Erst in der Gefahr zeigt der Karpfen sein wahres Gesicht

25. Februar 2012, 22:37
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Unterschiedliche Temperamente bei Fischen lassen sich nur bei Bedrohungs-Situationen realistisch einschätzen

Offenbar haben auch Fische unterschiedliche Temperamente. Berliner Verhaltensforscher konnten nachweisen, dass der stark züchterisch beeinflusste Spiegelkarpfen tollkühner ist, als der weniger domestizierte Schuppenkarpfen. Diese genetisch bedingten Unterschiede manifestieren sich vor allem bei der Futtersuche, sofern dies mit Risiken verbunden ist. Denn während die zwei Karpfenrassen im permanent gefährlichen Freiland jederzeit ausgeprägte Verhaltensdifferenzen zeigten, kamen diese im Labor nur unter simulierter Gefahr zur Geltung.

Die Wissenschafter warnen daher davor, aus Laborstudien Schlüsse auf die genetischen Hintergründe des Fischverhaltens zu ziehen und plädieren für naturnähere Freilandforschung zur "Persönlichkeit" von Fischen. Die Studie ist im Fachjournal "Behavioral Ecology and Sociobiology" erschienen.

Karpfen-"Charaktertest" auf dem Prüfstand

Am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und der Humboldt-Universität zu Berlin hat ein Team um Thomas Klefoth und Robert Arlinghaus am Beispiel des Karpfens (Cyprinus carpio) nun einen etablierten "Charaktertest" zur Bewertung der Risikobereitschaft von Fischen auf den Prüfstand gestellt. Die Verhaltensforscher führten identische Versuchsreihen mit den zwei genetisch unterschiedlichen Karpfenrassen sowohl in naturnahen Teichen als auch in großen Labortanks durch. Das Ergebnis: Im Teich benahmen sich die Tiere wie erwartet gemäß ihrem genetisch bedingten Temperament - während die dreisten Spiegelkarpfen stets hohe Risiken bei der Futtersuche eingingen, blieben die schüchternen Schuppenkarpfen so lange wie möglich im Versteck.

Im Labor verhielten sich die Tiere jedoch unberechenbar. Erst als dort eine Gefahrenquelle hinzugefügt wurde - auf vorher ungefährlichen Futterplätzen gingen die Forscher plötzlich mit einer Miniangel auf Fischfang - fielen die Fische in ihre typischen Verhaltensmuster zurück: Der Spiegelkarpfen kühn, der Schuppenkarpfen scheu. Bislang bevorzugen viele Verhaltensforscher in Studien zur Fischpersönlichkeit Laborexperimente, um so mögliche Störquellen auszuschalten und unverzerrte Ergebnisse zu erlangen. Die nun vorgelegten Ergebnisse zeigten aber, dass es manchmal genau dieser Störungen bedarf, damit die Tiere ihr wahres Gesicht zeigen. (red)

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