"Im Unterschied zum Schiedsrichter hat der Richter eine zweite und oft dritte Instanz"

Interview24. Februar 2012, 19:05
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Heinz Mayer, Fan und Verfassungsrechtler, erkennt im Sport nicht mehr Gerechtigkeit als anderswo

Standard: Der gerechte Sieg, das gerechte Remis, das gerechte Resultat. Das Wort "gerecht" fällt selten so oft wie im Sport. Zu Recht, oder ist das seltsam?

Mayer: Das ist sicher nicht seltsam. Gerechtigkeit spielt für den Menschen eine ganz große Rolle, in allen Bereichen. Gerechtigkeit ist elementar.

Standard: Ist der Sport gerechter als der Rest vom Leben, widerfährt einem eher Gerechtigkeit?

Mayer: Das ist unterschiedlich. Manchmal taucht die Gerechtigkeitsfrage kaum auf, weil ich das Ergebnis gut messen kann. Im 100-Meter-Lauf seh ich sofort, wer der Erste ist. Erst in der zweiten Ebene geht es darum, ob er vielleicht gedopt war oder einen Fehlstart produziert hat, der nicht festgestellt wurde. Aber vordergründig kann ich sagen: Dieser oder jener war der Beste. Wenn ich Beurteilungen vornehmen muss wie im Turnen, Eiskunstlauf oder Skispringen, wird es heikel. Da gibt es oft Diskussionen, da ist es manchmal schwieriger, an die Spitze zu kommen, man muss Beziehungen haben. Das führt öfter dazu, dass jemand nicht seinen Leistungen entsprechend, also ungerecht beurteilt wird.

Standard: Und dass sich am Ende, wie es im Sport auch oft heißt, alles ausgleicht?

Mayer: Das glaube ich nicht. Wo das Ergebnis so von menschlicher Beurteilung abhängig ist, wie etwa auch beim Boxen, wird es nicht immer einen Ausgleich geben.

Standard: Die Strukturen, auch seine eigene Rechtsprechung, machen den Sport zu einer eigenen Welt in der Welt. Hilft ihm das, oder macht ihn das korrumpierbar?

Mayer: Im Radsport hab ich nicht den Eindruck, dass diese internationale Gerichtsbarkeit, die es da gibt, eine unabhängige ist, die echt durchzugreifen versucht. Das ist auch eine Gefahr, dass man das Wort Gericht verwendet für eine Einrichtung, deren Unabhängigkeit nicht völlig gesichert ist.

Standard: Sportler klagen gern darüber, Pech gehabt zu haben. Ist es ungerecht, wenn man Pech hat?

Mayer: Natürlich kann Pech zu einer Ungerechtigkeit führen. Wenn einer im Segeln fünf Meter weiter rechts fährt als die anderen, steht er vielleicht, und die anderen fahren. Oder ein Materialfehler beim Skifahren, die Bindung geht auf. Pech gibt es auch beim Fußball, wenn die überlegene Mannschaft dreimal an die Stange knallt, und die andere kommt einmal vor und schießt ein Tor.

Standard: Aber ist das auch wirklich ungerecht?

Mayer: Das kann schon ungerecht sein, weil es Zufall sein kann. Aber genau das macht die Wichtigkeit des Sports aus. Dass man lernt, auch mit ungerechten Niederlagen umzugehen. Niederlagen ertragen zu können ist für den Menschen wichtig. Wer nicht lernt, auch mit der Ungerechtigkeit zu leben, ist in höchstem Maß gefährdet, Verbrecher zu werden oder zu verzweifeln am Leben.

Standard: Ist der Schiedsrichter, etwa im Fußball, tatsächlich einem Richter vergleichbar?

Mayer: Der Schiedsrichter muss binnen Sekundenbruchteilen erkennen, was passiert. Wobei man ja oft in der Zeitlupe noch nicht klar sieht, was wirklich passiert ist. Im Unterschied zum Schiedsrichter hat der Richter eine zweite und oft dritte Instanz.

Standard: Wenn Sie nur Sekunden nach einem Tor wissen, dass es irregulär war - stellt es Ihnen da nicht die Haare auf?

Mayer: Natürlich stört mich das. Auf der anderen Seite muss ich, wenn ich mich auf das Spiel einlasse, damit leben, dass es einen Schiedsrichter gibt, der Fehlentscheidungen treffen kann. Ich muss mich auch darauf einlassen, dass ich, wenn ich zu Gericht gehe, mit einem Fehlurteil heimkommen kann. Das gibt es. Es gibt Entscheidungen von Höchstgerichten, die für mich unverständlich sind und die ich schlicht für falsch halte. Wer zu Gericht geht oder auf den Fußballplatz, muss mit Fehlentscheidungen leben.

Standard: Würden Sie für mehr Gerechtigkeit im Sport plädieren? Sollte es im Fußball Torkameras und also den Videobeweis geben?

Mayer: Ich wäre dafür, dass man alle technischen Hilfsmittel, die man einsetzen kann, auch einsetzt. Das würde helfen, Fehlentscheidungen zu vermeiden. Okay, wenn sich das untere Klassen nicht leisten können, raufen nach einer Fehlentscheidung vielleicht zwei Wirtshäuser miteinander. Aber oben geht es ja um Millionen.

Standard: Bei der Tour de France werden Jahre später Titel wegen Dopings aberkannt. Sie sind ein Radsportfan. Wie schwierig ist es geworden, diesen Sport zu verfolgen?

Mayer: Ich war sehr verärgert, als ich erfahren habe, dass der Bernhard Kohl gedopt war. Ich hatte ihn sehr aufmerksam verfolgt und mich darüber gefreut, wie er gefahren ist. Ich glaube, dass im Radsport an der Spitze wenige mit sauberer Weste unterwegs sind, und das stört mich sehr. Aber das alles blende ich aus, wenn ich zusehe, weil mich der Radsport noch immer fasziniert, das gestehe ich.

Standard: Einige behaupten, dass eine völlige Freigabe von Doping zu mehr Gerechtigkeit führen würde.

Mayer: Davon halte ich gar nichts. Da müsste man Kindern abraten, Sport zu betreiben. Sport sollte ein Spiel sein, ich halte ihn vor allem für die Jugend als Erziehungsmittel für wichtig.

Standard: Wenn man Jahre später draufkommt, dass sich Fußballvereine - Stichwort FC Tirol, Stichwort Sturm Graz, Stichwort GAK - ihre Erfolge mit unlauteren Mitteln erkauft haben, sollte man diese Klubs nicht nachträglich aus Meisterlisten streichen?

Mayer: Gerecht wäre das vielleicht, in Italien ist es ja auch passiert. Aber für das Image des Sports ist es katastrophal, wenn der Zuseher, der heimgeht, nicht sicher sein kann, wie es wirklich ausgegangen ist. (DER STANDARD, Printausgabe 25.2. 2012)

HEINZ MAYER (65) ist Verfassungs- und Verwaltungsjurist, Universitätsprofessor und seit 2006 Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Präsident des Union Yacht Clubs Neusiedlersee. War Mittelstreckenläufer. Sportarten: Laufen, Radfahren, Segeln, Eissegeln, Skifahren. "Alles, so oft es geht. Keine Wettkämpfe mehr, nur noch Gesundheitssport."

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    Heinz Mayer: "Der Radsport fasziniert mich immer noch, das gestehe ich."

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    Beispiel für offenbar unterschiedliche Rechtsauffassungen im Hockey.

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit

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