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Auf dem Weg zum neuen Netz

Gespräch24. Februar 2012, 13:03
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Reinhard Brehmer, Spartensprecher Netze von Oesterreichs Energie, und Martin Graf, Vorstand der Energie Control-Austria, im Gespräch über die Auswirkungen des Umbaus des Energiesystems auf die Verteilnetze, über Genehmigungsverfahren und Tarifstrukturen

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Oesterreichs Energie: Seit einiger Zeit ist die Rede von einem grundlegenden Umbau des Energiesystems. Welche Rolle spielen dabei die Verteilnetze?

Reinhard Brehmer: Die wesentlichsten Merkmale des neuen Energiesystems sind der Ausbau der erneuerbaren Energien und die dezentrale Einspeisung. Für Unternehmen, die über große Dachflächen verfügen, wird es zunehmend attraktiver, dort Photovoltaikanlagen zu installieren und mit diesen einen Teil ihres Strombedarfs zu decken. Daraus ergeben sich enorme Auswirkungen auf die Netzsteuerung, ebenso wie ein Verlust an Netzentgelten, weil der Strom ja nicht in unser Netz eingespeist wird. Auf der anderen Seite müssen wir hohe Investitionen tätigen, um für die Belastungen des Netzes durch die Erneuerbaren bereit zu sein. In Teilen Ostösterreichs sind Windparks mit einer Gesamtleistung von 2000 MW bewilligt. Sie können aber nicht ans Netz gehen, weil dessen Kapazität nicht ausreicht. Wichtig wären für uns Rahmenbedingungen, die sowohl den Ausbau als auch die Modernisierung und Ertüchtigung der Netze ermöglichen.

Martin Graf: Auch wir als E-Control sehen eine große Veränderung des Energiesystems. Wir bekommen dezentrale Erzeugungen hinein, die vor zehn Jahren nicht denkbar waren. Das bedeutet natürlich, dass Investitionen in die Netzinfrastruktur notwendig werden. Die Erzeuger brauchen flexible Kraftwerke, wie etwa Wasserkraftwerke, um die stark schwankende Stromproduktion von Photovoltaik- und Windkraftanlagen auszugleichen. Die Netzbetreiber benötigen neue Steuerungs- und Regeltechnik, Stichwort: Smart Grids. Überdies werden Smart Meters zu installieren sein. In Summe werden diese Investitionen sich auf die Netztarife auswirken, welche durch die Wirtschaft und die Haushalte getragen werden. In Diskussionen mit Konsumentenvertretern kommt immer stärker auch das Thema Energiearmut zur Sprache. Daher ist die Branche gefordert, einen maßvollen Zugang zu finden, etwa, was die Verzinsungen des Eigenkapitals betrifft.

Oesterreichs Energie: Was werden der Ausbau und die Ertüchtigung der Netze kosten?

Reinhard Brehmer: Berechnungen der E-Wirtschaft kommen auf einen Betrag von etwa sechs Mrd. Euro bis 2020, was die Erneuerung und den Ausbau der Verteilnetze betrifft, inklusive Smart Metering.

Martin Graf: Wir kommen auf etwa acht Mrd. Euro bis 2020, wobei wir allerdings auch die Übertragungsnetze berücksichtigen. Wenn ich mir den Masterplan der Austrian Power Grid (APG) ansehe, sprechen wir von einer Verdoppelung der Asset Base. Da sind große Anstrengungen der Eigentümer notwendig, um die Netzbetreiber ausreichend mit Eigenkapital auszustatten, aber auch, um den Zugang zu Fremdfinanzierungen zu erleichtern.

Oesterreichs Energie: Wie sollen diese Kosten verteilt werden?

Martin Graf: Grundsätzlich ist das im Elektrizitätswirtschaftsund -organisationsgesetz (ElWOG) bereits geklärt. Die Netzentgelte sind durch die Entnehmer zu bezahlen. Zu diskutieren ist sicherlich, wie weit die Kosten für einen Netzausbau den Einspeisern zugeordnet werden kann. Einerseits benötigen die Unternehmen eine ihrem Risiko adäquate Verzinsung, andererseits darf die Belastung für die Haushalte und für den Wirtschaftsstandort nicht überbordend werden. Diese Balance ist in den vergangenen Jahren gelungen, wobei die Branche unbestrittenermaßen große Anstrengungen unternommen hat. Wir denken, dass sich aufgrund der neuen Technologien auch Veränderungen bei den Unternehmen abzeichnen werden.

