Fairness im Lotteriespiel des Lebens

24. Februar 2012, 18:28
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Rawls hat mit seinem Werk "Eine Theorie der Gerechtigkeit" die Debatte um Umverteilung wesentlich geprägt

Soll jemand, der besonders intelligent oder schön ist, mehr verdienen dürfen als andere? Ist es fair, wenn ein Mensch, der einem diskriminierten Geschlecht oder einer diskriminierten Ethnie angehört, weniger Gestaltungsmacht hat? Welche Ungleichheiten der Lotterie, bei der per Geburt Gesundheit, Vermögen oder Macht verteilt werden, sind gerecht? Welche müssen ausgeglichen werden? Der US-Philosoph John Rawls (1921-2002) hat mit seinem Werk "A Theory of Justice" (1971, dt.: "Eine Theorie der Gerechtigkeit") die Debatte um Demokratie und Umverteilung der letzten Jahrzehnte wesentlich geprägt.

Rawls stellt die Frage, welche Gerechtigkeitsgrundsätze ein freier Mensch wählen würde, wenn er nicht wüsste, welcher Klasse er angehört oder wie intelligent und gesund er ist. Unter dem "Schleier des Nichtwissens" würde er sich in das Schicksal des am stärksten Benachteiligten versetzen und ein System wählen, in dem diesem möglichst viele Grundfreiheiten garantiert würden (Maximin-Prinzip), so Rawls. Meinungsfreiheit, ordentliche Gerichtsverfahren, Wahlrecht haben dabei für den Liberalen Rawls Vorrang vor allem anderen.

In seinem zweiten Grundsatz beschäftigt sich Rawls mit sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. Sein "Unterschiedsprinzip" besagt, dass solche Ungleichheiten nur dann legitim sind, wenn sie auch dem am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen. Auch Vorteile durch natürliche Güter (wie Unversehrtheit, Intelligenz) sind nur dann gerecht, wenn Menschen mit Behinderungen möglichst viel Grundfreiheiten zukommen. Gleichzeitig muss jeder Vorteil auf Basis von Chancengleichheit erreicht worden sein. Ein höherer Verdienst ist also nur gerechtfertigt, wenn das entsprechende Amt in einem fairen Wettbewerb errungen wurde. (awö, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. Februar 2012)


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    John Rawls ist mit seinem Hauptwerk "A Theory of Justice" (1971) der bis heute einflussreichste moderne Theoretiker der Gerechtigkeit.

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