"Der Nationalratssaal ist Weltarchitektur"

Wojciech Czaja
23. Februar 2012, 18:27
  • Architekturtheoretiker Jan Tabor warnt, aus einem Juwel-Plenum einen "beliebigen Hörsaal"  zu machen
    foto: cremer

    Architekturtheoretiker Jan Tabor warnt, aus einem Juwel-Plenum einen "beliebigen Hörsaal" zu machen

Experten üben scharfe Kritik an den Umbauplänen für das Parlament - diese seien zu umfassend und zu radikal

Wien - Im Zuge des Sparpakets soll der Nationalrat von 183 auf 165 Abgeordnete reduziert werden. Die Verkleinerung hat auch Auswirkungen auf die baulichen Gegebenheiten. Das Linzer Büro Heidl Architekten, das 2008 als Sieger aus einem internationalen Wettbewerb für die Sanierung des Fünfzigerjahre-Interieurs hervorging, brütet bereits über den Umbauplänen für den Plenarsaal (der Standard berichtete).

Die Reduktion um 18 Sitzplätze werde keine großen Auswirkungen auf das Projekt haben, sagt Architekt Andreas Heidl im Gespräch mit dem Standard. "In der Nachkriegszeit war das wichtigste Kriterium, dass der Saal irgendwie funktioniert." Doch aus heutiger Sicht gebe es große Defizite, was Bauphysik, Sicherheitsvorschriften, Barrierefreiheit, Akustik und vor allem Versorgung mit Tageslicht betrifft. Trotz all dieser Umbauten werde das optische Erscheinungsbild des Saals bewahrt, versichert Heidl. "Sobald die charakteristische Rückwand im Fernsehen ins Bild kommt, wird sofort klar werden, dass das der Plenarsaal ist. Einziger Unterschied zu heute: Wir werden die Holzverkleidungen lasieren und heller und freundlicher machen."

Kein "lyrisches Vorgehen"

Dennoch: Der Universität für Angewandte Kunst und der Expertengruppe Docomomo Austria, offizielle Beraterin der Unesco für Baudenkmäler der Moderne, ist das siegreiche Projekt, das die Jury seinerzeit als " lyrisches, feines Vorgehen" lobte, ein Dorn im Auge. Die Angewandte stellte im Herbst 2010 eine Studie über den baulichen Zustand des Saals fertig. Während das 170-seitige wissenschaftliche Gutachten fast eineinhalb Jahre lang unter Verschluss gehalten wurde, waren die Studienautoren zur Verschwiegenheit verpflichtet. Vor kurzem stellte Icomos die Studie der Öffentlichkeit vor.

Fazit: Der Plenarsaal zeichne sich durch Detailgenauigkeit und hohe Verarbeitung aus, zitiert Docomomo-Präsident Norbert Mayr. Der geplante Radikalumbau überschreite die Grenzen der akzeptablen Veränderung bei Weitem.

Und Architekturtheoretiker Jan Tabor stellte sogar fest: "Der österreichische Nationalratssaals ist Weltarchitektur. Das ist weder plumper Gewerkschaftsbarock, noch die damals übliche Nazi-Ästhetik. Der Neubauentwurf jedoch sieht aus wie ein beliebiger, billiger Hörsaal in einer Fachhochschule für medizinische Geräte."

"Keine Geheimniskrämerei"

Die Fronten sind verhärtet. Fragt sich nur: Warum gab es zuerst den internationalen Wettbewerb für die Sanierung des Saals - und erst danach den Auftrag zur Erstellung einer Studie? Und warum wurde das Ergebnis so lange geheim gehalten? "Der Vorschlag, den Saal zu analysieren, kam von der Angewandten", sagt ein Parlamentssprecher. "Und nein, wir haben die Studie nicht eineinhalb Jahre zurückgehalten, das war keine Geheimniskrämerei. Es gibt rund 130 verschiedene Expertisen zu diesem Objekt, und das dauert seine Zeit, bis wir alles der Reihe nach veröffentlichen können."

Wie es weitergeht, ist beschlossene Sache. Der Umbau wird nicht nur den Nationalratssaal umfassen, sondern das gesamte Gebäude. "Wir werden demnächst einen Wettbewerb mit Vorqualifikation ausschreiben", heißt es aus dem Parlament. "Wir sind zuversichtlich, dass wir das Baukomitee Ende des Jahres, spätestens Anfang 2013 an Bord haben werden."

Der 17 Millionen Euro teure Umbau des Plenarsaals wird aus diesem Verfahren ausgeklammert. Heidls Projekt wird in die 300 Millionen Euro teure Gesamtlösung miteinbezogen. Ein entsprechender Antrag auf Veränderung wurde im Bundesdenkmalamt nach Auskunft des Parlaments noch nicht eingegeben.(DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2012)

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achtung: 300 mio - das ist nur die zuerst genannte summe

bei derartigen bauvorhaben, die durch öffentliche gelder finanziert werden, wird IMMER die sogenannte SALAMI-TAKTIK angewandt.

zu beginn steht eine möglichst niedrige summe und dann - wenn es kein zurück mehr gibt - gelangen langsam (scheibchen für scheibchen) die wahren baukosten ans tageslicht. diese betragen idr mindestens das doppelte der zuerst genannten summe!

