Von "Der Schrei" schuf Munch vier Versionen, eine davon wird nun für geschätzte 80 Millionen Dollar versteigert
Der Überlieferung eines Kunsthistorikers nach soll Edvard Munch an Platzangst
gelitten haben. Schon das Überqueren einer Straße hätte ihm Schwierigkeiten
bereitet, und auch auf weite Landschaften reagierte er nicht minder sensibel.
Jedenfalls soll er diese Phobie in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht haben,
allen voran in Der Schrei. Es ist dieser Aspekt, der die von Betrachtern
durchaus als bedrückend erlebte Stimmung wohl am besten erklärt. Munch selbst
hatte sich zur Entstehung des Bildes geäußert: Bei einem Abendspaziergang sah er
hinaus über den Fjord, "die Sonne ging unter, die Wolken färbten sich rot wie
Blut. Ich fühlte, wie ein Schrei durch die Natur ging (....). Ich malte dieses
Bild, malte die Wolken als wirkliches Blut."
Eine Ikone für den Markt
Das war 1893, und bis 1910 schuf er - abgesehen von einer Lithografie (1895,
"Geschrei") - insgesamt vier Varianten: Drei befinden sich in Museumssammlungen,
darunter die im August 2004 aus dem Munch-Museum (Oslo) gestohlene und zwei
Jahre später sichergestellte. Eine Version, 1895 in Pastell, fristete seit
sieben Jahrzehnten fernab der Öffentlichkeit ihr Dasein in der Privatsammlung
des norwegischen Geschäftsmannes. Nun hat sich Petter Olsen entschlossen, sich
von dieser Ikone der Kunstgeschichte via Sotheby's zu trennen.
Bereits 2006 hatte er via deren Londoner Niederlassung eine Gruppe von
Arbeiten Edvard Munchs zum damaligen Gegenwert von 16,89 Millionen Pfund (ca.
20,14 Mio. Euro) versteigern lassen, darunter Summer's Day (1904-1908),
für das der Hammer bei 6,16 Millionen Pfund fiel. Zwei Jahre später notierte
Sotheby's in New York den vorläufigen Rekordpreis, als Munchs Vampire von
1894 für stolze 38,16 Millionen Dollar den Besitzer wechselte. Dieses
ursprünglich Liebe und Schmerz betitelte Gemälde gehört ebenso wie der
nunmehr offerierte Der Schrei zu einer 20-teiligen Serie namens
Lebensfries. Um die 80 Millionen Dollar beziffern Sotheby's-Experten ihre
Erwartungen, die angesichts des Ikonenstatus des Gemäldes aber am 2. Mai
durchaus übertroffen werden könnten. Knapp 490.000 Besucher hatte das Centre
Pompidou (Paris) im Zuge der Ausstellung Edvard Munch. Der moderne Blick
gezählt, die nun in der Schirn-Kunsthalle (bis 13. Mai) in Frankfurt die Massen
begeistern wird. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 25./26. Februar 2012)