Tunesien, ein Jahr nach der Revolution

26. Februar 2012, 16:40
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In Sidi Bouzid begann der Arabische Frühling. Über ein Jahr nach dem Sturz Ben Alis ist in Tunesien wieder Alltag eingekehrt. Eine Nachschau vor Ort

Dass der größte private Arbeitgeber in der Region um Sidi Bouzid der deutsche Kuscheltier-Hersteller Steiff ist, basiert - so erzählen sich zumindest die Stadtbewohner - im Grunde auf einem Missverständnis. Ein Produktionsassistent der Firma suchte nach einem geeigneten Standort in Tunesien und erkundigte sich nach dem schönsten Ort des Landes. "Sidi Bouzid" bekam er als Antwort zu hören.

Wer sich jedoch ein wenig mit Tunesien auskennt, weiß, dass nur das 20 Kilometer nordöstlich von Tunis gelegene, malerische Künstlerdorf Sidi Bou Saïd gemeint gewesen sein kann. Das für europäische Ohren phonetisch ähnliche Sidi Bouzid hingegen liegt mitten im Niemandsland verortet, eine austauschbare Stadt von zehntausend Einwohnern, wie es sie im Landesinneren von Tunesien zuhauf gibt: ohne Strandzugang, historische Altstadt, pompöse Moscheen oder sonstige touristische Anziehungskraft.

Doch seit letztem Jahr steht Sidi Bouzid wie kein anderer Ort des Landes für das neue Tunesien. Denn hier sprang wortwörtlich der erste Funken der Revolution über, die sich schließlich wie ein Lauffeuer durchs ganze Land verbreiten sollte.

Der junge Gemüsehändler Mohamed Bouazizi wurde wieder einmal verhaftet, als er ohne Genehmigung aus seinem Laufwagen Gemüse verkaufte. Seine Waage und sein mobiler Marktstand wurden von der Polizei beschlagnahmt - und damit auch die einzige Einnahmequelle des 26-Jährigen, mit der er sich und seine sechsköpfige Familie ernähren musste. Am 17. Dezember 2010 sah er keinen weiteren Ausweg, als sich aus Protest gegen die endlosen Drangsalierungen der Behörden und Polizei mit Benzin zu übergießen und selbst anzuzünden.

Ein Selbstmord mit Folgen: Aus dem Suizid entstand ein riesiger Protest, der schließlich mittels Facebook, Twitter und Co von Tunis bis ins Hinterland die Bürger auf die Straßen holte. Nur wenige Wochen später floh der damalige Präsident Ben Ali mit seiner Familie nach Saudi-Arabien.

Meinungsfreiheit

Die tunesische Revolution brachte dem Land Meinungsfreiheit und ein demokratisches System - hinsichtlich des Tourismus war sie jedoch auch für einen massiven Einbruch an Besuchern verantwortlich. Ein Teil der Touristen ist ob der Sicherheitslage immer noch beunruhigt und wandert ab - vor allem ins preislich vergleichbare Bulgarien.

