Hoffen auf ein mildes Urteil

24. Februar 2012, 18:52
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Als wie gerecht oder ungerecht Angeklagte die von Richtern gefällten Entscheidungen empfinden

Wien - Herr R.s Glaube in die österreichische Justiz ist ramponiert. " Wegen Ihres Auftretens und Intellekts muss ich Sie härter bestrafen", soll der Richter zu R. gesagt haben. Er wurde wegen gefährlicher Drohung zu sieben Monaten auf Bewährung und Schmerzensgeld in Höhe von 600 Euro verurteilt. Weil er seinem Kollegen erneut smste, er werde ihm etwas antun, musste der 41-Jährige nach einer zweiten Verhandlung die Haft antreten.

Seit seiner Verurteilung hat R. in den Medien verfolgt, was andere für vergleichbare Delikte ausfassten - und sehr unterschiedliche Entscheide vorgefunden. "Diese Abhängigkeit von einer Person, die über dein Leben urteilt und dafür keine Haftung übernimmt, stört mich", sagt R. Es gebe so breite Spannen für die Strafhöhe - in seinem Fall hätten es auch bis zu drei Jahre Haft werden können, weshalb er sich nicht getraut habe, das Urteil zu beeinspruchen. Außerdem sei sein erster Rechtsbeistand nicht besonders engagiert gewesen.

Ausschlaggebende Essenspause

Nicht nur zu welchem Richter man gelangt, ist mit entscheidend für ein Urteil, einer Studie zufolge spielt auch eine Rolle, wann die Verhandlung stattfindet. So fanden Wissenschafter aus Israel und den USA heraus, dass Richter am Anfang des Tages oder nach einer Essenspause bei mehr Bewährungsanträgen für den Strafgefangenen entschieden. Nach mehreren Entscheidungen ohne Pause tendierten sie dagegen eher dazu, den Straftäter in Haft belassen.

R. hat nach seiner ersten Verhandlung neuerlich Droh-SMS verschickt. Dass er dann ins Gefängnis musste, findet er in Ordnung. Der Richterin der zweiten Verhandlung sei ja gar nichts anderes übriggeblieben. Sie habe ihm immerhin das Gefühl gegeben, dass er verstanden werde, sagt R.

Ein paar Parallelen zu seinem Fall finden sich bei Gerald G., 28 Jahre alt. Er sitzt im Wiener Landesgericht vor Richterin Patrizia Kobinger-Böhm, gestikuliert, spricht gewählt. Der Vorwurf: gewerbsmäßiger Diebstahl. In einem Hallenbad hat er aus zwei Spinden Geldtaschen gestohlen. Seine Begründung: Die Finanzierung seiner Drogensucht - Kokain und Heroin.

Eloquenter Straftäter

Auffällig ist: Der Twen ist eloquent, hat eine abgeschlossene Schulbildung und eine Familie, die noch immer hinter ihm steht, wie er sagt. An sich beste Voraussetzungen für eine teilbedingte Haftstrafe. Sein Problem: Erst im August ist er wegen ähnlicher Delikte zu 18 Monaten verurteilt worden, zwei Monate war er im Gefängnis, dann hätte er eine Therapie beginnen sollen.

Dazu kam es nicht wirklich, da er nicht sozialversichert war - und als dieses Problem beseitigt war, wieder nach den Suchtmitteln gegiert hat. Das reumütige Geständnis wirkt da nicht wirklich mildernd: 18 Monate unbedingte Haft, dazu kommen die 16 Monate aus der ersten Verurteilung.

Ob er die Strafe als gerecht empfindet? "Na ja, ich habe schon gehofft, dass sie geringer ausfällt. Aber ich muss fairerweise sagen, dass das Gericht nicht ungerecht war. Ich habe nach der ersten Verurteilung meine Chance gehabt und sie nicht genutzt."

Sasa P. sieht es nicht ganz so, gibt sich aber gelassen. Er ist zum dritten Mal in kurzer Zeit beim Drogenverkauf erwischt worden. Diesmal an einen Kriminalbeamten - der ihn bereits einmal festgenommen hatte und sogar sagte, dass er Polizist sei. Aber er sei unter Drogeneinfluss gestanden, verteidigt sich P. vor Richter Patrick Aulebauer. Die Strafe: acht Monate unbedingt. "Gut, ich habe einen Fehler gemacht. Aber eigentlich ist die Strafe zu viel, aber was soll's."

"Bei weitem überzogen"

Seinen Fall nicht allein einem Richter überlassen wollte da-gegen Herr K. Er konnte im gerichtlichen Tatausgleich eine Lösung seines Nachbarschaftsstreits erzielen. Sein Nachbar hatte ihn wegen Sachbeschädigung angezeigt, weil K. beim Heckenschnitt auch den Ast einer Eibe abgeschnitten hat. Im von einem Mitarbeiter der Bewährungshilfe "Neustart" moderierten Gespräch fand man dann eine Lösung - eine Verhandlung konnte so abgewendet werden.

Dass die Staatsanwaltschaft den Fall überhaupt weiterverfolgte, versteht K. nicht. "Das ist bei weitem überzogen", meint er. Nun habe er mit seinem Nachbarn, der nach dem Gespräch von seiner ursprünglichen Schadenersatzforderung Abstand nahm, vereinbart, dass sie das nächste Mal gemeinsam die Hecke schneiden werden.Ob die nun erzielte Lösung gerecht ist, wagt K. nicht zu sagen: "Was gerecht ist, ist ein sehr subjektives Empfinden. Ich würde sagen, es ist eine vernünftige Lösung." (Michael Möseneder/Gudrun Springer, DER STANDARD, Printausgabe, 25/26.2.2012)

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    Angeklagte bei Gericht hoffen in der Regel, dass der Richter mild urteilt. "Diese Abhängigkeit von einer Person stört mich", sagt einer.

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit
    grafik: der standard

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit

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