"Ich war überzeugt, dass sie freikommen"

Interview24. Februar 2012, 06:15
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Shaul Paul Ladany, Überlebender der blutigen Geiselnahme von 1972 während der Olympischen Spiele, berichtet, wie er die dramatischen Stunden erlebte

Dieser Tage besuchten Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft von 1972 die Stätte der blutigen Geiselnahme. Shaul Paul Ladany erzählte Christoph Prantner, wie er die dramatischen Stunden erlebte.

Standard: Die Bilder des Attentats von München gingen um die Welt. Was ist Ihnen als das stärkste und einprägsamste Bild dieses 5. September geblieben?

Ladany: Ich muss die Bilder in zwei Perioden einteilen: die vor und die nach dem Angriff. Die Olympischen Spiele sind für Sportler das, was der Everest für die Bergsteiger ist. Ich war schon in Mexiko dabei, und ich freute mich auch auf München. Ich hatte viele Freunde, die ich dort wiedertraf. Unter uns Gehern gab es immer eine enge Verbindung und Freundschaft. Wir waren Rivalen und trainierten doch miteinander, weil es eine so gute Beziehung gab. Das war sehr schön. Als wir in München ankamen, war alles wunderbar.

Standard: Auch für Sie als Holocaust-Überlebenden?

Ladany: Ich habe Bergen-Belsen überlebt, viele aus meiner Familie sind in Auschwitz ums Leben gekommen. In Deutschland habe ich immer darauf geachtet, das Alter meiner Kontaktpersonen in Erfahrung zu bringen, um daraus zu schließen, ob sie in den Holocaust involviert gewesen sein könnten. Mit den Jüngeren hatte ich exzellente Beziehungen. Aber ich hatte natürlich auch einige schlechte Gefühle, als ich die gute Organisation in München sah. Ich dachte mir: Mit dieser Effizienz sind die Deutschen auch die sogenannte Endlösung des Judenproblems angegangen. Aber gleichzeitig wollte ich unbedingt in Deutschland präsent sein, um der Welt zu zeigen, dass wir wieder hier sind.

Standard: Dann schlug das Terrorkommando zu ...

Ladany: Ja, und plötzlich war alles anders. Ich habe damals in Apartment 2 gewohnt, also zwischen den beiden Wohnungen derjenigen Sportler, die als Geiseln genommen wurden. Ich bin als Letzter von allen munter geworden und zu unserem Delegationsleiter gelaufen, um ihn zu warnen. Wir wussten zu dem Zeitpunkt schon, dass es sich um ein Kidnapping handelte und einer unserer Trainer erschossen worden war. Dann haben wir gemeinsam das Haus in der Connolly Straße 31, ohne auf die Terroristen zu treffen, verlassen und wurden zum Hauptquartier des olympischen Dorfes gebracht. Ich habe dann versucht, die Polizei davon zu überzeugen, dass die Terroristen Kollaborateure haben mussten. Sie haben mir freundlich gesagt, dass mich der Einsatz nichts weiter anginge.

Standard: Wie haben Sie dann die nächsten Stunden verbracht?

Ladany: Wie alle anderen war ich nach der Geiselnahme sehr auf mich selbst fokussiert. Ich habe die Amerikaner besucht, die mir Rasierzeug geborgt haben. Dann bin ich zur Absperrung gegangen, um mit den Menschen dort zu sprechen. Ich habe auch einige Interviews gegeben und mit den Journalisten die verschiedenen Szenarien durchgespielt, die aus meiner Sicht in den nächsten Stunden passieren konnten.

Standard: Was dachten Sie, wie die Geiselnahme ausgehen würde?

Ladany: Ich dachte, sie würden befreit werden. Auch als ich erfahren habe, dass zwei Menschen getötet worden waren, war ich der ehrlichen Überzeugung, dass sie freikommen würden. Ich hatte keinerlei Zweifel daran. Und ich hoffte, dass die deutsche Regierung alles dafür unternehmen würde.

Standard: Was empfanden Sie, als Sie vom Tod Ihrer Mannschaftskollegen erfuhren?

Ladany: Ich weine niemals, das hat wahrscheinlich mit meiner Vergangenheit zu tun. Aber ich war natürlich schockiert. Die meisten der Getöteten kannte ich nicht besonders gut, nur mit einem Kollegen, der an der gleichen Universität wie ich studiert hatte, war ich enger bekannt.

Standard: Sind alle Umstände dieses Attentats aus Ihrer Sicht hinreichend aufgeklärt worden?

Ladany: Es sind noch einige Fragen unbeantwortet, das stimmt. Aber das ist heute nicht mehr wichtig.

Standard: Wie kann gegen diesen tödlichen Extremismus vorgegangen werden? Wie kann Terrorismus bekämpft werden, ohne Freiheitsrechte zu sehr einzuschränken?

Ladany: Man braucht überall extrem strikte Sicherheitsmaßnahmen. Ja, das schränkt die Freiheiten von Athleten und noch mehr der gesamten Bevölkerung ein. Aber es gibt keine Alternative dazu. Ich glaube nicht, dass man Terroristen ideologisch bekämpfen kann. Es gibt viele Gründe für Terrorismus: Einer der häufigsten sind Religionen, die Hass predigen. Einige Religionen haben dem abgeschworen, manche noch nicht. Bloß mit Vernunft ist diesem Phänomen nicht zu begegnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2012)

Shaul Paul Ladany ist 1936 in Belgrad geboren. Im Alter von acht Jahren wurde er aus Bergen Belsen befreit. 1948 wanderte er nach Israel aus und erhielt später eine Professur für Industrial Engineering. Daneben widmete er sich einer enorm erfolgreichen Sportlerkarriere als Geher. Noch heute hält er einen 1972 aufgestellten Weltrekord über die 50-Meilen-Distanz.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    5. September 1972: Der deutsche Innenminister Hans-Dietrich Genscher verhandelt mit einem Geiselnehmer.

  • Shaul Paul  Ladany: "In Deutschland habe ich immer darauf 
geachtet, das Alter meiner Kontaktpersonen in Erfahrung zu bringen, um 
daraus zu schließen, ob sie in den Holocaust involviert gewesen sein 
könnten."
    foto:standard/prantner

    Shaul Paul Ladany: "In Deutschland habe ich immer darauf geachtet, das Alter meiner Kontaktpersonen in Erfahrung zu bringen, um daraus zu schließen, ob sie in den Holocaust involviert gewesen sein könnten."

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