Warum es Gerechtigkeit nicht geben kann

Kommentar der anderen24. Februar 2012, 17:52
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... und die Menschheit dennoch nicht aufhören wird, nach ihr zu dürsten und um sie zu kämpfen, weil sie ohne Gerechtigkeit nicht leben kann - Von Egon Flaig

Menschen können nicht in Gesellschaft leben ohne die Erwartung, dass der soziale Verband in einem minimalen Maße bemüht ist, Gerechtigkeit walten zu lassen. Solche Erwartungen geben große Gruppen von Menschen nur dann preis, wenn sie permanentem Zwang, gesichert durch hohen Einsatz von Gewalt oder anderen Machtmitteln, ausgesetzt sind, etwa in Arbeitslagern, Konzentrationslagern, Vernichtungslagern oder in Sklaverei. Die folgenden Überlegungen lassen die Gerechtigkeit als individuelle Tugend außer Betracht; ohnehin ist es die schwierigste und merkwürdigste aller individuellen Tugenden, wie Platon in der Politeia gezeigt hat. Mir geht es ausschließlich um die Gerechtigkeit als regulatives Moment in zwischenmenschlichen Verhältnissen.

Mein Ausgangspunkt ist Kants Satz aus der Metaphysik der Sitten: "Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben." Mein Fluchtpunkt ist Dostojewski, welcher zeigt, dass Gerechtigkeit nicht herstellbar ist - weder auf der Erde noch im jenseitigen Reich der Erlösung. Nicht einmal Gott kann Gerechtigkeit schaffen. Ohne Gerechtigkeit können wir also nicht leben, und doch müssen wir ohne sie leben. Das ist paradox und furchtbar. Diese Paradoxie führe ich aus in fünf Thesen.

1.

Alle Verteilungsgerechtigkeit mündet letztlich in die Abschaffung der Demokratie und in die Negierung der politischen Freiheit. Die beiden konsequentesten Gerechtigkeitstheorien zeigen das: Platon musste in seiner Politeia die politische Autonomie eliminieren, um Gerechtigkeit radikal herzustellen; daher gibt es in der Politeia keine politische Sphäre mehr.

Weniger radikal ist John Rawls, aber demselben Impetus folgend. Denn er verlangt in seiner Theory of Justice ein ungleiches Stimmrecht für ungleiche Bürger. "In dem Maße, wie ... einige Menschen ausgemacht werden können, die überlegene Weisheit und Urteilskraft haben ..., kann ein gewichtetes Stimmrecht völlig gerecht sein." Politische Ungleichheit heißt: Ende der Demokratie - im Namen der Gerechtigkeit. So wie Platon das Politische eliminiert, so eliminiert Rawls die Demokratie. Verteilungsgerechtigkeit ist absolut aporetisch, absolut illusorisch und das Rawls'sche Programm, wonach die soziale Ordnung die Ungerechtigkeiten der Natur beseitigen müsse, geradezu absurd. Jede Gesellschaft, die das täte, bräche zusammen.

2.

Gerechtigkeit beruht auf Äquivalenzen. Ein Unrecht ist dann und nur dann gesühnt, wenn die Sühne der unrechtmäßigen Tat angemessen ist. Die Angemessenheit ist das eigentliche Dilemma der Gerechtigkeit. Die ideale Angemessenheit ist die absolute Gleichheit. Kant drückt das so aus: "Welche Art aber und welcher Grad der Bestrafung ist es, welche die öffentliche Gerechtigkeit sich zum Prinzip und Richtmaße macht? Kein anderes als das Prinzip der Gleichheit." Daher ist - wie Kant unterstreicht - das "ius talionis" das einzige rechtlich formulierbare Ideal der Gerechtigkeit. Talio heißt "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Talio im Alten Testament bedeutet: Der Reiche kann sich nicht mit Geld freikaufen, wenn er dem Armen ein Auge ausgeschlagen hat; und der Reiche kann sich nicht mit Wergeld freikaufen, wenn er einen Armen getötet hat.

