Fehler im System

Kommentar |

Ob es nun 220 Euro Bußgeld sind oder mehr - treffen wird es lediglich die Eltern

Bei Sebastian Kurz kann man sich so einiges vorstellen. Aber dass der konservativ anmutende Jungschwarze selbst zur Gruppe der renitenten Jugendlichen gezählt hat, die ihre Vormittage im Kaffeehaus statt im Unterricht verbracht haben, zählt nicht dazu.

Umgekehrt wird Kurz sich nicht vorstellen können, wie unbeeindruckt ein rebellierender Teenager auf eine drohende Strafe reagiert. Ob es nun bei 220 Euro Bußgeld bleibt, oder ob es 1500 Euro werden - treffen wird die kurzsichtige Maßnahme lediglich die Eltern. In erster Linie sind das Alleinerzieher, Arbeitslose, Migranten. Menschen, die oftmals aufgrund der eigenen prekären Lebensumstände einfach resignieren vor der Wucht des pubertären Aufbegehrens. Wird den Kindern zu Hause noch die richtige Prise Bildungspessimismus verpasst, sind alle Zutaten für Perspektivenlosigkeit gegeben. Dass sich das durch hohe Geldbußen ändert, darf bezweifelt werden. Maximal bringt es einige Familien mit besonders schlimmen Früchtchen näher an die Armutsgrenze. Schulschwänzer werden nämlich nicht nur mehr, sondern auch immer jünger. Die Gründe reichen von Versagensängsten bis Unverständnis, was der Schulbesuch eigentlich für das spätere Leben bringt.

Der Mehrwert von Bildung muss Kindern und Eltern begreiflich gemacht werden. Dem Bildungssystem fehlt es grundsätzlich an Flexibilität, um praktische Bezüge zur Lebenswelt von Jugendlichen herzustellen. Geldstrafen bringen da sicher nichts. (DER STANDARD Printausgabe, 24.2.2012)

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Die Debatte um Strafhöhen war so notwendig wie ein Kropf.

Tatsache ist, dass Pflichtschulen in städtischen Gebieten ohne die Möglichkeit, Strafanträge wegen Verletzung der Schulpflicht zu stellen, einige ihrer Problemkinder abschreiben könnten.

Und wie Eltern plötzlich einlenken, wenn die Strafe nicht nur theoretisch droht, sondern ganz real!

In der Oberstufe, liebe Frau Herrnböck, wo sich die renitenten Jugendlichen tummeln, derer ihre Eltern wirklich nicht mehr Herr (oder Frau) werden, gibt es keine Schulpflicht -- und dementsprechend auch nicht das Mittel der Geldstrafe.

Die stageln sich dann halt aus dem Schulbetrieb und hängen ohne Abschluss herum, bis einer der noch auszubildenden Mentoren sich ihrer annimmt.

In den USA gibt es Schulen wo die Kinder Geld bekommen für die Teilnahme am Unterricht. Funktioniert natürlich nur dort wo es stark am Geld mangelt. Die Kinder "arbeiten" dann sozusagen für ihre Familie...

Sehr kurz gesprungen...

..hier wird wie so oft viel zu kurz gesprungen. Ein paar Stichworte für die Debatte:

- Das Ansehen des Berufs Lehrer ist im Keller - da kommt dann auch kein Respekt, weder bei den Lehrern noch bei den Schülern

- Die Sanktionsmöglichkeiten von Lehrern gegen renitente Schüler sind ungefähr 0

- Männliche islamische Migranten sehen Lehrerinnen nicht als gleichwertig an

- Frusterlebnisse durch mangelnde Sprachkompetenz in Heimatsprache und/oder deutsch führen vom ersten Tag an zu negativen Schulerfahrungen

- Gruppendynamische Prozesse unter Jugendlichen werden nicht beachtet (Schule ist "uncool")

- Aufwachsen in bildungsfernen, TV-afinen Familien sorgt nicht unbedingt für Spaß an Wissen und Bildung

etc.pp. Strafen helfen da wohl gar nicht

Strafen helfen nicht? Aber wenn das Fräulein Lehrerin die Mini-Machos nett darum bittet doch respektvoller Weise dem Unterricht zu folgen weil dann irgendwas in Zukunft sein werden könnte, das beeidruckt die dann um so viel mehr? Man zeige mir den Beweis, denn glauben kann ich das nicht.

Zuckerbrot statt Peitsche..? Suum cuique..!

All jene, die in Unkenntnis der menschlichen Psyche ausschließlich für "nettes Zureden" anstatt für die Ergänzung dieser "weichen" Methode durch die "harte" der Drohgebärde "Strafe" plädieren, mögen ihre Erziehung so handhaben! Die Existenz der Strafdrohung hält sie nicht davon ab, es auch ohne tatsächlich vollzogene Strafe zu schaffen. Wenn dies für sie und ihre Kinder funktioniert, wunderbar! Kein Riss in ihrem idealistischen Raumzeit-Gefüge von "Erziehung" ist entstanden. Für alle Anderen sollte zur Sicherheit auch eine "via alternativa" zur Verfügung stehen.

