Scheren und Bremsen

Analyse24. Februar 2012, 17:25
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Die Diskussionen über ein Schließen der Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen werden laut geführt. Leichte Besserungstendenzen lassen sich ablesen - wenn man das so positiv sehen möchte

Das Gute voran: Niemand sagt oder schreibt heute mehr offiziell, dass sich Frauen gefälligst vom Herd nicht allzu weit entfernen sollen, ohne seinen guten Ruf zu ruinieren. Wer meint, Frauen grundsätzlich noch immer horizontale Taktiken für Karrieren unterstellen zu müssen, der muss das mittlerweile im Wirtshaus im Hinterzimmer tun. Alle Belege, wonach Geschlechtervielfalt in Unternehmensgremien den wirtschaftlichen Erfolg befördert, ernten offiziell Zustimmung. Dass die lückenhafte und überwiegend auf Teilzeitarbeit ausgelegte Kinderbetreuung (nicht nur in Kindergärten, in der Schule geht'''s ja erst richtig los) Eltern - und vor allem noch immer Frauen - im Job benachteiligen, wird nicht geleugnet.

Und natürlich applaudiert niemand, wenn das Thema der anhaltenden Schlechterbezahlung von Frauen diskutiert wird. Zwar kann sich die EU über Quoten nicht einigen, unermüdliche Forderungen Engagierter haben aber eine zumindest kontinuierliche Debatte ausgelöst - sogar in Österreich, einem Land, das in Europa quasi einzigartig ist in der Position, die es seinen Frauen in der wirtschaftlichen Teilhabe zuweist.

Man darf allerdings nicht mehr okay finden, was da strukturell an himmelschreiender Ungerechtigkeit Frauen gegenüber im System und in der Gesellschaft festsitzt. Und streckenweise werden Frauen sogar mit "Frau Magistra" angesprochen. Nicht zu vergessen der neue Text in der Bundeshymne, dem mit der Töchter-Aufnahme große Symbolkraft zugeschrieben wird. Und: Die Gehaltsschere bewegt sich mit ihren eingerosteten Schrauben einen Hauch in Richtung innen.

Die heimischen Wirtschaftsinteressen-Gruppierungen lehnen zwar " brachiale" Maßnahmen wie Quoten ab, um die fast geschlossenen männlichen Reihen der Spitzenjobs ein wenig zu lockern, dafür werden aber " evolutionäre" Maßnahmen wie Führungskurse für Frauen und Listen möglicher Kandidatinnen für Aufsichtsmandate gefördert. Das war vor zehn Jahren ja auch noch nicht so.

Apropos Evolution: Da Frauen Männer bei den Bildungsabschlüssen längst überholt haben und die aktuelle Generation nicht mehr auf Niveau all der schlechten Erfahrungen der Vorkämpferinnen im Wirtschaftsleben einsteigt, wird wohl alles auf dem richtigen Weg sein. Oder?

Er stimmt ja auch. Und dass das Ringen um Macht - wer gibt sie schon gern freiwillig ab - zäh ist, ist auch klar.Alarmierend für den Fortschritt in Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist bloß, dass über Fakten, die seit Jahrzehnten klar auf dem Tisch liegen, noch immer lauwarm diskutiert wird. Die Infrastruktur der Kinderbetreuung ist da ein stellvertretendes Beispiel: Wir wissen, dass quantitativ und qualitativ mangelndes Angebot eine Karrierebremse für Frauen ist. Will man das tatsächlich im Sinne einer Top-down-Governance radikal ändern, so wie viele Politiker(innen) das seit Jahren behaupten? Offenbar nicht, denn mühsame Prozesse gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung müssten dem gar nicht vorangehen - umgekehrt: Sie würden dadurch ausgelöst und beschleunigt.

Über Vielleicht-ein-bissl-Sanktionen bei Einkommensdiskriminierung würde dann nicht mehr diskutiert, Väter würden Sitzungen verlassen, um ihre Kids abzuholen. Erstaunen über Frauen in Position und Männer vor Schultoren würde ziemlich schnell einem Gefühl der Normalität weichen.Was jetzt noch Normalität ist, sagt die Forschung eindeutig: Erfolg hängt heute noch viel stärker vom zeitlichen Arbeitseinsatz ab. Frauen müssen heute viel mehr arbeiten als ihre männlichen Kollegen, um an die Spitze zu kommen. Nichts hat sich geändert an traditionellen Rollenmodellen und Stereotypen: Frauen, die Karriere machen wollen, sollten besser möglichst einsam und kinderlos bleiben. Männer, die Karriere machen wollen, sollen ihre Kinder nur am Wochenende sehen und das gut finden - sie haben ja einen echt tollen Job und bringen viel Beute heim. Dorthin zu schauen wird tunlichst vermieden. Glücklich ist, wer vergisst ... (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.2.2012)

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