Sich mit Geld freikaufen von Leid ist ein Hohn auf die Gerechtigkeit. Die Äquivalenz von bösem Tun und von sühnendem Erleiden ist entscheidend. Ohne diese Gleichwertigkeit kann es keine Gerechtigkeit geben. Kant sagt darum: "Das Strafgesetz ist ein kategorischer Imperativ." Das ist nicht ohne Bedacht gesagt. Der große Königsberger Aufklärer verteidigt daher entschieden die Todesstrafe für Mörder und fügt hinzu: "Es gibt hier kein Surrogat zur Befriedigung der Gleichheit." Denn die Todesstrafe schafft Gleichheit zwischen der bösen Tat und dem sühnenden Erleiden. Die Abschaffung der Todesstrafe - im spätmittelalterlichen Byzanz, im neuzeitlichen Russland, dann in Rumänien - ist im Namen der Humanität geschehen.

Aber falls angewandt auf Mörder, verhindert sie den Vollzug von Gerechtigkeit. Das bedeutet: Ein kardinales Element unserer seit etwa hundert Jahren gängigen Konzeption von Humanität widerspricht fundamental der Gerechtigkeit. Wer human im vulgären Sinne sein will, darf sich nicht auf Gerechtigkeit berufen. Die Ideologie der "Recognition" wirkt darum prinzipiell der Gerechtigkeit entgegen. Wenn sogenannte Minderheiten heute auf ihre "Anerkennung" pochen, dann meinen ihre Wortführer damit immer: Anerkennung als etwas Besonderes. Das impliziert immer das Recht auf besondere Behandlung. Aber jede besondere Behandlung widerspricht der Gleichheit und schafft Ungerechtigkeiten.

3.

Alle Gerechtigkeit ist anfechtbar. Denn alle Äquivalenz ist anzweifelbar. "Auge um Auge" scheint absolut gerecht, weil absolut äquivalent. Doch in der realen Welt gibt es nichts absolut Identisches. Und genau deswegen kann der Kampf um Gerechtigkeit niemals aufhören. Denn die Äquivalente beruhen auf Konventionen, sind also menschlich gemacht und unterliegen menschlichem Verfügen. Nichts ist leichter, als diese Konventionen zu denunzieren; nichts ist bequemer, als zu behaupten, sie dienten dem Interesse der Mächtigen. An jedem symbolischen Äquivalent kann man herumkritteln. Jeder kann das, egal wie gebildet oder ungebildet er ist. Je pluralistischer eine Gesellschaft ist, desto mehr Gruppen sind vorhanden, die mit Vehemenz die Konventionen anprangern, auf denen die Gerechtigkeitsäquivalente beruhen. Wir wirbeln in einem Katarakt des ständigen Revidierens der Äquivalenzen, und wir werden weiterwirbeln, auch wenn eines Tages globale menschheitsüberspannende Institutionen - Kants Weltrepublik - Beruhigungen leisten sollten.

4.

Katastrophal ist die Vorstellung einer generationenübergreifenden Gerechtigkeit. Man stelle sich vor, die heutige Generation sollte die Opfer der Sklaverei entschädigen. Dann müssten vor allem die Versklaver teuer zahlen, also vor allem jene Versklaverethnien im afrikanischen Sahel - für etwa fünfzig Millionen versklavte Afrikaner in zwölfhundert Jahren. Die Tuareg, die Fulbe, die Haussa, die Yoruba, die Aschanti müssten Billionen Dollar zahlen. Aber was können die heute lebenden Versklaverethnien für die Verbrechen ihrer Vorfahren? Und an wen müssten sie zahlen? Die Nachfahren der ehemaligen Sklaven in Amerika stammen zu einem substanziellen Teil von Ethnien ab, die selbst andere versklavt haben. Viele wurden just bei der Sklavenjagd von ihren Feinden gefangen und versklavt - Pech gehabt; die Opfer waren großenteils selbst Täter.

Sollen deren Nachfahren entschädigt werden? Und wie wollen wir nun herausfinden, wer beim Akt der Versklavung etwa um 1730 wirklich reines Opfer war? Es ist völlig unmöglich. Jeder Versuch, hier Gerechtigkeit herstellen zu wollen, führt zu absurden Konsequenzen, nämlich zur millionenfachen Belohnung der Nachfahren von Tätern, die Pech gehabt hatten - und auf wessen Kosten? Auf Kosten von jetzt lebenden Menschen, die an jenen Verbrechen keine Schuld tragen. Allein der Gedanke macht schwindlig.