Reinhard Brehmer: Wir halten eine Erhöhung der Netztarife für unbedingt erforderlich. Die zusätzlichen Netzkosten für die Kunden sollten aber unterhalb der 55 Euro liegen, die jetzt schon jeder Haushalt für die Ökostromförderung jährlich bezahlt. Zu beachten ist: Die Einbindung der Anlagen, die mit der Ökostromförderung gebaut werden, in die Netze ist mit den derzeitigen Entgelten nicht abgedeckt.

Martin Graf: Das ist nicht richtig. Es gehen sämtliche Buchwerte in die eine Entwicklung, die unseren wachsenden Aufgaben und Herausforderungen gerecht wird. Der bis Ende 2013 geltende Investitionsfaktor geht in die richtige Richtung. Die Frage ist jedoch, wie es ab 2014 weitergeht.

Oesterreichs Energie: Aus Ihrer Perspektive wäre es aber notwendig, den Investitionsfaktor über 2013 hinaus zu verlängern?

Reinhard Brehmer: Ja. Denn wir haben neben den neuen zusätzlichen Aufgaben auch Verantwortlichkeiten hinsichtlich der Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität, denen wir weiterhin gerecht werden müssen.

Martin Graf: Das Dogma, die Netztarife seien stets gesunken, ist leicht entkräftbar. Beispielsweise wurden die Netztarife der Kelag aufgrund der Investitionstätigkeit des Unternehmens deutlich erhöht. Auch haben die Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber in den vergangenen Jahren viel investiert. Nun stehen weitere Investitionen an, etwa in den Ausbau des 110-kV-Netzes in Kärnten sowie in Oberösterreich. Wir werden versuchen, auch diese so zeitnahe wie möglich mit einem adäquaten Zinssatz abzugelten. Die Behauptung, die Netztarife würden nur sinken, ist nicht haltbar.

Reinhard Brehmer: Mit einer Ausnahme sind sie gesunken. Minus 40 Prozent im Durchschnitt der gesamten Branche; das kann man nicht einfach wegdiskutieren, indem man darauf hinweist, ein einzelnes Unternehmen habe zwei, drei Prozent mehr bekommen. Weitere Senkungen sind dem Investitionsbedarf sicher nicht adäquat.

Martin Graf: Was die Zukunft ab 1. 1. 2014 bringt, ist zu diskutieren. Da muss man das Gesamtpaket betrachten.

Reinhard Brehmer: Wie schon gesagt, sind wir mit dem Investitionsfaktor auf dem richtigen Weg. Künftig müssen wir darauf achten, die Netztarife stärker leistungsbezogen auszurichten anstatt wie bisher verbrauchsbezogen. Das gilt umso mehr wegen der wachsenden Bedeutung der Energieeffizienz und dem Wunsch mancher Kunden nach Selbstversorgung. Wir hoffen, einen Kompromiss zu finden, der zumindest ein kleines Plus bei den Netztarifen bringt, um die zukünftigen Aufgaben lösen zu können.

Oesterreichs Energie: Die Struktur der Netztarife müsste also stärker in Richtung lastbasierter Tarife gehen?

Reinhard Brehmer: Versorgt sich jemand teilweise selbst mit elektrischer Energie, wird er weniger Strom übers Netz beziehen. Dadurch kann der Erlös für den Netzbetreiber dramatisch sinken. Dieser muss aber die volle Leistung des Netzes bereitstellen, um jederzeit die Versorgung aller Kunden zu ermöglichen. Noch liegt die Selbstversorgung unter einem Prozent der gesamten Bedarfsdeckung. Aber das kann sich schnell ändern. Das erste Windrad haben wir vor 20 Jahren auf die Donauinsel gestellt. Jetzt diskutieren wir über 2000 MW in Niederösterreich. Hinsichtlich solcher Entwicklungen sollte man Vorsorge treffen.

Martin Graf: Wir sind uns einig, dass die Struktur der Netztarife in den nächsten Jahren geändert werden muss. Daher sind wir als E-Control sehr froh, dass es laut ElWOG sowohl zeit- als auch lastvariable Tarife geben kann. Genau darum geht es: Wir benötigen eine Balance zwischen den Fixkomponenten, also der Leistungspauschale, und den variablen Komponenten. Freilich: Je stärker man bei den Haushalten in Richtung Pauschalen und Grundgebühren geht, wird das auch eine soziale Frage.