Mehr als ein Jahr nach der Revolution ist die euphorische Stimmung der Bevölkerung einer gewissen Resignation gewichen. Viele erhofften sich damals von heute auf morgen eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Im kleinsten und gleichzeitig fortschrittlichsten maghrebinischen Land ist das Chaos der ersten Monate nach der Revolution - als viele ihre Freiheit so interpretierten, dass man nun machen könne, was man will - jedoch längst im Alltag gemündet. So auch in Sidi Bouzid: Während etliche Bewohner an diesem Dienstagvormittag mit Wasserpfeife und Tee im Kaffeehaus sitzend in den Tag starten, erprobt eine Menschentraube von etwa 100 Leuten die neue Meinungsfreiheit. Vor dem Gemeinderat haben sie sich versammelt und fordern mehr Arbeit. Tunis hingegen liegt zwar nur zwei Autostunden entfernt, wirkt aber vom Landesinneren aus betrachtet, als liege es schon fast in Europa. Statt lehmfarbener Baracken stehen im Zentrum der tunesischen Hauptstadt prunkvolle Wohnhäuser aus der französischen Kolonialzeit. Die Cafés an den Flaniermeilen sind von morgens bis abends stets gut besucht, vor allem von einer aus österreichischer Sicht überproportional hohen Zahl an jungen Männern. Unter den Frauen interpretieren einige ihre neugewonnene Freiheit mit Sonnenbrillen, Designertaschen und knappen Miniröcken, die meisten jedoch eher mit islamisch-frommer Verschleierung. Während die Neustadt stark europäisch geprägt ist, findet man nur einen Steinwurf entfernt in der sorgfältig restaurierten Medina die orientalischen, weißgetünchten Häuser und labyrinthartig verwinkelten Gassen. Auf den dichtgedrängten Märkten lassen sich immer noch Gebäck, Tongeschirr, Seidengewand und andere Souvenirs zu Schnäppchenpreisen erstehen - wenn man nur hartgesotten genug feilscht.Ruhiger geht es am Sonntag zu: Wenn am Nachmittag die Geschäfte geschlossen sind, kann man gemütlich - und fast menschenseelenallein - durch das UnescoWeltkulturerbe schlendern. Ebenfalls ideal ist der Sonntag, um eines der unzähligen Hamams zu besuchen und die islamische Badekultur zu genießen.In der alten Berbersprache lässt sich "Tunis" am besten mit "Kreuzung" übersetzen - und für die meisten Touristen ist die Stadt in der Tat nur ein Transitstopp zu den Küstenorten oder zu einer Wüstentour im Süden des Landes. Dabei würde sich auch ein Wochenendtrip in die tunesische Stadt anbieten, schließlich fliegt man von Wien aus nur zwei Stunden dorthin. Nur ein bis zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt lernen Besucher die kulturellen Schätze des kargen Landesinneren kennen. Man fährt oft dutzende Kilometer nur an Olivenhainen vorbei. Knapp 60 Millionen Olivenbäume sollen auf 30 Prozent des tunesischen Ackerlandes wachsen. Selbst an den dünnbesiedelten Landstrichen grüßt die Autofahrer neuerdings an fast jeder Kreuzung ein comicartiger Wüstenfuchs - das von der Regierung initiierte Maskottchen soll die Bevölkerung zu mehr Umweltbewusstsein mahnen.

Mauern aus Kakteen

Tatsächlich wird der Eindruck der kargen, weitläufigen Landschaft vor allem durch die abertausenden achtlos weggeworfenen Plastiksackerln getrübt, die der Wind durch die Steppen bläst. Vor den Feldern wurden daher riesige Mauern aus Kakteen gepflanzt, quasi als natürlicher Schutz vor Abfällen, die von den Stacheln aufgespießt werden.

Nach rund 200 km erreicht man die Kleinstadt El Djem, die für ihr römisches Amphitheater bekannt ist. Mit einem Fassungsvermögen für rund 35.000 Zuschauer war es das drittgrößte Theater des Römischen Reichs. Besonders beeindruckend wirkt das im Jahre 238 erbaute Monument, weil es noch außerordentlich gut erhalten ist. Forscher gehen sogar davon aus, dass das heutige Unesco-Weltkulturerbe bis ins 17. Jahrhundert gänzlich unzerstört blieb.

Im Sommer wird das Amphitheater auch als Veranstaltungsort genutzt. So spielt dort jeden Juli das Wiener Opernball Orchester beim vierwöchigen Festival El Jem, bei dem sowohl Musiker aus dem arabischen als auch dem westlichen Raum Klassik, Jazz und Blues zum Besten geben. (Fabian Kretschmer/DER STANDARD/Printausgabe/25.2.2012)

  • Die historische Altstadt von Tunis in sonntäglicher Ruhe.
Das Festival El Jem startet jeweils in der zweiten Juliwoche. Ein 
detailliertes Konzertprogramm und genaue Termine folgen auf der Homepage
 www.festivaleljem.com. Für umgerechnet zehn Euro kann man auf der 
Tribüne des römischen Amphitheaters sitzen, für 15 auf Extra-Stühlen. 
Von Tunis aus werden während des Festivals neben dem normalen 
Zugsverkehr auch spezielle Busse und Züge organisiert, die jeweils um 18
 Uhr abfahren und nach Konzertende wieder retour fahren. Genauere Infos 
kann man unter der Telefonnummer 00216/736 307 15 beziehungsweise der 
E-Mail-Adresse festivaleljem@topnet.tn erfragen.
    foto: kretschmer

    Die historische Altstadt von Tunis in sonntäglicher Ruhe.