Schön, wie man mit einer blöden Idee, wie von Kurz produziert, alles, was sich mühselig langsam durchzusetzen beginnt, mit einem Schlag wegwischt:
Schüler soll man in ihrer Entwicklung unterstützen,
Erziehungsmittel aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sind nicht das Gelbe vom Ei,
die Randständigen dürfen nicht zurückgelassen werden,
gelernt wird nicht durch Zwang, sondern durch Belohnung, ...

Was hochschwimmt, sind die alten Muster:
mir hat die g'sunde Watsch auch nicht geschadet,
wenn die Eltern für das Gfraster brennen muss, dann wird der Vater ihm schon ein paar auf's Maul geben,
die Lehrer sollen die Kinder einsperrn, Strafaufgaben geben bis die Schwarte kracht ...

Gibt es nichts dazwischen?

Aha,..

...Sie glauben also, dass die Kinder, die regelmäßig und gerne zur Schule gehen, von Ihren Eltern dorthin gewatscht werden, während in den Familien aus denen die notorischen Schwänzer kommen am Abend Sesselkeise gebildet und die Kinder für Genderthemen sensibilisiert werden.

trotzdem

früher, vor 20 Jahren und mehr hat es auch schon genug Kinder aus Migrantenfamilien und Familien aus ärmlichen Verhältnissen gegeben. Trotzdem hat es vieles was es heute gibt nicht in dieser Intensität gegeben. Muss also in erster Linie am Systemwandel liegen.

Insbesondere war die ganze Entwicklung mehr als vorhersehbar als man das Sitzenbleiben defacto abgeschafft hat.

Der Mehrwert von Bildung muss Kindern und Eltern begreiflich gemacht werden.

Viel Spaß beim begreiflich Machen. Ich sehe schon eine Armada von Supernannys ausschwärmen, die den im Jogginganzug auf der Couch rauchenden Beirsäufern den Mehrwert der Bildung im Beisein ihrer Kinder erklären.

Meines Erachtens ist der einizge Mehrwert, den manchen Leuten begreiflich machen kann der am Konto, wenn die Strafe gespart wird.

Kleiner Zusatz zum meinem letzten Absatz:

Leider!

Muss Strafe sein? Strafe muss sein!

Der Mensch ist faul. Eltern tragen die Verantwortung, ihre Kinder durch erzieherische Maßnahmen zur Wahrnehmung ihrer Bildungschancen anzuleiten. Strafen tun weh. Sollen sie auch! Die einzige Sprache, die quer durch alle Kulturen, Alters- und sozialen Schichten verstanden wird, ist nicht Esperanto. Ihr Name lautet: Geld. Wenn Eltern weniger davon haben, kriegen auch ihre Kinder weniger in die Taschen, um es beim Schulschwänzen auszugeben.

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Leider

So ist's in alter Zeit gewesen,
So ist es, fürcht ich, auch noch heut.
Wer nicht besonders auserlesen,
Dem macht die Tugend Schwierigkeit.

Aufsteigend musst du dich bemühen,
Doch ohne Mühe sinkest du.
Der liebe Gott muss immer ziehen,
Dem Teufel fällt' s von selber zu.

(Wilhelm Busch)

Wilhelm Buschs verquere Erziehungsansichten sind Ihr liebstes?

Miss-Verstand..?

Wo lesen Sie hier ein Lob für "Wilhelm Buschs verquere Erziehungsansichten"? Die kenne ich erstens gar nicht und bin zweitens auch kein erklärter "Wilhelm Busch-Fan". Das steht aber auch gar nicht zur Debatte. Ich zitiere bloß ein Gedicht, aus dem hervorgeht, dass der Mensch im Allgemeinen dazu tendiert, lieber den gemütlichen Weg zu gehen, der leider meistens (im metaphorischen Sinn gesprochen) bergab führt, als jenen beschwerlicheren zu nehmen, der ihn höher bringt. Diese - aus meiner Sicht wahre - psychologische Erkenntnis mag aussprechen wer will. Sie wird nicht dadurch falsch, dass sie jemand äußert, der Ihnen unsympathisch ist.

Gerade dieses "Gedicht" drückt doch die ganze Misere derjenigen aus, die nicht auserlesen sind, keine Tugend in den vorgeschriebenen Werten sehen, und daher von Busch (und Ihnen?) als Fehler im System angesehen werden. Dann kommt es eben zum Bestrafen wollen, was das noch viel schlimmer macht.
Richtiger wäre, die in diesem Fall Jugendlichen in deren Streben nach deren eigenen Leben zu fördern. Heißt positive Erziehung.