Reinhard Brehmer: Ich kann das nur unterstreichen. Wer heute eine Photovoltaikanlage baut, kann diese fördern lassen. Aber das, was er sich mittels Eigenstromproduktion an Kosten für die Netznutzung spart, müssen alle anderen bezahlen. Das wäre bei den Diskussionen über die soziale Gerechtigkeit auch zu berücksichtigen.

Martin Graf: Zu beachten sind natürlich auch die Auswirkungen geänderter Tarifstrukturen auf manche Industriebetriebe, die kurzfristige Lastspitzen, aber vergleichsweise wenig Verbrauch haben. Es gilt bei Änderungen des Tarifmodells sehr sensibel vorzugehen. Ich würde jedenfalls davon abraten, mit einem „Big Bang" alles zu verändern.

Reinhard Brehmer: Dieser Meinung sind wir auch. Die Anpassungen sollten schrittweise erfolgen. Hilfreich wäre allerdings die Möglichkeit, sich auch innerhalb einer Regulierungsperiode einem anderen Modell anzunähern, wenn das notwendig ist. Zu berücksichtigen sind auch die Themen Energiearmut sowie Energieeffizienz. Wird die Leistungskomponente zugunsten der Verbrauchskomponente stärker belastet, gibt es weniger Anreize, den Verbrauch zu reduzieren. Grundsätzlich ist zu sagen: Der Anteil der Netzkosten an den gesamten Energiekosten wird weiter zurückgehen. Bei Haushalten sind wir schon jetzt unter 30 Prozent, bei der Industrie noch viel niedriger.

Oesterreichs Energie: Die Finanzierung der Netze ist die eine Herausforderung, die Genehmigungsverfahren sind eine weitere. Wie ist damit umzugehen?

Reinhard Brehmer: Die Genehmigungsverfahren für die Leitungen sind sicher ein Problem. Für unsere letzte 380-kV-Leitung dauerte die Genehmigung über zehn Jahre. Damit waren wir zwar immerhin fast doppelt so schnell wie der Verbund mit der Steiermarkleitung, aber das ist immer noch kein Ruhmesblatt. Jeder will eine sichere Stromversorgung haben, daher brauchen wir die Leitungen. Es ist also wichtig, Auswüchse bei den Genehmigungsverfahren zu vermeiden. Das umso mehr, als lange Verfahren auch hohe Kosten verursachen, die letzten Endes die Allgemeinheit trägt.

Martin Graf: Wenn ich an die zahlreichen Windparks in Niederösterreich denke, wird man die Netze ausbauen müssen. Die Landesbehörden sind gefordert, rasch und nachvollzhiehbar zu entscheiden. Es muss einen abgestimmten Plan für den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie der Netze geben, um dem gesamtheitlichen Ziel einer ökologischeren Versorgung nahezukommen. Diesbezüglich sind sehr konstruktive Gespräche im Gang, auch hinsichtlich der Kostenverteilung. Der Ausbau der Windenergie verursacht Kosten im Netz. Es gilt zu klären, ob ein Teil davon über das Netzzutrittsentgelt abgegolten werden kann.

Oesterreichs Energie: Welche Vorteile bringen die neuen Netze den Netzbetreibern?

Reinhard Brehmer: Die Smart Grids sind für uns eine Notwendigkeit, da wir für die Netzqualität, die Versorgungsqualität und die Versorgungssicherheit verantwortlich sind. Wir müssen also wissen, was sich im Netz tut, es kontrollieren und steuern. Dafür brauchen wir eine Modernisierung der Netze. Und das betrifft nicht nur die Informations- und Kommunikationstechnologien, sondern auch viel an Kupfer und Stahl. Viele Verteilnetztrafos werden künftig regelbar sein müssen.

Martin Graf: Die Ausführungen Herrn Brehmers zeigen: Es geht schlicht und einfach um die technologische Weiterentwicklung der Netze. Früher wurde über verlustarme Trafos diskutiert, heute geht es um regelbare Anlagen. Smart Grids sind somit einfach eine technologische Fortentwicklung, die natürlich zu Investitionen führt, die auch anerkannt werden, ebenso wie die von Verkabelungsprojekten. Was wir nicht erkennen, ist die Notwendigkeit irgendwelcher Zusatzincentives, um ein Smart Grid „auszurollen". Laut ElWOG sind Investitionen in neue Technologien, wenn sie angemessen und effizient umgesetzt werden, entsprechend abzugelten. Diese Sicherheit hat der Gesetzgeber den Unternehmen eingeräumt.

