Raffinesse "made in Austria"

24. Februar 2012, 20:24
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Mit 170 Beweisen rückt das Dorotheum eine bisher wenig beachtete Designergeneration in den Mittelpunkt

Es war nur einer von vielen Deals, die Ron Bernstein abwickelte. Besonders war dieser insofern, als sich der zufriedene Klient bei dem Agent für Filmrechte anschließend mit einer Reise bedankte. Mit einem Trip nach Europa, in eine Stadt seiner Wahl. Bernstein reiste nach Wien, eine folgenreiche Entscheidung. Denn hier verfiel er Mitte der 1990er-Jahre mit Haut und Haar dem Wiener Jugendstil, konkret dem ob seiner formalen Schlichtheit faszinierenden Repertoire eines Josef Hoffmann und dessen Kollegen.

Zuvor hatte seine Leidenschaft der "Arts & Crafts"-Bewegung und deren Ziel der Wiedervereinigung von Kunst und Kunsthandwerk gehört. Eine bloße Aufwärmübung, wie Bernstein rückblickend urteilte. Langweilig im Vergleich zum mondänen Design der Wiener Werkstätte (WW) und ihren führenden Protagonisten.

Zurück in Hollywood begann er seine Version der Wiener Idee eines Gesamtkunstwerks zu realisieren: Ab 1999 begann sich in seinem Bungalow, Baujahr 1915, das charakteristische Wiener Raffinement auszubreiten. Nun verkauft Bernstein dieses Anwesen und trennt sich damit auch von einem Teil der Sammlung, die als Hauptattraktion bei Christie's in New York (8. 3.) angeboten wird.

Dazu gehört vor allem Hoffmann-Design wie eine WW-Hängelampe von 1906 (12.000-18.000 Dollar), die Bernstein im Jahr 2000 für knapp 6200 Euro im Kinsky ersteigert hatte, oder ein Satz von "J. & J. Kohn"-Stühlen (Modell-Nr. 330), für die zwischen 25.000 und 35.000 Dollar veranschlagt sind.

Vergessene Generation

Entsprechend solchem Preisgefüge scheint Design "made in Austria" international große Anerkennung zu genießen. Dies stimmt allerdings nur bedingt, da spätere Generationen österreichischer Designer von dieser Wertschätzung ausgenommen sind, sowohl international als auch hierzulande. Ein Phänomen, das, wie Christian Witt-Dörring vermutet, wohl in der typisch österreichischen Tradition des Vergessens seinen Ursprung hat.

Völlig zu Unrecht, wie der Kunst- und Möbelhistoriker sowie Ausstellungskurator (Neue Galerie, New York) anmerkt. Die Überzeugungskraft der Wiener Möbel und Beleuchtungskörper der Zwischenkriegs- und Wiederaufbauzeit liege "nicht in vordergründigen, leicht abrufbaren Reizen, sondern verlangt vom Konsumenten ein informiertes persönliches Engagement". Schutzlos seien einst zu Recht geschätzte Arbeiten und deren Urheber dem Vergessen weitestgehend ausgesetzt.

Vor vier Jahren formierte sich unter der Marke "Design Tradition" eine Gruppe von drei Kunsthändlern (Lichterloh, Kunsthandel Kovacs, Rauminhalt), die sich der Bewahrung dieses spezifischen Segments kulturellen Erbes verschrieben haben. Und aus deren Fundus wird nun die allererste rein auf heimisches Design dieser Epoche spezialisierte Auktion ("Austrian Design", 29. 2.) im Dorotheum bestückt: mit 170 Exponaten aus den 1920er- bis 1960er-Jahren, mit denen Oswald Haerdtl, Josef Frank, Fritz Reichl oder Julius Jirasek eine Formgebung repräsentierten, die abseits eines spektakulären künstlerischen Individualismus den damaligen gesellschaftlichen Anforderungen entsprachen. Eine Chance, die Design-Aficionados auch angesichts vergleichsweise günstiger Schätzwerte nützen werden. Noch bevor dieser Trend international die Runde dreht und solche Meilensteine der Wiener Designgeschichte womöglich unerschwinglich werden. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 25./26. Februar 2012)

  • Schlicht spektakulär: In den 1950er-Jahren entwarf Julius Jirasek diese " 
besitzbaren" Formwunder (Ausf. Werkstätten Hagenauer).
    foto: dorotheum

    Schlicht spektakulär: In den 1950er-Jahren entwarf Julius Jirasek diese " besitzbaren" Formwunder (Ausf. Werkstätten Hagenauer).

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