Athen sperrt erstmals Auslandsvermögen

24. Februar 2012, 17:03
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Die griechische Regierung wird bei Auslandskonten reicher Griechen aktiv und will mit dem Schritt Geld eintreiben, das dem Staat zusteht

Athen - Griechenland hat einem Medienbericht zufolge erstmals seit Beginn der Schuldenkrise bedeutende Auslands-Guthaben eines reichen Unternehmers sperren lassen.

Damit wolle das angeschlagene Euro-Mitgliedsland Geld eintreiben, das dem Staat zustehen solle, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Auf den drei Konten in der Schweiz lägen insgesamt 158 Millionen Euro. Sie gehörten einem Athener Geschäftsmann, der in der Chemiebranche groß geworden und dann Vorstandschef und Hauptaktionär einer Privatbank gewesen sei. Der Unternehmer und weitere Geschäftsleute sollen einem Untersuchungsbericht der griechischen Zentralbank zufolge in den vergangenen Jahren bei der Bank bis zu 700 Millionen Euro in andere Länder verschoben haben.

Große Unternehmen und reiche Griechen sollen dem Staat 50 Milliarden Euro oder sogar noch mehr schulden. Führende Politiker in jenen Ländern, die Griechenland mit dem neuen Rettungspaket vor der Pleite bewahren, drängen darauf, die "Konten wohlhabender Leute zu sperren", bis diese ihre Schulden bezahlt hätten. Das hat zuletzt in Deutschland SPD-Chef Sigmar Gabriel gefordert.

 

65 Milliarden Euro seien zudem seit Ausbruch der Krise 2009 von griechischen Konten abgezogen worden, sagte Finanzminister Evangelos Venizelos am Freitag. Etwa ein Viertel davon sei ins Ausland gebracht worden. Venizelos rief alle Griechen auf, ihr Erspartes wieder im Land anzulegen. Erstmals wurden Konten griechischer Unternehmen in der Schweiz gesperrt. Nach Schätzungen des Finanzministers befinden sich von den 65 Mrd. Euro noch 49 Mrd. Euro im Land. Aus Angst vor einem Zusammenbruch der Banken investieren viele Griechen ihr Geld lieber in Gold oder lagern es in Safes und zu Hause - zum Beispiel unter der Matratze. Rund 16 Mrd. Euro seien ins Ausland gebracht worden, mehr als ein Drittel davon nach Großbritannien, sagte der Finanzminister.

Rekord-Umschuldung am Weg

Das griechische Parlament hat indes am Donnerstagabend mit dem Gesetz zum historischen Schuldenschnitt das Kernstück des zweiten Rettungspakets gebilligt. Damit ist der Weg frei, den privaten Gläubigern schon am Freitag das Angebot zum Anleihentausch vorzulegen. Diese sollen dabei freiwillig auf rund 100 Milliarden Euro verzichten und so einen Beitrag zur Rettung des Landes leisten. Commerzbank-Chef Martin Blessing sieht die Banken bei der Rekord-Umschuldung jedoch unter erheblichem Zwang: "Das ist ja so freiwillig wie ein Geständnis in der spanischen Inquisition."

Privatgläubiger sollen auf 53,5 Prozent ihrer Forderungen an den griechischen Staat verzichten und außerdem neue Rückzahlungsbedingungen hinnehmen, so dass sich die Abschläge insgesamt auf bis zu 74 Prozent belaufen. Die Umschuldung soll das Land dem mit EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) vereinbarten Ziel näher bringen, den Schuldenberg bis 2020 von derzeit 160 auf rund 120 Prozent und damit ein langfristig tragbares Niveau abzubauen.

Das Angebot für den Schuldenschnitt muss der griechischen Regierung zufolge spätestens am 12. März abgeschlossen werden. Der Zeitplan ist deshalb so knapp bemessen, weil am 20. März Anleihe-Tilgungen in Höhe von fast 15 Milliarden Euro fällig sind.

Zwangsumtausch

Das Gesetz enthält neue Vertragsklauseln für einen Zwangsumtausch der Anleihen - sogenannte Collective Action Clauses. Damit werden die Konditionen der alten Staatsanleihen rückwirkend so geändert, dass eine Teilnahme an dem Schuldenschnitt von einer Mehrheit der tauschwilligen Gläubiger erzwungen werden kann. Der Schuldenschnitt wird umgesetzt, sobald 50 Prozent der Gläubiger auf das Angebot geantwortet haben. Stimmen davon zwei Drittel dafür, werden diese Klauseln aktiviert. EZB-Chef Mario Draghi zeigte sich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zuversichtlich, dass Griechenland den Schuldenschnitt nicht erzwingen muss. (Reuters, red, derStandard.at, 24.2.2012)

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    Immer mehr Geld reicher Griechen wandert ins Ausland ab.

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