Wir können also keine diachrone Gerechtigkeit herstellen, nicht einmal dort, wo es unbedingt nötig zu sein scheint, nämlich bei den beiden schlimmsten Verbrechen - bei Sklaverei und bei Völkermord.

5.

Nicht einmal Gott kann Gerechtigkeit herstellen. Der radikalste Denker der Gerechtigkeit, Dostojewski, zeigt das in seinem genialen Roman Die Brüder Karamasow. In einem fulminanten Gespräch zwingt Iwan Karamasow seinen tiefgläubigen Bruder Aljoscha in eine verzweifelte Ratlosigkeit: Denn der allmächtige Gott kann bei der Erlösung der Welt jene Qualen nicht ausgleichen, die jener achtjährige Junge erlitt, als der Gutsherr ihn von Hunden zerreißen ließ - vor aller Augen und vor den Augen seiner Mutter. Diese Qualen des Kindes bleiben ungesühnt.

Aus dieser Unsühnbarkeit zieht Iwan eine entsetzliche Konsequenz. Der Jubelgesang der erlösten Menschheit wird lauten "Gerecht bist du, oh Herr!". Und gegen diesen Jubelgesang erhebt Iwan Karamasow im Vorhinein unbeugsamen Einspruch. Er sagt seinem Bruder, dem angehenden Mönch Aljoscha: "Ich will nicht, dass die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarme! Wie darf sie es wagen, ihm zu vergeben? Wenn sie will, kann sie für sich vergeben - mag sie ihm ihr unermessliches Mutterleid und ihren Schmerz verzeihen; aber die Leiden ihres von Hunden zerrissenen Kindes darf sie nicht verzeihen, dazu hat sie kein Recht, auch dann nicht, wenn ihr Kind selbst dem Peiniger verziehe! Wenn das aber so ist, wenn man nicht verzeihen darf, wo ist dann die Harmonie? Gibt es auf der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, welches das Recht hätte, zu verzeihen? Ich will keine Harmonie; aus Liebe zur Menschheit will ich sie nicht. Lieber bleibe ich bei ungesühnten Leiden. Lieber bleibe ich rachelos bei meinem ungerächten Leid und in meinem unstillbaren Zorn, selbst wenn ich nicht im Recht wäre." Iwan verzichtet auf die All-Erlösung, weil die All-Erlösung eine furchtbare Negation der Gerechtigkeit darstellt. Ich kenne keinen Text der Philosophie, der so radikal die Postulate der Gerechtigkeit zu Ende denkt. Gott selbst kann keine Gerechtigkeit schaffen. Er hätte nur eine einzige Möglichkeit, Gerechtigkeit zu schaffen: Er müsste alles, was geschehen ist, ungeschehen machen; er müsste die Schöpfung widerrufen. Aber wenn alle Geschehnisse wieder ungeschehen werden, warum sind sie dann geschehen? Dann sind sie sinnlos. Und die ganze Schöpfung mit ihr. Gott könnte also nur gerecht sein, wenn das Geschehene sinnlos wird.

Wie sollen Menschen können, was ein allmächtiges und allverzeihendes Wesen nicht vermag? Doch wie der Königsberger Kosmopolit sagte, sind wir außerstande, ohne Gerechtigkeit zu leben. Wir dürsten nach ihr; und wir werden von diesem Durst vorwärts getrieben durch die Wüste der Geschichte, nicht vierzig Jahre, sondern so lange der Planet noch unsere Spezies nährt. (Egon Flaig, DER STANADARD, Print-Ausgabe, 25.2.2012)

Dies sind gekürzte Auszüge aus einem insgesamt 12 Thesen umfassenden Originalbeitrag für die Zeitschrift "Merkur" (751/Dezember 2011)

EGON FLAIG ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Rostock; zuletzt erschienen: "Weltgeschichte der Sklaverei" (Beck-Verlag, 2009).

  • DER STANDARD- Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit.
    foto: standard

    DER STANDARD- Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit.

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