"Wir haben jede Form von Anständigkeit verloren"

Interview24. Februar 2012, 19:48
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Schauspieler Seberg und Probst Fürnsinn über gesellschaftliche Schieflage, naive Politik, Lebensglück und die Regeln des Heiligen Augustinus

STANDARD: Der Heilige Augustinus sagt: "Jeder soll das bekommen, was er braucht." Hat man nicht Anrecht auf mehr oder zumindest auf das Gleiche wie andere?

Maximilian Fürnsinn: Darf ich da gleich antworten, weil der Augustinus gehört zu mir. Dieser Satz steht in der Ordensregel. Augustinus war der Auffassung, dass es verschiedene Bedürfnisse, verschiedene Schwächen und Stärken von Menschen gibt, die eine entsprechende Unterstützung brauchen. Gerechtigkeit heißt nicht, dass alle bei allem gleich beteiligt werden, sondern dass jeder zu dem kommt, was er leben will und leben kann.

STANDARD: Menschen, die sozusagen "überbleiben", werden den Satz nicht gutheißen.

Fürnsinn: Das ist richtig. Und es werden auch viele Leute mit diesem Satz alles ausnutzen, was es so gibt. Prinzipiell gilt aber dieses Wort.

Gregor Seberg: Ich kenne jetzt diesen Satz nicht. Aber ich finde, wir leben in einer Gesellschaft, die auf Leistung, auf Arbeit und damit Geldverdienen aufgebaut ist. Daher kann schon der, der mehr arbeiten will, auch mehr verdienen. Aber: Dass es im Jahre 2012 immer noch so große Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau gibt, ist absurd. Ich bin ja sonst nicht einer, der sagt, die Gesetze sollen uns alles vorschreiben, aber das würde ich ratzfatz in die Verfassung schreiben und exekutieren.

STANDARD: In Österreich sind eine Million Menschen von Armut betroffen, wie gerecht ist denn unser Land? Offensichtlich bekommt nicht jeder das, was er braucht.

Fürnsinn: Die These steht für ein Kloster, für einen relativ begrenzten Raum. Das kann man dann nicht immer hundertprozentig übertragen. Trotzdem müssen wir uns dazu durchringen, zu sagen, jeder Mensch soll das bekommen, was er braucht. Auch in einer Gesellschaft mit sehr viel Armut müssen wir dafür sorgen, ein Grundeinkommen zu schaffen. Augustinus sagt auch noch dazu: Es soll sich niemand glücklich schätzen, dass er mehr hat, sondern dass er weniger braucht. Das ist eine sehr wichtige Ergänzung.

Seberg: Ich habe einen kulanten Zugang dazu. Wenn ein so reiches Land wie Österreich bemerkt, dass ein Achtel seiner Einwohner mit Armut zu tun hat, dann müsste das auf der Agenda ganz oben stehen. Dann ist alles andere zweitrangig. Da müsste man sagen: So, wo holen wir uns die Kohle? Es ist ein Zustand, der untragbar ist. Eine Institution wie die Kirche verfügt in Österreich immer noch über eine gewisse meinungsbildende Macht. Die müsste viel lauter sagen: Aus jetzt!

Fürnsinn: Die Kirche engagiert sich ganz deutlich in Form der Caritas. Man kann sicher nicht sagen, die Kirche spricht dazu nicht.

Seberg: Jemand, der in der Kirche Macht hat, könnte vorschreiben, dass am ersten Sonntag im Mai jeder Pfarrer predigen soll, dass dieser Missstand abgestellt werden muss. Davor hätten die Politiker Schiss. Ist das so undenkbar?

Fürnsinn: Es ist nicht undenkbar. Aber dann tauchen sofort Probleme auf. Etwa die Frage der Trennung von Kirche und Staat, dass die Kirche sich nicht in die Politik einmischen darf und ähnliche Dinge. Aber das wäre auszuhalten, daher bin ich vollkommen Ihrer Meinung.