ICOMOS?

Sind das nicht die, die mit gefakten Hochhausdarstellungen moderne Architektur verhindern wollen?

Was bringt es wenn das Parlament Weltklasse ist und die Politiker Kreisklasse?

sorry aber das ist mir wirklich egal , tatsache ist das der Österreichische Nationalratssal Architektonisch viel mehr an DDR Zustände als an ein modernes land errinert , darf ich errinern das sehr oft wen wir im ausländischen Fernsehen vorkommen ( Ja ich weis das ist eher selten ) die aufnahmen aus eben diesem gebäude stammen !

Ich stimme für den Totalumbau

+ ein Extravorschlag

wie wäre es mit einem Schalldichten Käfig für die FPÖ damit man nichtmehr von deren Zwischenrufen gestört wird !?

Ich bin

für die schottische Lösung.

Oder irgendwas von Libeskind. Der stampft auch schonmal etwas Schickes für schlappe 60 Mio. aus dem Boden.

Naja

Ich bin der Meinung nicht weniger Demokratie muss her sondern bessere !

Inwiefern "besser"?

Einfach einen Antrag auf Aufnahme in das Weltkulturerbe stellen !

mit dem sparpaket sollten sich diese umbaupläne endgültig erledigt haben.

und ein funktioneller neubau in einem billigeren stadtviertel wäre allemal billiger und vernünftiger.

Ja, ich bin auch dafür das Parlament zu verkaufen (wird sich schon irgendein Ölscheich finden, der eine Wien-Villa will) und es stattdessen in einen Neubau in einem billigeren Viertel zu verlegen...

tempel architekturen waren vor mehr als 2000 jahren aktuell

heute empfinden vernünftige menschen politiker nicht mehr als götter. am besten und günstigsten wäre es den unnötigen tempel abzureissen und durch ein barrierefreies zelt zu ersetzen.

Da müsste sich doch im Gaddafi-Nachlaß etwas passendes finden lassen.

Dieses Forum ist, wie eigentlich alle Architekturforen im Standard und anderswo, auf dem untersten Kronenzeitungsniveau angekommen. Die Beiträge sind zum Weinen, agressiv und ahnungslos und voller Schreibfehler!

es muss manchmal schwer zu ertragen sein

perfekt und unfehlbar zu sein?

dann lesen sie mal die beiträge durch:
einer hat keine ahnung, warum das parlament im griechischen stil erbaut wurde, einer wundert sich, dass es architekturtheoretiker gibt, einer ist der meinung, das sei ein nachkriegsbetonklotz, einer sagt das muss billiger sein, weil man um 10 mio eine villa bauen kann, viele sind der meinung, gleich alles abreissen....
es wundert mich, bei dem feindlichen umfeld, dass sich unsere demokratie überhaupt so gut entwickelt hat.

"so gut entwickelt hat"

ironie?

trotz aller fehler ist österreich seit der nazizeit eine gut entwickelte, stabile demokratie geworden - meinen sie nicht?

gut

wenn man die nazizeit hernimmt, ist alles besser.

ich mag diese diskussion besonders wenn man bedenkt das wir dank ihr erleben dass das parlament nicht mehr zur nutzungfreigegeben ist hm vielleicht wird man das dann als anlass nehmen das gebäude auch von außen an dieser tollen weltarchitktur anzugleichen der west süd und franzjosefbahnhof sehen heute ja auch viel besser aus als diese altmodischen gründerzeitbauden die da vorher standen

"..soll der Nationalrat von 183 auf 165 Abgeordnete reduziert werden"

Die Grünen sind dagegen. Somit wird das auch nicht kommen.

ich bin auch gegen eine kosmetische Reduzierung.

Minus 30 PROZENT bei den Nationalratsabgeordneten SOFORT !

wie schön, die leute schaffen sich selber die demokratie ab und merken es offenbar nicht einmal.

meinen Sie,

dass mehr Abgeordnete gleich mehr Demokratie bedeutet?
Ich würde eher dafür plädieren, dass die dann wenigeren Abgeordneten öfter bei Plenarsitzungen und Ausschußsitzungen mitwirken und nicht durch Abweseneheit glänzen oder während der Sitzungen Schlafen oder Zeitungen lesen.

"Der österreichische Nationalratssaals ist Weltarchitektur"

Aha, so kann man den Nachkriegsarchitekturmief also auch bezeichnen. Ich fand jedenfalls den Plenarsaal immer nur fad und bieder, ähnlich dem Charme eines Wohnzimmers aus den frühen 50igern des 20. Jhds., in dem noch niemand das inzwischen längst abgewohnte Interieur erneuert hat. Seine angeblichen innenarchitektonischen Juwelen haben sich jedenfalls vor mir bis heute erfolgreich versteckt.

geschmaecker sind bekanntlich verschieden.
einen "mief" kann ich beim plenarsaal genauso wenig erkennen, wie etwa bei anderen beispielen der nachlriegsarchitektur (etwa den bahnhofsbauten wien west und sued). allesamt an funktionalitaet orientiert, klare strukturen und modern.

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