Der Engländer sitzt wieder im Sattel

23. Februar 2012, 19:00
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Die Anzahl der Radler in Großbritannien hat wieder den Stand der 1950er-Jahre erreicht

Sollte der Amtsinhaber die im Mai stattfindende Bürgermeisterwahl verlieren, hätte er zumindest einen Trost: Seine größte politische Tat wird London auf Jahre hinaus prägen und mit seinem Namen verbunden bleiben. Boris Johnson, der konservative 47-jährige Bürgermeister der britischen Hauptstadt und selbst passionierter Radler, hatte vor zwei Jahren einen öffentlichen Radverleih in London eingeführt. Er wurde zum vollen Erfolg. Das populäre und im Volksmund "Boris Bikes" genannte Programm begleitete und befeuerte eine wahre Fahrradrevolution in der Kapitale. Anfang März wird der Verleih ins East End ausgeweitet, rund 40 Prozent mehr Fahrräder sollen dann zur Verfügung stehen.

Aufs Auto gesetzt

Nicht immer war Radfahren so populär. Erreichte die Zahl der Radfahrten einen Höhepunkt in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts, so setzten Londons Verkehrsplaner später vor allem aufs Auto. Dafür eignet sich die Straßenführung der Stadt allerdings wenig: Londons Innenstadt weist immer noch den Grundriss vergangener Jahrhunderte mit seinen engen Straßen und Gassen auf.

Eine "Haussmannisierung" wie in Paris oder Berlin, wo der Stadtumbau zu breiten Boulevards und Magistralen führte, die den Verkehrsfluss beschleunigten, gab es in London nie. Kein Wunder also, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit für Autofahrten in der Innenstadt zu Beginn des 21. Jahrhunderts hinter jene von Droschkentouren in der Viktorianischen Zeit zurückfiel.

Auch die Einführung einer Citymaut im Jahre 2003, eine der weltweit größten ihrer Art, konnte daran nur vorübergehend etwas ändern. Man habe, verkündete der damalige Bürgermeister Ken Livingstone ein Jahr nach Einführung stolz, wieder eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zwölf Kilometern pro Stunde erreicht. Heute ist die Verstopfung der Innenstadt mit Autos wieder auf dem gleichen Stand wie vor der Einführung.

Pendler auf dem Velo

Allerdings scheint die Maut die Renaissance des Radfahrens begünstigt zu haben. Im letzten Jahrzehnt stiegen immer mehr Londoner und vor allem Pendler aufs Fahrrad um. In dieser Zeit hat sich die Zahl der Velofahrten mehr als verdoppelt. Einen Effekt hatte dabei sicherlich auch der Bombenanschlag auf die Londoner U-Bahn vom 7. Juli 2005. Man weiß: An dem Tag, als vier Selbstmordbomber den größten Terroranschlag auf London verübten, schnellte der Verkauf von Fahrrädern um das Vierfache in die Höhe. Heute werden in London täglich eine halbe Million Fahrten per Rad unternommen. In ganz Großbritannien soll die Anzahl der Radler bei 13 Millionen Menschen liegen und hat damit wieder den Stand der 50er-Jahre erreicht.Jetzt prägen die "Boris Bikes" das Londoner Stadtbild. An rund 400 Verleihstationen stehen 6000 Fahrräder für die Öffentlichkeit bereit. Die erste halbe Stunde ist umsonst, danach wird es progressiv teurer.

Kurzzeitiger Nutzen

Wer das Rad für einen ganzen Tag ausleihen möchte, zahlt dafür mehr als für einen Mietwagen: 50 Pfund würde der Spaß kosten. Das Londoner Programm ist also auf einen kurzzeitigen Nutzen angelegt: Die Leute sollen von A nach B kommen, aber dabei bitte schön nicht trödeln. Das entspricht ganz dem, was Napoleon einst die "britische Krämerseele" genannt hat, oder, positiver ausgedrückt, dem strikt utilitaristischen Denken der Inselbewohner.

Ein Flanieren wie auf dem Kontinent ist dem Londoner eher fremd. So zielt der Radverleih in erster Linie auf eine erhöhte Mobilität der Erwerbstätigen ab, denn mit dem Rad kommt man erheblich schneller durch die engen und verstopften Straßen der Kapitale als mit Bus oder Auto.

Auch für Touristen kann der Verleihservice durchaus interessant sein - vorausgesetzt man bemüht sich um eine gewisse Disziplin. Registrieren kann man sich an den Verleihstationen mit einer Kreditkarte. Der Tageszugang kostet ein Pfund, danach fallen nur die Zeitgebühren an.

Aber Vorsicht: Die Räder haben kein Schloss. Wer zwischendurch einmal anhalten möchte, um etwa in einem Laden etwas einzukaufen, haftet für sein Gefährt. 300 Pfund würde es kosten, wenn das Rad abhandenkäme. Das zwingt dazu, von einer Verleihstation zur anderen zu fahren, wo man die Räder sicher andocken kann.

Immerhin gibt es in der Innenstadt rund 400 davon, man soll, versichert der Betreiber Transport for London (TfL), niemals mehr als 300 Meter von einer Station entfernt sein. Um sie aufzuspüren stellt TfL Karten bereit, und auch entsprechende Apps, Mobilfunkanwendungen für Smartphones, gibt es mittlerweile.

Die Fahrradrevolution soll weitergehen. Boris Johnson will sie vorantreiben mit dem Ausbau von zwölf sogenannten "Highways" - breit dimensionierten Radwegen, die Pendler sicher von den Außenbezirken in die Innenstadt bringen sollen.

Volksgesundheit und Klima

Die Zeitung The Times hat soeben eine große Kampagne gestartet, um die Sicherheit von Radfahrern im Straßenverkehr zu verbessern, worüber auch demnächst das britische Unterhaus debattieren wird. Und wenn in diesem Jahr die Veranstaltung der Olympischen Sommerspiele London ins allseits erwartete Verkehrschaos stürzen wird, sollte das viele ermuntern, den Drahtesel auszuprobieren."Fahrradfahren ist die perfekte Politik für unsere Zeit," feierte der Kolumnist Andrew Gilligan den neuen Trend. "Es ist billig. Es ist zivilisierend. Es hat eine Fülle von Vorteilen, die über den reinen Transport hinausgehen, von der Volksgesundheit bis zum Klimaschutz." (Jochen Wittmann aus London, DER STANDARD; Printausgabe, 24.2.2012)

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    Londons Bürgermeister mit dem nach ihn benannten "Boris Bikes". Die Idee kommt auch bei Londons Bürgern gut an.

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