall von Förderungen, den Sie ausklammern wollen - wenn man allein die Einkommenssteuer betrachtet, geht sich das klarerweise nicht aus.

Es ist aber durchaus sinnvoll, das Wegbrechen von Direktzahlungen und anderen Vergünstigungen in die Rechnung miteinzubeziehen, weil das schließlich einen den gleichen Einfluss auf die Bilanz des einzelnen Haushalts hat wie sie zusätzliche Steuern hätten.

Wenn das gemeint ist

dann soll er nicht von Grenzsteuersatz reden.

Und das erklärt auch nur den letzten Punkt.

geben Sie auf http://www.bmf.gv.at/service/a... htm#footer einmal ein Bruttoeinkommen von 3700 und nachher von 3800 ein. Bei 100€ brutto kommen 46,52€ netto mehr raus. Sie haben also einen Grenzsteuersatz von 53,48%
Dazu kommen noch die Einbußen bei Förderungen und co.

ich denke er meint die grenzbelastungsabgabensatz.

Na wie wär's denn vielleicht...

...mit einem Familiensteuersplitting? Da wäre denen, die den Staat erhalten einmal wirklich geholfen, aber darüber darf man offensichtlich nicht mal nachdenken! 70% vom Brutto für Steuern und Abgaben sind leider kein Lercherl, da wird es auch für die ach so reichen Besserverdiener griffig...,

wie ist das mit denen, die nur vom staat leben und munter weiterproduzieren?

Wieviele kennst denn die das machen?

Ich kann mich erinnern das es in meiner Kindheit/Jugend EINE solche Familie (über 10 Kinder) gab die tatsächlich von Beihilfen gelebt haben und die Kinder ziemlich versumpert waren.
Sowas ist mir aber schon seit gut 20 jahren nicht mehr untergekommen.

70%?

verdienen sie wirklich mehr als 170.000,- brutto im monat - oder schneiden sie hier nur auf?

ich bin sicher, bei ihnen ist es ähnlich...

Rechnen Sie mal nach, nicht nur Einkommenssteuer ist eine Steuer...

Mir bleiben von meinem Brutto (ehrlicherweise incl. AG Anteil) genau 47% netto. Und dann geht es weiter. USt, Mineralölsteuer,...Alleine an Parkgebühren sind es 2.500 Euro/Jahr (wenn man die Erhöhung ab März 2012 nimmt)

Alles in Allem waren es 2011 - ok, da habe ich ein Auto gekauft, also auch NoVA dabei gehabt - knapp über 70% Steuern und Abgaben...

Einkommenssteuersplitting - ich verdiene natürlich keine 170k/Monat, bin aber in der höchsten Progression - wäre in meinem Fall (4köpfige Familie) schon eine feine - und wie ich finde faire - Sache

ich habe kein auto, also sind mit parkabgaben und mineralölsteuer wurscht - ihnen ist aber dennoch hoffentlich klar, dass die verbrauchssteuern alle menschen belasten, oder?

zur fairness: für sie wäre das familiensplitting, fair, aber für einen familienvater, der um 30-40% weniger verdient als sie, würde es bedeuten, dass er um 15-25% weniger berücksichtigung siener familienlasten erhält - oder anders ausgedrückt, dass seine kinder finaziell weniger wert sind als ihre.

ich persönlich finde das nicht fair.

vorschlag

herr prettenthaler ist auch ökonom und hat einen schwerpunkt "finanzen".
wie wäre es, wenn er selbst - falls noch nicht gemacht - einmal einen grobüberblick sich verschafft, wieviel aus dem allgemeinen steuertopf (in den alle einzahlen, jene mit und jene ohne kinder, ob aus arbeit, einkommen, konsum, betrieb....) in den großbereich "kinder/jugendliche" gesteckt wird. Also:
karenzgeld, krankenversicherung der kinder, kindergarten, familienbeihilfe, schulen, universitäten und fachhochschulen...und alles, worauf ich jetzt gar nicht auf die schnelle komme.

nur, damit von der jeierei "wir armen eltern zahlen für die anderen, die, die keine kinder haben...." endlich etwas dampf abgelassen wird.

ist schon öfters berechnet worden. wir haben in österreich eine enorme umverteilung von familien zu kinderlosen.

hausverstand

ist einfach - siehe hausverstand - nicht richtig.
all diese leistungen kommen ja nur kindern zugute, also den einzelpersonen oder familien mit kindern.

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