Alte Konzernwelten in der Sackgasse

24. Februar 2012, 17:23
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Fast 90 Prozent der heimischen Manager sind offen für einen Jobwechsel. Nicht weil sie mehr Geld wollen, sondern weil sie Dinge verantworten müssen, die sie nicht selbst gestalten können

Geld ist nicht der Treiber der Frustration, die in den meisten heimischen Managern wohnt. Zu viel negativer Stress ist es auch nicht: 1500 Führungskräfte wurden vom Executive Searcher Stanton Chase befragt, und neun von zehn sind wechselwillig.

Kaskaden an Entfremdung

Hauptgrund ist laut Angabe der Befragten die offenbar schwer zu ertragende Entkoppelung von Verantwortung und Einflussmöglichkeit. Dahinter stecken Kaskaden an Entfremdungen in Konzernwelten - zum Vorgesetzten, zum Mitarbeiter. Die schon vor langer Zeit gebrochenen sozialen Kontrakte (Mitarbeiter werden ein- und wieder hinausgestellt, Scharen von Menschen haben nachhaltig das Gefühl, lediglich Nummern in der Firma zu sein) schlagen sich offenbar auch in gewaltigem Loyalitätsverlust nieder. Das Ondit von frustrierendem Management by Spreadsheet scheint auf die Befindlichkeit der Führungskräfte nachhaltig durchgeschlagen zu haben.Bei Großkonzernmanagern ist das massiv so - je mehr Matrixorganisation, je anonymer die Kommunikationsstrukturen, desto schlimmer. Von dort wollen auch die meisten weg, mehr Männer als Frauen, und das, obwohl die allgemeine wirtschaftliche Einschätzung aller Befragten nicht rosig ist: 80 Prozent haben keinen positiven Ausblick in das laufende Jahr. Die "Verwirklichung persönlicher Interessen" steht für fast 70 Prozent der Wechselwilligen ganz oben in der Motive-Skala. Klein- und mittelständische Strukturen sowie Start-ups wirkten auf die Wechselwilligen besonders attraktiv, berichten die Berater von Stanton Chase.

Nur 30 Prozent geben die Chance auf eine höhere Gage als Motiv an. Das spreche deutlich gegen die immer wieder kolportierte Meinung, Manager seien "bloß an Boni interessiert und von Geldgier getrieben", sagen Alexander Kail und Franz Rois von Stanton Chase in Wien. "Mehr Verantwortung" und "eine wichtigere Stellung im Unternehmen" nennen dagegen die Hälfte. So steht es nicht in der Studie, aber damit rücken diese Ergebnisse schon in die Nähe der spätestens seit der Lehman-Pleite immer wieder aufgeworfenen Sinnfrage in "alten" Wirtschaftssystemen und in die Nähe einer gewissen Kapitalismuskritik. Dies untermauert auch eine steigende Wechselwilligkeit (sechs Prozentpunkte plus zur Vorjahresstudie) bei gleichzeitig immer kürzeren Vorstandsverträgen.

Andererseits: Auf die Frage, welche Eigenschaften ihrer Meinung nach in der Wirtschaft erwartet würden, antworten die Manager mit Pragmatismus und Problemlösungsfähigkeit. Ethische oder schöpferische Eliten würden demnach nicht verlangt. Klare Wertvorstellungen oder Kreativität seien auch nicht prioritär. Vielleicht ist das aber auch eine frustrierte Bewertung der Arbeitgeber durch die Befragten.Ihre Karriereziele meinen die Manager durch Vergrößerung des Netzwerks und Betreiben von Eigenmarketing am ehesten zu erreichen, fachliche Weiterentwicklung und internationale Erfahrung werden erst dahinter gereiht. Allerdings nur von den Männern. Frauen sehen das umgekehrt.Apropos Vorurteile gegen Manager: Dass sie nicht mobil seien, scheint auch falsch zu sein, denn für mehr als zwei Drittel wäre geografische Veränderung kein Problem. Asien, China und auch Indien, haben dabei nunmehr den USA als gut vorstellbare Destination den Rang abgelaufen. In die GUS-Staaten zieht es die wenigsten, fast die Hälfte würde sich aber ganz gern in Osteuropa beruflich engagieren. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.2.2012)

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