Merkel bittet um Verzeihung

23. Februar 2012, 18:34
16 Postings

Bei einem Staatsakt für die Neonazi-Opfer entschuldigte sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei deren Familien - Es sei "beklemmend", dass diese von den Ermittlern zu Unrecht verdächtigt worden seien

Es ist dunkel an diesem Vormittag im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Ein klein wenig heller wird es, als zwölf Schüler hereinkommen und zwölf große Kerzen abstellen. Zehn davon sollen an die zehn Opfer der rechtsextremen Terrorzelle erinnern - eine junge Polizistin und neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft. Sie alle sollen zwischen 2000 und 2007 von der Gruppierung, die sich "Nationalsozialistischer Untergrund" nannte, ermordet worden sein.

Die elfte Kerze steht für all die anderen Menschen, die in Deutschland Opfer von rechtsextremem Terror geworden sind. Kanzlerin Angela Merkel erwähnt in ihrer Rede zunächst die Namen der zehn Ermordeten, derer im Besonderen gedacht wird, und bekennt, dass die Hintergründe der Taten " viel zu lange im Dunklen lagen". Das sei "eine bittere Wahrheit". Und dass die Verwandten der Opfer von den Ermittlern verdächtigt worden sind, selbst in die Verbrechen verstrickt zu sein, sei "beklemmend".

"Dafür bitte ich Sie um Verzeihung", sagt Merkel und betont auch: "Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer. Wir fühlen mit Ihnen, wir trauen mit Ihnen." Merkel erklärt, dass der Staat alles unternehme, um die Täter zu bestrafen, mahnt aber, dass der Staat den Kampf gegen Rechtsextremismus nicht allein führen könne. Es brauche die Hilfe der Zivilgesellschaft, denn: "Gleichgültigkeit hat eine schleichende, aber verheerende Wirkung."

Ursprünglich hätte diese Rede der zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff halten sollen, er hatte den Staatsakt, an dem rund 1200 Menschen teilnehmen, initiiert. Gekommen sind auch viele Angehörige der Opfer. Ismail Yozgat berichtet, wie sein Sohn in seinen Armen starb. Er bittet, alles zu tun, damit die Mörder gefasst werden, und wünscht sich, dass die Straße in Kassel, in der sein Sohn geboren wurde und starb, nach ihm benannt wird. Er sagt aber auch: "Unser Vertrauen in die deutsche Justiz ist groß."

Es spricht danach noch Semiya Simsek, die Tochter des ersten Opfers, eines Blumenhändlers. "Mein Vater wurde nur 38 Jahre alt", sagt sie und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittler. Diese hätten die Familie verdächtigt, in Drogengeschäfte verwickelt zu sein, und Hinweise, dass es sich um die Tat von Neonazis handeln könnte, ignoriert. "In Ruhe Abschied nehmen und trauern konnten wir nicht", sagt Simsek und bittet: "Lasst uns verhindern, dass das anderen Familien passiert - wir alle gemeinsam, nur das kann die Lösung sein. Zum Schluss der Gedenkveranstaltung wird von den Familien die zwölfte Kerze wieder hinausgetragen - als ein Zeichen der Hoffnung. (DER STANDARD Printausgabe, 24.2.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei der offiziellen Gedenkfeier für die Opfer von rechtsextremistischem Terror. Die Kerzen im Berliner Konzerthaus erinnern an die Ermordeten.

Share if you care.