    Das Festival El Jem startet jeweils in der zweiten Juliwoche. Ein detailliertes Konzertprogramm und genaue Termine folgen auf der Homepage www.festivaleljem.com. Für umgerechnet zehn Euro kann man auf der Tribüne des römischen Amphitheaters sitzen, für 15 auf Extra-Stühlen. Von Tunis aus werden während des Festivals neben dem normalen Zugsverkehr auch spezielle Busse und Züge organisiert, die jeweils um 18 Uhr abfahren und nach Konzertende wieder retour fahren. Genauere Infos kann man unter der Telefonnummer 00216/736 307 15 beziehungsweise der E-Mail-Adresse festivaleljem@topnet.tn erfragen.

  • Das römische Kolosseum von El Djem, in dem jedes Jahr das Wiener 
Opernball Orchester spielt.
Auch zwischen Küste und Wüste hat Tunesien im Zwischenland gerade 
kulturell einiges zu bieten. Viele interessante Destinationen liegen 
zwischen einer und zwei Autostunden von der tunesischen Hauptstadt 
entfernt: etwa die 120.000-Einwohner-Stadt Kairouan, vor allem bekannt 
wegen ihres Wahrzeichens, der 670 nach Christus gegründeten 
Hauptmoschee. Von Stadtbewohnern wird der imposante Bau gar als ältestes
 Monument im islamischen Okzident bezeichnet. Nur fünf Minuten entfernt 
kann man im Hotel La Kasbah übernachten, welches in den Mauern einer 
alten Festung liegt: www.goldenyasmin.com/la-kasbah.
    foto: kretschmer

    Das römische Kolosseum von El Djem, in dem jedes Jahr das Wiener Opernball Orchester spielt.

    Auch zwischen Küste und Wüste hat Tunesien im Zwischenland gerade kulturell einiges zu bieten. Viele interessante Destinationen liegen zwischen einer und zwei Autostunden von der tunesischen Hauptstadt entfernt: etwa die 120.000-Einwohner-Stadt Kairouan, vor allem bekannt wegen ihres Wahrzeichens, der 670 nach Christus gegründeten Hauptmoschee. Von Stadtbewohnern wird der imposante Bau gar als ältestes Monument im islamischen Okzident bezeichnet. Nur fünf Minuten entfernt kann man im Hotel La Kasbah übernachten, welches in den Mauern einer alten Festung liegt: www.goldenyasmin.com/la-kasbah.

  • Ein Nachbau des Gemüsewagens von Mohamed
 Bouazizi in Gedenken an die Opfer der Revolution.
Von Wien aus kann man mit Tunis Air dreimal wöchentlich nach Tunis 
fliegen (dienstags, donnerstags und sonntags): www.tunisair.com. Wer 
direkt in der Medina wohnen möchte, ist mit dem "Dar el Medina"-Hotel 
gut beraten. Der ehemalige Familienpalast liegt nur 100 Meter der Kasbah
 von Tunis. Das kleine Gebäude ist dabei ein wenig in einer Seitenstraße
 versteckt und bietet inmitten der lebendigen Altstadt trotzdem Ruhe und
 Entspannung. Neben den zwölf Hotelzimmern besitzt es ebenfalls ein 
mauretanisches Kaffeehaus im Innenhof. Von der Dachterrasse überblickt 
man das gesamte Stadtzentrum.
    foto: kretschmer

    Ein Nachbau des Gemüsewagens von Mohamed Bouazizi in Gedenken an die Opfer der Revolution.

    Von Wien aus kann man mit Tunis Air dreimal wöchentlich nach Tunis fliegen (dienstags, donnerstags und sonntags): www.tunisair.com. Wer direkt in der Medina wohnen möchte, ist mit dem "Dar el Medina"-Hotel gut beraten. Der ehemalige Familienpalast liegt nur 100 Meter der Kasbah von Tunis. Das kleine Gebäude ist dabei ein wenig in einer Seitenstraße versteckt und bietet inmitten der lebendigen Altstadt trotzdem Ruhe und Entspannung. Neben den zwölf Hotelzimmern besitzt es ebenfalls ein mauretanisches Kaffeehaus im Innenhof. Von der Dachterrasse überblickt man das gesamte Stadtzentrum.

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