Oesterreichs Energie: Was bringen die neuen Netze den Kunden?

Martin Graf: Die Kunden stellen neue Anforderungen, etwa im Sinne der dezentralen Stromerzeugung. Überdies werden wir neue Anwendungstechnologien sehen, wenn ich an die Elektromobilität denke. Die neuen Netze bringen den Haushaltskunden ein hohes Maß an Versorgungssicherheit und technologische Weiterentwicklungen, die ihren Ansprüchen entgegenkommen. Die Industrie genoss schon bislang einen hohen Stand der Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität. Aber auch sie stellt neue Anforderungen. Ihre Sensibilität hinsichtlich Spannungsschwankungen wird immer höher. Daher wollen wir im Rahmen der Qualitätsregulierung gewährleisten, dass einerseits die Investitionen in die Netze abgedeckt werden, andererseits die Kunden auch einen Anspruch auf Qualität haben.

Reinhard Brehmer: Genau das ist der Punkt. Die Gesellschaft verlangt eine Stromversorgung, die zunehmend auf erneuerbaren Energien beruht. Aufgabe des Netzes ist es, auch unter diesen Bedingungen eine sichere und hochqualitative Stromversorgung sicherzustellen. Aus unserer Sicht hängen die Investitionsmöglichkeiten und die Qualität der Stromversorgung zusammen. Wir liegen diesbezüglich an dritter Stelle in Europa und werden diesen Platz auch künftig verteidigen. Es gilt, den Kunden zu verdeutlichen, dass dies möglicherweise mit leicht erhöhten Kosten einhergehen kann.

Oesterreichs Energie: Wann kommt die Qualitätsregulierung?

Martin Graf: Wir planen, sie mit 1. 1. 2014 einzuführen. Das ist sehr ambitioniert. Unser Ziel ist, die Verhandlungen heuer abzuschließen. Strittig wird sicher der Zinssatz sein, sowohl was die Höhe betrifft, als auch, ob dieser über die Regulierungsperiode gleich bleibt oder ob er geändert werden kann.

Reinhard Brehmer: Auch wir haben das Ziel, möglichst rasch die Eckpunkte zu klären. Zum Zinssatz darf ich anmerken: Mit einem variablen Zinssatz haben wir grundsätzlich kein Problem. Was die Höhe betrifft, gehen die Meinungen zu Beginn der Verhandlungen natürlich auseinander. Aber das Ergebnis war letztes Mal ein faires. So wird es auch diesmal sein. Die E-Control war unzufrieden, wir waren unzufrieden. Das ist immer ein gutes Zeichen.

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Die Leser/innen von derStandard.at haben im Rahmen des von Oesterreichs Energie initiierten Energiediskurses die Möglichkeit, Fragen zur Zukunft der Energieversorgung direkt an Generalsekretärin Barbara Schmidt zu stellen und sich so an der Diskussion aktiv zu beteiligen.

Die Antworten erscheinen regelmäßig hier auf dieser Seite beantwortet. Senden Sie ihre Fragen an energiediskurs@derStandard.at.

  • Artikelbild
    foto: fischer/oesterreichs energie
  • Dipl.-Ing.
 Reinhard Brehmer ist Spartensprecher Netze von Oesterreichs Energie und
 seit 2005 Geschäftsführer der Wien Energie Stromnetz GmbH. Zuvor war er
 als Geschäftsführer der Wienstrom GmbH tätig
    foto: fischer/oesterreichs energie

    Dipl.-Ing. Reinhard Brehmer ist Spartensprecher Netze von Oesterreichs Energie und seit 2005 Geschäftsführer der Wien Energie Stromnetz GmbH. Zuvor war er als Geschäftsführer der Wienstrom GmbH tätig

  • Mag. (FH) Martin Graf, MBA, ist seit 2002 bei der 
Energie-Control Austria tätig. Seit Jänner 2007 leitete er die Abteilung
 Tarife, seit März 2011 ist er Mitglied des E-Control- Vorstands.
    foto: fischer/oesterreichs energie

    Mag. (FH) Martin Graf, MBA, ist seit 2002 bei der Energie-Control Austria tätig. Seit Jänner 2007 leitete er die Abteilung Tarife, seit März 2011 ist er Mitglied des E-Control- Vorstands.

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