Kein Ende der "Tage des Zorns" in Afghanistan

24. Februar 2012, 18:20
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Wieder Tausende wegen Verbrennung von Koran-Exemplaren durch US-Soldaten auf der Straße

Kabul/Neu-Delhi - Es waren fünf Minuten: So lange lagen die Koran-Exemplare angeblich im Ofen, bis afghanische Arbeiter sie aus den Flammen fischten. Doch diese fünf Minuten haben halb Afghanistan in Aufruhr versetzt. Den vierten Tag in Folge gingen am Freitag Tausende nach den Gebeten auf die Straße. Wieder tönte es "Tod Amerika!", wieder brannten Reifen und flogen Steine. In Kabul marschierte eine aufgebrachte Menge auf den Palast von Präsident Hamid Karsai zu.

Afghanistans "Tage des Zorns" wollen nicht enden. Mindestens zehn Menschen starben seit Dienstag bei den Protesten - und die Taliban dürften sich ins Fäustchen lachen. Eine bessere Vorlage hätten ihnen die Amerikaner kaum liefern können, um die Wut gegen die "Invasoren", wie sie die Isaf nennen, anzustacheln. Und so gossen sie Öl ins Feuer und riefen dazu auf, für die Koran-Schändung blutig Rache zu nehmen.

Auch die Entschuldigung von US-Präsident Barack Obama konnte die Menschen nicht besänftigen. "Diese Proteste sind nicht nur gegen die Entehrung des Koran, wir protestierten auch gegen den Mangel an Respekt gegenüber unseren Toten, gegen die Tötung unserer Kinder", sagte der 60-jährige Maruf Hotak in Bezug auf Vorfälle in jüngerer Zeit.

Zehn Jahre der Entfremdung

Zehn Jahre "Einsatz" am Hindukusch haben die ausländischen " Schutztruppen", wie sie sich nennen, und ihre "Schützlinge" nicht nähergebracht, sondern offenbar beide Seiten mehr denn je entfremdet. Hatten die Afghanen die USA anfangs noch mit offenen Armen empfangen, wächst nun der Hass gegen sie, vielleicht auf den Westen insgesamt.

Die Versionen dessen, was am Montag genau auf dem US-Stützpunkt Bagram nahe Kabul geschah, gehen weiterhin auseinander. Die Nachrichtenagentur Reuters sprach mit Sayed Jamil, einem der afghanischen Arbeiter, die bei dem Vorfall dabei waren. Drei US-Soldaten hätten dutzende Koran-Exemplare von einem Wagen geladen und in den Ofen geworfen, erzählte der 22-Jährige. Die umstehenden Afghanen hätten protestiert. " Ich war bereit, zu töten oder getötet zu werden." Schließlich seien die drei US-Soldaten mit ihrem Wagen geflohen. Die Arbeiter hätten dann mit bloßen Händen acht Kopien des Korans aus den Flammen gerettet. Einige hätten sich dabei verbrannt. Muslime betrachten den Koran als Wort Gottes und behandeln jede einzelne Kopie mit tiefem Respekt. Die Schändung des Koran gilt als eine der schlimmsten Formen der Blasphemie.

Der "Fehler", wie Washington es nennt, zeugt von einer Unkenntnis der Kultur und Religion Afghanistans - und das zehn Jahre nach Beginn des Einsatzes. Die Amerikaner hätten wenig Ahnung von Afghanistans komplexen Clansystemen und religiösen Gebräuchen, meinte Bagrams Polizeichef Abdul Hafiz Mutawakkil. "Sonst würden sie nicht eine solche Dummheit begehen."

Zwar ordnete Nato-Kommandat US-General John Allen umgehend zusätzliche Schulungen der Soldaten an, wie man mit religiösem Material umgeht, doch das kommt in den Augen vieler reichlich spät.(DER STANDARD Printausgabe, 25.2.2012)

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    Proteste in Herat, Afghanistan. Im Hintergrund zu sehen: ein brennendes Polizeiauto.

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