Zur Freiheit wollten die Araber Gerechtigkeit

24. Februar 2012, 17:14
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Die Islamisten kapern den Begriff - und meinen mehr als nur gerechtere Verteilung

"Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit" war einer der Slogans des Arabischen Frühlings in Tunesien und Ägypten - und nur das "Brot" fehlt im Titel der neuen stärksten Partei des neuen Ägypten, der "Freiheit und Gerechtigkeits-Partei" (FJP) der Muslimbrüder, die bei den ersten freien Wahlen mit 45 Prozent ins Parlament einzog.

Der Gerechtigkeitsbegriff ist bei ihr allerdings nicht auf "sozial" eingeschränkt. Und die "Gerechtigkeit" im Parteinamen ist natürlich auch keineswegs eine Erfindung der ägyptischen Muslimbrüder. Sie ist beinahe ein Markenzeichen für islamistische oder islamische Parteien, sehr oft in der Kombination mit "Entwicklung", wie ja auch bei der "Adalet ve Kalkinma Partisi" in der Türkei, der AK-Partei.

Dennoch wird der Wähler der FJP wohl in allererster Linie die soziale Gerechtigkeit im Kopf gehabt haben, als er der Partei seine Stimme gab. Der Ruf nach der Verteilungsgerechtigkeit war ein ganz entscheidendes Element in den arabischen Revolten. Ganz passte er nicht ins Bild der romantischen Rezeption, die den Aufständen in vielen westlichen Medien widerfuhr: Da konzentrierte man den Blick lieber auf die bürgerlichen, gebildeten Mittelschicht-Kids der Social-Media-Generation. Sie sind das verbindende Glied zwischen den Kulturen, sie heben die Unterschiede auf. Mit einem ägyptischen Mindestlohn-Fabriksarbeiter kann man sich schon weniger identifizieren - der dann auch noch islamistisch wählt.

Programmiertes Scheitern

Es mag aber auch sein, dass man die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit deshalb aus dem Fokus schob, weil ihre Unerfüllbarkeit - und damit ein zumindest teilweise Scheitern der Revolution - abzusehen war. Den postrevolutionären arabischen Gesellschaften geht es in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht heute schlechter als vor einem Jahr. Im neuen UNDP-Bericht über die Entwicklungsherausforderungen in der arabischen Welt wird die Sorge geäußert, die Transitionsprozesse könnten daran entgleisen. Eine der Schwierigkeiten sei, dass die alten Eliten mit Teilen der Oppositionen eine "zentristische Allianz" einzugehen versuchten, die ein Aufbrechen des alten Systems verhindert.

Die islamische Gerechtigkeit, die der politische Islam propagiert, ist jedoch mehr. Sie gehört zu den wichtigsten Prinzipien der muslimischen Gesellschaft, wo sie nicht ist, ist Unterdrückung - und die Gerechtigkeit ist hergestellt, wenn sich ein System an der Scharia orientiert. Mit Gerechtigkeit ist aber keineswegs Gleichheit gemeint. Gleich sind die Muslime nur als Gläubige. Um es etwa auf das Geschlechterverhältnis herunterzubrechen: Die Normen der Scharia, die Frauen und Männer in einer hierarchischen Ordnung sehen, sind "gerecht".

Scharia ist Gerechtigkeit

Im System des Muslimbrüder-Ideologen Sayyid Qutb ist Gerechtigkeit nichts anderes als Herrschaft gemäß der Scharia - alles andere ist als Verdrängung der Souveränität Gottes eine Tyrannei und ungerecht. Und muss bekämpft werden. Das ist ein radikaler Bruch mit der früheren unpolitischen Haltung des traditionellen Sunnitentums, in dem die Religionsgelehrten mit "ungerechten" Regimen kooperierten: wie es die meisten ja auch in der Neuzeit getan haben, was etwa ein islamistischer Dauervorwurf gegen den vom ägyptischen Regime eingesetzten Scheich der Al-Azhar war.

Diese unpolitische Haltung hat ihre Wurzeln wahrscheinlich im Bürgerkrieg in der islamischen Frühgeschichte - die den sunnitischen Slogan produzierte "Besser 100 Jahre Tyrannei als einen Tag Aufruhr". Es ist ganz typisch, dass die ägyptischen Salafisten, die ja in vielen Ansichten viel radikaler sind als die Muslimbrüder, die Revolution, die Revolte gegen den - ungerechten - Herrscher, zuerst als unislamisch ansahen (sie anerkannten danach quasi nur das Resultat als richtig an). Und damit wird wohl nebenbei auch klar, dass der politische Islam - der im islamfeindlichen Diskurs mit "dem Islam" identifiziert wird, eine moderne (im Sinne von zeitgenössische) Bewegung ist.

Islam und Sozialismus

Selbstverständlich gibt es in der islamischen Welt im 20. Jahrhundert auch die Verbindung zwischen dem Islam und den Gerechtigkeitsvorstellungen des Sozialismus, auch als "Dritter Weg" zwischen Kommunismus und Kapitalismus, etwa im krausen Weltbild des Muammar al-Gaddafi. Auch die iranischen Volksmujahedin sind typische revolutionäre Linksislamisten, die von den Konservativen ausgebootet wurden.

Zu Beginn der arabischen Revolten wurde in der Berichterstattung stets betont, dass weder die USA noch Israel thematisiert werden - es wurde daraus auf eine nachhaltige Verlagerung der Aufmerksamkeit auf innere Probleme geschlossen. Damit hätte die Palästinenserfrage ausgedient als faule Ausrede der Herrschenden, ihre unterdrückten Massen weiter auf Demokratie warten zu lassen. Das war schon richtig - das Gefühl der Ungerechtigkeit, das sich am Schicksal der Palästinenser entzündet, ist aber noch immer da.

Dass die "Gerechtigkeit für die Palästinenser" mit der Realität Israels versöhnt werden muss, wissen heute bis auf ein paar Verbohrte alle. Schwierig ist für die Menschen jedoch, nicht nur die Tatsache des Schicksals der Palästinenser zu akzeptieren, sondern - wie es die israelische Rechte will - quasi die Rechtmäßigkeit ihres Heimatverlusts. Das wird als ungerecht empfunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.2.2012)

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