Vorschläge zur Verbesserung der Welt werden entgegen genommen

Vergessen Sie den Begriff "auserlesen", der klingt elitärer, als er gemeint ist. Menschen sind bequem, tendieren zum sparsamen Einsatz ihrer Mittel, um damit ein Maximum an Gewinn zu machen. Ist es legitim, Faulpelze als "Fehler im System" anzusehen? Wenn Sie arbeiten müssen, um damit nicht nur sich selbst, sondern auch jene zu erhalten, die das zwar könnten (also nicht Kinder, Behinderte, Arme,...), aber aus Faulheit nicht wollen, wären Sie wohl geneigt, dies zu tun. Der faule Schüler von heute ist vielleicht der - wegen schlechter Qualifikation - Arbeitslose von morgen. (Aus-)Bildung ist unumgänglich, so lange wir das Schlaraffenland noch nicht entdeckt haben. Machen Sie sich auf die Suche und melden Sie sich, wenn Sie es gefunden haben!

Ja wenn dann plötzlich hohe Strafen zu zahlen sind, wird man wohl nicht mehr so schnell resignieren, oder?

so richtig diese argumentation ist,

kann man die kinder trotzdem nicht "zu tode streicheln".
irgendwie muss einem kind eine gewisse disziplin beigebracht werden.

ob da 220 elterliche euro allerdings reichen bzw der richtige weg sind, darf in frage gestellt werden.
wie wär's mit so altertümlichen strafen wie:
- nachsitzen
- den schluhof kehren (in der großen pause, vor aller augen und das min eine ganze woche lang)
etc

es muss die jugendlichen treffen, nicht die eltern.

Etwas naiv ist das schon...

...Was machen sie, wenn der Teenager einfach geht? Den Schulhof einfach nicht kehrt? Oder gar nicht in die Schule kommt?

Es ist ja anzunehmen, dass Schüler, die nicht in die Schule gehen, eher ein Autoritätsproblem haben ...

und das autoritätsproblem wird dadurch gelöst,

dass die eltern strafe zahlen müssen?
stimmen die kommunizierten daten, handelt es sich dabei noch dazu überwiegend um menschen, denen € 220 weh tun.
na, wie wird sich das auf die stimmung daheim auswirken?? und wird das wirklich beitragen, die/den jugendlichen wieder in die schule zu bringen?

natürlich haben sie recht, dass die o.a. angeführten ideen nicht der weisheit letzter schluss sind. aber nur blöd blechen lassen ist es mit sicherheit auch nicht.

in erster linie ist zu tode streicheln schon allein deshalb der falsche weg weil wird schon einen grund haben warum umfragen zufolge über 70 prozent der jugendlichen dann im (brutalen) berufsleben nicht zurecht kommen.

Eigenartiger Zugang!

Weil das Berufs- und Wirtschaftsleben brutal ist, muss es auch die Erziehung sein.

Wie wäre es mit dem umgekehrten Ansatz?: Weniger Brutalität im Wirtschaftsleben und damit auch keine nötige Brutalität in der Erziehung.

und wie soll das gehen? Brief an den Osterhasen?

Wenn man heute im Berufsleben einen Tag unentschuldigt schwänzt ist man den Job los...

Insbesondere deshalb weil schon tausende andere warten den Job zu bekommen. Selbst ein Gusenbauer hat schon vor Jahren erkannt dass wir in einer sog. Hochleistungsgesellschaft leben. Mit Betonung auf Leistung. Nur wie soll man mit dieser "Leistung" zurechtkommen wenn man in der Schule überhaupt nicht darauf "trainiert" wird. Weil heisst ja nicht umsonst man lernt fürs Leben und nicht für die Schule.

in erster Linie zu tode strafen schon allein deshalb der falsche weg weil wird schon einen grund haben warum umfragen zufolge über 70 prozent der jugendlichen dann im (brutalen) berufsleben nicht zurecht kommen.

Stichwort: sozial-emotionale Fähigkeiten.

Ihr falsches Stichwort: brutaler Sozialdarwinismus an Missbrauch grenzend.

Frau Herrnböck, da...

...es ja nun wieder Frühling und zunehmend freundlicher draußen wird, könnten Sie ja einmal Ihre lauschige Schreibwerkstatt verlassen und ein paar Lehrer fragen, welche Eltern am häufigsten von den Sprechtagen fernbleiben: Die der Musterschüler, oder die der sogenannnten Problemschüler.

Ein bisschen Phantasie statt Polit-Rhetorik!

Bitte versuchen Sie sich vorzustellen, was alles unternommen wird, die Kinder wieder zum Unterichtsbesuch zu hinführen! Lehrer-Schüler-Gespräche, Eltern-Kind-Lehrer-Meetings, Briefe, eingeschriebene Briefe, Vorladungen....
Diese Stufenleiter wird durchlaufen, bis zum ersten Mal der (finanz.) Strafgedanke erwogen wird! Und auch dann bedarf es noch des Placet der höheren Stellen!
Aber nicht einmal so simple Tatsachen können einer Schreiberin wie Frau Herrnbeck genügen, ihre Einseitigkeit zu hinterfragen.

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