STANDARD: Laut Nationalbank hält das oberste Prozent ganze 20 Prozent des Geldvermögens. Das oberste Fünftel hält 75 Prozent des Immobilienvermögens. Herr Propst Fürnsinn, Sie haben einmal gesagt: "Besitz kann auch zur Sünde werden." Ist das ein Zeichen dafür?

Fürnsinn: Wir haben heute sehr viele Strukturen der Sünde, gerade im Wirtschaftsbereich. Schauen Sie, was Kassiererinnen in manchen Supermarktketten mitmachen müssen! Oder wie heute Menschen mehrere Jobs brauchen, um zu einem halbwegs verfügbaren Einkommen zu kommen. Und was in den letzten Jahren an Schmiergeld und Korruption auftaucht. Menschen, die Unsummen für ein Radiointerview kassieren.

Seberg: Man kriegt nichts! Wo waren wir, als die Telekom gesagt hat: Zeigt auf! Ich war da offenbar nicht im gleichen Zimmer.

STANDARD: Kümmert die Armut so wenig? Läuft da etwas falsch?

Fürnsinn: Wir haben ein gewisses ethisches Grundverhalten verlernt. Wir haben jede Form von Anständigkeit verloren.

Seberg: Das glaube ich auch.

Fürnsinn: Und auf der anderen Seite dieses naive Getue. Wenn heute die Parteien wieder ein Parteienfinanzierungsgesetz machen wollen, dass sie schon über Jahre planen. Diese Heuchelei in der Politik ist einfach unglaublich.

Seberg: Mir kommt vor, es wird uns - länger als ich denken kann - eingeredet, dass der persönliche Wohlstand unbedingt vermehrt gehört. Und es wird immer subkutan mitgeschickt, dass es ruhig auf Kosten anderer gehen kann. Ich stehe auch dazu, dass "Geiz ist geil" das Schlimmste ist, was ich seit Ewigkeiten gehört habe. Geiz ist einfach nicht geil. Er ist alles andere als geil. Aber wenn man das in die Leute so hineinpflanzt, dann ist das schlimm. Dann noch diese Kriegsrhetorik, diese Schlagworte: Du musst schauen, du musst kämpfen. Das geht mir total am Hammer.

STANDARD: Wie bekommt man diese Anständigkeit wieder zurück?

Fürnsinn: Ute Bock sagt, durchs Vorleben. Andere meinen, man muss sich vernetzen. Schule und Erziehung - da muss man hineingehen. Warum hat die Politik so eine Angst, zum Beispiel ein verbindliches soziales Jahr für alle einzuführen? Es ist so vielen Jugendlichen doch fad.

STANDARD: Jetzt wird gerade ein Sparpaket umgesetzt, muss man nicht fürchten, dass es in Österreich noch ungerechter wird?

Fürnsinn: Das glaube ich sehr.

Seberg: Ich auch. Es wird viel schlimmer. In der ORF-Sendung Im Zentrum hat der Werner Amon von der ÖVP auf die Frage, warum er denn nicht die Parteifinanzen transparent macht, gesagt, dass dann die politischen Mitbewerber dies einsehen können. Hallo? Genau darum geht es doch. Wenn es so weitergeht, werden die Politiker bald nach Lourdes pilgern müssen, um dort um jeden einzelnen Wähler zu betteln.

Fürnsinn: Die Probleme werden in der Zukunft noch größer, weil in der Politik das Denken der Selbstversorgung immer stärker herausgestrichen wird. Das bedeutet, dass man für gewisse Gruppen und Schichten nicht mehr die nötige Vorsorge treffen kann. Schauen Sie sich den Gesundheitsbereich an, die Pflege! Das wird ja nicht besser, sondern nur ärger. Der Staat zieht sich aus vielen Bereichen, wo Menschen an Grenzen kommen, zurück und schiebt es auf die Eigenversorgung.

