Das Schweigen der Blätter

24. Februar 2012, 18:07
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Der Neuigkeitswert eines Strache-Auftritts im Bierzelt - absolut null

Die älteren der Mittwoch im Rieder Bierzelt zur Besichtigung eines Faschingsnarren besonderer Art zusammengetrommelten Zuschauer mögen vielleicht von einem Erweckungserlebnis besonderer Art durchströmt worden sein. War es doch nicht das erste Mal, dass ihnen ein selbsternannter Gröfaz in der kurzen Krachledernen mit seinem Geschrei Eindruck machte. Bei dem Genie, das dem rustikal Kostümierten die Ideen einflüstert, kann man davon ausgehen, dass der Outfit auf diese Reminiszenz hin berechnet war. Wenn Strache demnächst im Trenchcoat mit Reitpeitsche verspricht, das System abzuschaffen, hat er als einfühlsamer Kostümbildner die Meisterprüfung abgelegt. Nur daran wird er scheitern, dass vor diesem Publikum ein gewendeter Paintballrowdy einem verwundeten Frontkämpfer letztlich nie das Wasser reichen kann - bei aller Hetz an seinen Kapriolen.

Seit ungefähr einem Vierteljahrhundert gehört es zu den abgedroschensten Paradigmen unseres politischen Lebens, dass es Typen wie Jörg Haider oder H.-C. Strache nie über zehn Prozent gebracht hätten, wären sie nicht von den Medien "emporgeschrieben" worden. Sie gar nicht groß erwähnen, wäre das beste gegen die rechte Gefahr, las man in Magazinen, die mit Haider auf dem Cover unter dem Vorwand kritischer Berichterstattung ihr Geschäft machten, so oft es nur ging. Und man hörte es von Politikern, die ein Blatt hofierten und hofieren, in dem besagte Figuren zu politischen Heiligen stilisiert wurden, und die daher wussten, dass ihre Empfehlung des tendenziellen Totschweigens unmöglich, also glatter Unsinn war.

Das hat sich diese Woche wieder einmal erwiesen. Der Neuigkeitswert eines Strache-Auftritts im Bierzelt - absolut null. Seine inhaltlichen Darbietungen - längst ausgedroschenes Stroh. Die diesmal sogar ins Sexuelle abgleitenden Pflichtwitzeleien, auf die unterste Stufe der politischen Zivilisation abgestimmt, müssten jedem Burschschafter die Zehennägeln aufgebogen haben. Und siehe da: Weder Printmedien noch der ORF folgten der Empfehlung des Schweigens, obwohl es in einem solchen Fall journalistisch absolut gerechtfertigt gewesen wäre. Aschermittwoch mit und ohne Bier titelte die "Wiener Zeitung" über einem halbseitigen Bericht mit einem Foto von Strache in Hemdsärmeln. Hering, Bier und Abrechnungen am Aschermittwoch versprach "Der Standard" seinen Lesern - eine halbe Druckseite mit Foto von Strache, noch im Trachenjanker. "Die Presse" lieferte einen langen Einspalter ohne Bild und den Titel Aschermittwoch: Strache greift Heinz Fischer an. Mit einer Fleißaufgabe versuchte "Österreich" zu beeindrucken. Es bildete nicht nur Strache: Rede in Leder-Hosen fotografisch ab, sondern bot auch Straches kräftigste Sprüche, damit man außerhalb Rieds ja nichts versäumen musste. Fast kritisch "Heute" mit 2000 FPÖ-Fans feiern Sprücheklopfer Strache (plus Foto des Sprücheklopfers in Hemdsärmeln), und fast sachlich die "Krone" mit FPÖ-Chef bei Aschermittwoch-Rede - "Triple-U für Regierung: Unfähig, unseriös, unfair. Das Foto war nicht aktuell.

Die Grazer "Kleine Zeitung" konnte den Rieder Staatsakt gar nicht mehr erwarten. Schon am Mittwoch hatte sie den Philosophen Peter Strasser aufgeboten, der lang und breit über den politischen Aschermittwoch in Österreich philosophierte, vor allem über den im rechten Eck. Damit man sich gleich auskannte, ein großes Foto von Strache, bierkrugschwingend, vom Aschermittwoch 2011: Jeder Sager ein Treffer ins Herz der Fangemeinde. Der Philosoph schrieb viel Richtiges. Er erinnerte an die unselige Hass-Spur, die Haider mit seiner Aschermittwochsrede legte, er sprach vom Aschermittwochston, der die relativ harmlose Faschingshetz von gestern als das Vorspiel einer weitaus weniger harmlosen Enthemmung von morgen erahnen lässt, und von mehr. Und was hatte die "Kleine Zeitung" am nächsten Tag über eine Seite zu melden? 13 Euro für Strache und ein Bier. Samt Foto, hemdsärmelig und krachledern. Besonders bemüht der "Kurier". Über einem kleinen Zweispalter - Strache: Rundumschlag in Ried - eine Dreiviertelseite über "Straches Hirn", wo Herbert Kickl als das Mastermind hinter der Aschermittwoch-Rede von H.-C. Strache gewürdigt wurde. "Er ist ein trockener Analytiker mit untrüglichem Gespür für Sprache", sagt Martin Strutz, der es wissen muss. Wer seinem Geist "Daham statt Islam" abringen kann, der muss ein Genie sein. Und das soll man totschweigen? (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 25./26.2.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Strache in Ried.

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