Manöver im Lebensmatsch

24. Februar 2012, 20:19
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Flugversuche in Argentinien und anderswo: Andreas Neesers verunglückter Roman über Enden und Ausbrüche

Als vor zwei Jahren Erzählungen von Andreas Neeser erschienen, mit dem überaus treffenden Titel Unsicherer Grund versehen, war das Echo auf die zart ausbalancierte Prosa des langjährigen Leiters des Aargauer Literaturhauses Lenzburg viel zu überschaubar.

Erinnerung und Lebensbetrachtung, Rückschau auf die Kindheit und Sinnestrug, Schein und Sein, Suche und Bewegung schwebten durch die zarten Miniaturen und die fein nuancierten, reduzierten Sätze. Was für eine Enttäuschung, um es gleich zu sagen, ist dagegen sein neuer Roman. Denn kaum etwas stimmt hier.

Das fängt mit dem Namen der Hauptfigur an, der Möbelberaterin Isabelle, der das Leben verrutscht, die aber mit Nachnamen "Meister" heißen muss. Das setzt sich fort mit einem krebskranken, beziehungsgestörten, auf Frauen einflötenden, elegant silberhaarigen Orchesterflötisten namens Obermeier, der noch zu Hause wohnt und Isabelle mit nebulöser Penetranz zu stalken beginnt.

Des Weiteren gibt es Isabelles schon sechs Jahre währende Beziehung zum EDV-Spezialisten Simon, der originellerweise alles in Einsen und Nullen sieht, zur abendlichen Rekreation Brettspiele spielt und TV sieht, zusammen bereiten sie sich auf die Übernahme des Hauses einer Tante vor und planen Nachwuchs. Doch dann zerfällt für Isabelle Schritt für Schritt das alte, in Überschaubarkeit geronnene Leben. Ein Versöhnungsversuch soll ausgerechnet in Paris stattfinden. Was natürlich nicht glückt, vielmehr gibt es da rüden, Simon verstörenden Sex. Am Ende besteigt Isabelle Meister, die psychologisch bestürzend wehrlos auf Obermeiers salbadernde Wortattacken reagiert hatte, natürlich einen Flieger zu einem ganz zufälligen, ganz kurzfristig gewählten Ziel, natürlich Buenos Aires und Argentiniens schneebedeckte Kordilleren.

Um einen in Buenos Aires lebenden deutschen Autor mit Schweizer Pass, um Christian Kracht und seinen Roman Imperium, tobt derzeit eine Mediendebatte, die sich daran entzündete, dass ein Literaturkritiker die eindeutigen Reden der Romanfiguren als eindeutige Ansichten des Autors zu identifizieren glaubte.

Was aber tun, wenn wie bei Neeser den Figuren nur abgestandene Gemeinplätze in den Mund gelegt werden, ein satirischer Wille zur Überzeichnung bürgerlicher Wohlanständigkeit à la John Updike aber an keiner Stelle zu bemerken ist? Ist das nun versteckte Ironie, wenn Isabelle als vorletzter Gedanke der Satz "Suchen hieß, sich finden lassen" zugewiesen wird? Oder ist das einfach ein verunglückter Roman voll schräger Metaphern ("Der Abend stand ungewaschen am Fenster")?

Für Letzteres spräche auch ein Satz wie: "Die Sonne taumelte, doch die Schwüle hing noch wie ein feuchtes Laken über dem ungedeckten Balkon." Da, auf Seite 204, hing vielleicht der Lektor auch bereits wie ein feuchtes Laken von einem Innsbrucker Balkon. Es bleibt zu konstatieren, dass Andreas Neeser hier viel will; und alles verfehlt. (Alexander Kluy, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 25./26. Februar 2012)

Andreas Neeser, "Fliegen, bis es schneit". € 19,90 / 208 Seiten. Haymon, Innsbruck 2012

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