Seberg: Wir leben in einer Gesellschaft, wo das Wort "Gutmensch" einen negativen, unsexy Beigeschmack hat. Da kann ich nur lachen. Das Gegenteil wäre ja der "Schlechtmensch". In meiner gröberen Diktion ist das ein Oarsch. Ich möchte ein Gutmensch sein, das ist weitaus erstrebenswerter und hipper als das Gegenteil. Du kannst ja in jedes Land schauen und sehen, wie schlecht es dort vielen Leuten geht, und wie es uns im Vergleich gut geht. Es ist mir unbegreiflich, warum edukative Medien, Institutionen nicht Sorge tragen und sagen: Hallo, Ball flach halten, uns geht es ziemlich gut.

STANDARD: Woran liegt es, dass einer mehr hat als ein anderer? Ist es Glück, Fleiß? Sie sind gelernter Fleischhauer, in dem Beruf würde Ihr Leben heute wohl anders aussehen.

Fürnsinn: Für mich gab es nicht das Bedürfnis hinaufzustreben. Ich war sechs Jahre lang ein begeisterter Fleischhauer. Ich war auch durchaus erfolgreich. Für mich ist es nie um sozialen Aufstieg oder so etwas gegangen. Ich wollte für eine Sache eintreten, für den Glauben, für meine Überzeugung einstehen. Das war mein Motiv.

Seberg: An Vorbestimmung glaube ich gar nicht. In meinem Beruf redet man ja oft nur über die Schauspieler, die man sieht. Und dann glaubt man immer, denen geht es so gut. Aber das ist echt nur die Spitze vom Eisberg. Die vielen Schauspieler, die irrsinnig gut sind, die fleißig wären, wenn man sie ließe, aber leider keinen Job finden, die sieht man nicht.

STANDARD: Herr Propst, Sie haben sehr früh Ihre Mutter und Ihren Bruder verloren; Sie, Herr Seberg, sind bei der Großmutter aufgewachsen. Haben Sie beide sich nie gefragt, ob die Welt ungerecht ist?

Seberg: Meine Oma war nicht gläubig und hat Gelbsucht bekommen. Da war sie noch nicht einmal dreißig. Als letzten Ausweg hat sie Gott angerufen und hat die Krankheit überlebt. Ab dem Zeitpunkt war sie strenggläubig. Ich bin im Glauben erzogen worden. Und dann ist mein Opa gestorben, da war ich acht Jahre alt. Ich habe das nicht akzeptiert. Ich dachte mir, das stimmt alles nicht. Die Oma rettet der und den Opa nicht? Da habe ich mir dann zum ersten Mal die Frage gestellt: "Wie gerecht ist unsere Welt jetzt eigentlich?"

Fürnsinn: Ich war zwei Jahre alt, als meine Mutter gestorben ist. Da habe ich keine Erinnerung mehr. In mir ist nur so etwas wie Sehnsucht geblieben. Mir ist es aber nicht schlecht gegangen, in einer Fleischhauerei ist das alles kein Problem. Aber es ist eben ein Stück Sehnsucht offengeblieben. Vielleicht hat mich das auch ein wenig tiefer in den Glauben hineingeführt, das mag schon sein. Wo habe ich Halt, was gibt mir Kraft. Der frühe Tod meiner Mutter, das spielt in meiner Glaubensgeschichte sicher eine Rolle. (Peter Mayr und Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.2.2012)

MAXIMILIAN FÜRNSINN wurde am 5. Mai 1940 in Herzogenburg geboren. Er kommt aus einer Fleischhauerfamilie und absolvierte auch die Lehre. Seit 1979 ist er Propst des Stiftes Herzogenburg.

GREGOR SEBERG (45) ist Schauspieler und Kabarettist. In Graz geboren, absolvierte er das Konservatorium der Stadt Wien, Abteilung Schauspiel. Seit 2006 spielt er in der Fernsehserie Soko Donau.

  • Propst Maximilian Fürnsinn und Schauspieler Gregor Seberg sind sich 
einig: "Wir haben ein gewisses ethisches Grundverhalten verlernt."
    foto: regine hendrich

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  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Gerechtigkeit

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